Um die Wahrnehmung des Problems der Antibiotikaresistenz in der Schweizer Bevölkerung abzuklären, hat das Nationale Forschungsprogramm «Antibiotikaresistenz» (NFP 49) das Forschungsinstitut gfs.bern beauftragt, eine repräsentative Umfrage durchzuführen. Sie zeigt auf, dass die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber der Antibiotikaresistenz gross ist, denn eine Mehrheit von 54 Prozent der Befragten hat bereits von diesem Phänomen gehört. Die allermeisten Befragten haben ein sachliches Bild von der Antibiotikaresistenz: Sie wird fast von allen Befragten als Wirksamkeitsverlust von Antibiotika verstanden und oft spontan mit der Humanmedizin in Verbindung gebracht. Konfrontiert man die Menschen mit verschiedenen möglichen Ursachen der Resistenz, dann differenzieren sie wenig. So sind mehr als die Hälfte der Befragten der Ansicht, Antibiotikarückstände in den Nahrungsmitteln und der Einsatz von Antibiotika als Leistungsförderer in der Landwirtschaft seien für die Ausbreitung der Antibiotikaresistenzen sehr wichtig. Dies trifft aber gemäss Expertinnen und Experten nicht zu.
Im Weiteren deckte die Umfrage ein grosses Informationsbedürfnis auf: 40 Prozent der Befragten möchten mehr über die Antibiotikaresistenz wissen. Dieser Wert ist hoch, denn gleichzeitig fühlten sich 79 Prozent der Befragten in allgemeinen Fragen des Gesundheitswesens gut oder sehr gut informiert. Neben dem grossen Informationsbedürfnis hat die Umfrage der gfs.bern allerdings auch eine gewisse Verunsicherung zutage gebracht: 72 Prozent der Befragten gaben von sich aus an, wegen der Antibiotikaresistenz besorgt zu sein, 33 Prozent spüren sogar Angst davor.
Doch wer sollte über Fragen der Antibiotikaresistenz informieren? Die grösste Kompetenz schrieben die Befragten den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu. Danach folgten Ärzte, Pharmafirmen, Tierärzte und das Bundesamt für Gesundheit. Die Antibiotikaresistenz werde vor allem als Problem der Wissenschaft und weniger als Problem der Politik gesehen, folgern die Verantwortlichen der Studie bei gfs.bern.
"Das grosse Informationsbedürfnis und das grosse Vertrauen in die Wissenschaftler haben das NFP 49 veranlasst, eine Kommunikationsplattform als Anlaufstelle für die Medien, die Behörden und die Politik zu schaffen", sagt Jean-Claude Piffaretti, Präsident der Leitungsgruppe des Programms. Die Plattform ist also keine Auskunftsstelle für direkte Fragen aus der Bevölkerung. Für Empfehlungen und Verhaltensregeln hinsichtlich Antibiotikaresistenz sind nach wie vor der Hausarzt oder die Hausärztin und die verantwortlichen Behörden zuständig.
Die Kommunikationsplattform wird von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gebildet, die in der Forschung des NFP 49 zur Antibiotikaresistenz tätig sind oder die wissenschaftlichen Arbeiten als Mitglieder der Leitungsgruppe des NFP 49 begleiten. Derzeit sind dies:
- Prof. Dr. Patrick Francioli, Chefarzt beim Dienst für Infektionskrankheiten und Präventivmedizin des Universitätsspitals Lausanne
- PD Dr. Leo Meile, Labor für Lebensmittelbiotechnologie, Institut für Lebensmittelwissenschaft, ETH Zürich
- Prof. Dr. med. et phil. Kathrin Mühlemann, Institut für Infektionskrankheiten, Universität Bern und Universitätsspital Bern
- Prof. Dr. Jean-Claude Piffaretti, kantonales Institut für Mikrobiologie, Bellinzona
- PD Dr. Pierre Alain Raeber, Leiter der Sektion Epidemiologie und Infektionskrankheiten, Bundesamt für Gesundheit
- PD Dr. Katharina D. C. Stärk, Leiterin Bereich Monitoring, Bundesamt für Veterinärwesen
Um dem grossen Informationsbedürfnis der Bevölkerung entgegenzukommen und auf die Resultate der Umfrage zu reagieren, haben die Expertinnen und Experten der Kommunikationsplattform am 30. Juni vor den Medien zur Studie der gfs.bern Stellung genommen.
