Bern, 22. Oktober 2004 

Nationaler Latsis-Preis 2004


Der Ökonom Simon Gächter erhält den Nationalen Latsis-Preis 2004 

Der Schweizerische Nationalfonds zeichnet den St. Galler Volkswirtschaftsprofessor Simon Gächter mit dem Nationalen Latsis-Preis aus. Er erhält den Preis im Wert von 100'000 Franken für seine interdisziplinär bahnbrechenden Forschungsergebnisse in der Kooperationsforschung.

Der Gewinner des Nationalen Latsis-Preises 2004 heisst Simon Gächter und ist Volkswirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen. Das Forschungsinteresse des 39-jährigen Ökonomen gilt den sozialen Dilemmata: Wie kommt kooperatives Verhalten auch dann zu Stande, wenn die gesellschaftlichen Strukturen «Trittbrettfahrer-Anreize» bieten, das heisst, wenn Individuen von den Vorteilen der Gemeinschaft profitieren können, ohne selber etwas beizutragen?

Simon Gächter hat herausgefunden, dass kooperatives Verhalten vor allem dann dauerhaft zu beobachten ist, wenn die kooperierenden Individuen die Möglichkeit erhalten, Trittbrettfahrer zu bestrafen. Dieses über die Wirtschaftswissenschaften hinaus bedeutsame Forschungsergebnis ist das Resultat einer innovativen Versuchsanlage, die Simon Gächter zusammen mit dem Zürcher Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr entwickelt hat: 240 Studentinnen und Studenten, die in kleine Gruppen aufgeteilt waren, erhielten gleich hohe Geldbeträge, aus denen sie jeweils einen beliebig hohen Betrag in eine Gemeinschaftskasse einzahlen konnten. Das Geld wurde darauf um einen bestimmten Faktor vermehrt und unabhängig von der Höhe der ursprünglich einbezahlten Beträge gleichmäßig an alle wieder verteilt. Ein Gewinn für die Studenten war also bei diesem (mehrmals wiederholten) Spiel nur durch die Einzahlungen der anderen möglich.

«Neu an dieser Versuchsanlage war die Sanktionsmöglichkeit», erläutert Gächter, der in Wien neben Volkswirtschaft auch Philosophie studiert hatte. Denn nachdem in einer ersten Spielphase vereinzelte Trittbrettfahrer (jene, die fast nichts in die Gemeinschaftskasse einbezahlt hatten) die Kooperation der ganzen Gruppe abwürgen konnten, wurden die Regeln erweitert: Neu konnten Profiteure entlarvt und bestraft werden. Diese in der Folge häufig genutzte Möglichkeit zur sozialen Kontrolle führte dazu, dass die Kooperation in den Gruppen nun dauerhaft funktionierte.

Antithese zum «homo oeconomicus»  

Besonders für Verhaltensbiologen von Bedeutung war ein weiterer Aspekt des Versuchs: Durch die von Runde zu Runde wechselnden Gruppen-Konstellationen wurde sicher gestellt, dass die Bestrafenden keinerlei Nutzen aus ihrem Verhalten ziehen konnten. – Dass die Trittbrettfahrer trotzdem bestraft wurden, spricht gegen die Prämisse eines prinzipiell eigennützigen «homo oeconomicus». Was die Bestrafer zu ihrem selbstlosen Verhalten motiviert, beschäftigt derzeit Verhaltenswissenschaftler verschiedener Disziplinen.

Dass die Resultate des Ökonomen Simon Gächter 2002 in der vorwiegend naturwissenschaftlich ausgerichteten Fachzeitschrift «Nature» erschienen sind, unterstreicht nicht nur deren internationale Bedeutung, sondern auch ihren interdisziplinären Stellenwert. Die Versuchsanlage zum «altruistic punishment»-Modell wurde bereits mehrfach mit unterschiedlichen Versuchsgruppen erfolgreich nachvollzogen.

Praxisrelevant könnten die Einsichten unter anderem für Fragen der Steuermoral oder der unternehmensinternen Zusammenarbeit sein. Die Ergebnisse zeigen nämlich, dass das Kooperationsverhalten sehr stark vom Verhalten anderer abhängt. Viele Menschen sind bereit, ihren Beitrag zum Gemeinwohl bzw. zur Teamarbeit zu leisten, wenn dies andere auch tun. Allerdings zeigen die Ergebnisse auch, dass es immer wieder Trittbrettfahrer-Typen gibt, die gerne vom Gemeinwohl oder von der Teamarbeit profitieren würden, ohne selbst dazu beizutragen. Soziale Kontrolle durch wechselseitige Beobachtung und Gruppendruck können nach Gächters Erkenntnissen zusätzlich dazu führen, dass auch sie sich gezwungen sehen, ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten.

Der mit 100'000 Franken dotierte Nationale Latsis-Preis ist eine der wichtigsten wissenschaftlichen Auszeichnungen der Schweiz. Der Nationale Forschungsrat unterstützt damit im Auftrag der Genfer Latsis-Stiftung junge Forschende im Alter bis zu 40 Jahren für besondere wissenschaftliche Leistungen in der Schweiz.

Die Preisverleihung findet am 13. Januar 2005 im Berner Rathaus statt.

Kontakt

Adresse des Preisträgers:

Prof. Dr. Simon Gächter
Forschungsinstitut für Empirische Ökonomie
und Wirtschaftspolitik (FEW-HSG)
Varnbüelstrasse 14
CH-9000 St. Gallen
Tel: +41 (0)71 224 23 20 (am 25.10.2004 bis ca. 15.00 Uhr erreichbar)
E-Mail: simon.gaechter@unisg.ch

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