Zunehmendes Problem in Schweizer Spitälern
Die Infektiologin und Epidemiologin Kathrin Mühlemann von der Universität Bern legte dar, dass antibiotikaresistente Keime in der Schweiz seltener sind als in den meisten andern Ländern. «Allerdings fehlen für die meisten Krankheitserreger genaue Zahlen, und verfügbare Daten weisen auf einen steigenden Trend hin», ergänzt Mühlemann. So sind beim Bakterium Staphylococcus aureus (einem wichtigen Erreger von Haut- und Weichteilinfektionen sowie Blutvergiftungen) in den USA und in mediterranen Ländern 40 bis 50 Prozent der Isolate resistent gegen das Antibiotikum Methicillin, in der Schweiz hingegen nur 2 bis 25 Prozent, je nach Institution. Doch die MRSA, wie die Methicillinresistenten Staphylococcus aureus-Stämme genannt werden, nehmen auch hierzulande zu: Waren sie früher fast nur in grossen Spitälern zu finden, so treten sie heute immer häufiger auch in kleineren Institutionen auf. MRSA können vor allem für Spitalpatienten mit zusätzlichen Risikofaktoren (langer Spitalaufenthalt, chirurgische Eingriffe, Betreuung auf einer Intensivstation, schwächeres Immunsystem, höheres Alter) gefährlich werden. «Es ist erwiesen, dass bei einer schweren MRSA-Infektion die Sterblichkeit erhöht ist, verglichen mit einer Infektion durch einen Staphylococcus aureus ohne Resistenzprobleme», sagt Kathrin Mühlemann. Wieviele Menschen in der Schweiz pro Jahr mit MRSA-Keimen infiziert werden, wird zur Zeit nicht systematisch erfasst.
Da Zahlen zur Resistenzlage bei Krankheitserregern in der Schweiz nur bruchstückhaft vorhanden sind, hat das NFP 49 vor einem Jahr begonnen, das nationale Überwachungssystem für Antibiotikaresistenzen in der Humanmedizin SEARCH (Surveillance of Antibiotic Resistance in Switzerland) zu entwickeln, ein Projekt, das von Kathrin Mühlemann geleitet wird (siehe Medienmitteilung vom 13. Mai 2003). Der Nutzen von SEARCH ist vielfältig: Es gibt zum Beispiel den Ärzten eine Entscheidungshilfe für die Wahl einer möglichst gezielten und wenig resistenzfördernden Antibiotikatherapie und zeigt an, ob Massnahmen zur Kontrolle von Antibiotikaresistenzen wirksam sind.
Vielfältige und sich ergänzende Strategien nötig
«Antibiotika können durch alternative Heilformen ersetzt werden.» Dass diese Aussage voll oder eher zutrifft, glaubt rund die Hälfte der Befragten. Falsch, lautet die Antwort des Experten. «Gegen schwere bakterielle Infektionen wie Lungen- und Hirnhautentzündungen oder Blutvergiftungen gibt es keine Alternativen mit erwiesener Wirkung», sagt Patrick Francioli, Chefarzt am Universitätsspital Lausanne. «Trotz der Entwicklung von Resistenzen bleiben Antibiotika in der Medizin unverzichtbar.» Francioli plädiert deshalb für eine Strategie aus drei, sich ergänzenden Grundprinzipien: eine fachgerechte Anwendung von Antibiotika, vorbeugende Massnahmen gegen die Übertragung resistenter Krankheitserreger im Gesundheitssystem und schliesslich Impfungen. Er hält fest, der gegenwärtige Kenntnisstand erlaube es bereits heute, vielfältige und sich ergänzende Strategien zu entwickeln.
Überbewertung von Lebensmitteln und Landwirtschaft
Sehr wichtige Faktoren für die Verbreitung der Antibiotikaresistenzen beim Menschen seien Antibiotikarückstände in den Lebensmitteln und Antibiotika als Leistungsförderer in der Landwirtschaft, glaubte die Mehrheit der von gfs.bern Befragten. «Doch Tatsache ist, dass Antibiotikarückstände in Lebensmitteln in der Schweiz extrem selten sind», sagt der Lebensmittelbiotechnologe Leo Meile von der ETH Zürich. So haben umfangreiche Überwachungen der Lebensmittel durch das Bundesamt für Veterinärwesen im Jahr 2003 keine Überschreitungen von Grenzwerten ergeben.
Zudem sind Antibiotika als Leistungsförderer in der Schweiz seit 1999 verboten und ihr Verbrauch stark rückläufig; von 1994 bis 2001 hat der Einsatz von Antibiotika in der Veterinärmedizin denn auch um über 60 Prozent abgenommen.
Allgemein ist die Resistenzlage bei Bakterien von Tieren in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr günstig. Je nach Keim- und Tierart können aber Unterschiede auftreten, und bei Keimen von kranken Tieren wurde in den letzten Jahren eine Zunahme der Resistenzhäufigkeit festgestellt. Deshalb ist es wichtig, systematisch Daten zur Resistenzlage von Keimen zu sammeln, besonders von jenen, die zu Lebensmittelvergiftungen führen können, wie das Bakterium Campylobacter. In einer Studie des NFP 49 wurde deshalb unter der Leitung von Katharina Stärk vom Bundesamt für Veterinärwesen ein Konzept für die Überwachung von resistenten Campylobacter-Stämmen bei Poulets erarbeitet. Sie ergab, dass 7 Prozent des rohen Pouletfleischs in Schweizer Läden Campylobacter-Stämme enthalten, die gegen ein für den Menschen relevantes Antibiotikum resistent sind. Diese Überwachung soll im Rahmen des NFP49 auf zusätzliche Tierarten und Bakterien ausgedehnt werden.
Kontinuität und gesetzliche Grundlagen nötig
Für Pierre Alain Raeber, Leiter der Sektion Epidemiologie und Infektionskrankheiten des Bundesamts für Gesundheit ist es wichtig, dass die im NFP 49 erarbeiteten Massnahmen nach Abschluss des Programms im Jahr 2006 weitergeführt werden. Dies gilt insbesondere für das nationale Überwachungssystem für Antibiotikaresistenzen in der Humanmedizin (SEARCH). Dem Monitoring müsse ein Mittelpunkt gegeben werden, beispielsweise in der Form eines nationalen Zentrums für Antibiotikaresistenzen, fordert Raeber. Zudem müsse das Monitoring auf eine gesetzliche Grundlage (Meldeverordnung) gestellt werden. Für Pierre Alain Raeber wäre zudem die Einsetzung einer nationalen Kommission sinnvoll, die die Problematik der Antibiotikaresistenz in der politischen Agenda verankern würde.
*Das Nationale Forschungsprogramm «Antibiotikaresistenz» (NFP 49) hat den Auftrag, die Grundlagen für ein kontinuierliches Überwachungssystem zu entwickeln und eine Übersicht über die gegenwärtige Situation der Antibiotikaresistenz in der Schweiz bei Bakterien, die von Mensch und Tier, aus der Landwirtschaft, aus Lebensmitteln und aus der Umwelt herstammen, zu erstellen. Ausserdem soll die Gefahr der Mobilität von resistenten Bakterien und Resistenzgenen für zukünftige Therapien evaluiert werden. Molekulare Studie zur Resistenzbildung sollen neue Erkenntnisse für die Entwicklung von Antibiotika liefern. Auch die sozialen, rechtlichen, ethischen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Bildung von Resistenzen auf Antibiotika und einer allfälligen Neureglementierung des Antibiotikaeinsatzes sollen abgeschätzt werden. Das Programm verfügt für die Dauer von fünf Jahren über ein Budget von 12 Millionen Franken. Erste Forschungsarbeiten begannen im Juli 2001. Momentan laufen 23 Forschungsprojekte, die zwischen Ende 2004 und 2006 abgeschlossen sein werden.