Antibiotika helfen, bakterielle Infektionen zu bekämpfen. Doch obwohl sie bei Viruserkrankungen wie Grippe oder Erkältung wirkungslos sind, werden sie von Ärzten häufig auch in diesen Fällen verschrieben. Dies fördert die Entstehung resistenter Bakterien und verursacht unnötige Kosten.
Im Nationalen Forschungsprogramm «Antibiotikaresistenz» wurde nun erstmals systematisch der Antibiotikakonsum ausserhalb der Spitäler in der Schweiz untersucht. Ein Forschungsteam um Massimo Filippini, Professor an der Wirtschaftsfakultät der Universität Lugano und am Departement für Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich, wertete die Antibiotika-Verkaufszahlen der einzelnen Kantone aus. Das Resultat der im Fachblatt «Health Policy»* veröffentlichten Studie: Die Schweizer Ärzte verschreiben Antibiotika vergleichsweise zurückhaltend. Selbst die Kantone mit den höchsten Verkaufszahlen liegen deutlich unter dem europäischen Durchschnitt.
Junge und die Praxisdichte treiben den Konsum an
Grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Kantonen machen jedoch klar, dass immer noch unnötig viele Antibiotika geschluckt werden. So verschreiben Ärzte in Genf rund dreimal so viele dieser Medikamente pro Einwohner wie jene in Appenzell. Auf der Suche nach den Ursachen für diese Unterschiede verglichen die Tessiner Ökonomen mittels ökonometrischen Verfahren ihre Datensätze und die statistischen Kennzahlen der Kantone. Sie fanden insbesondere heraus, dass die Altersstruktur der Bevölkerung besonders grossen Einfluss übt: Menschen ab 65 Jahren nehmen weniger Antibiotika als Jüngere. Die Autoren vermuten, dass sie wegen fehlendem Kontakt am Arbeitsplatz weniger angesteckt werden. Nicht gemessen wurde jedoch der Antibiotikaverbrauch in Alters- und Pflegeheimen, da die Studie nur den ambulanten Konsum berücksichtigt.
Ein ebenso wichtiger Faktor ist die Praxisdichte: Je mehr Arztpraxen vorhanden sind, desto mehr Antibiotika werden konsumiert. Eine gute Bildung der Patienten und ein hohes Einkommen scheint den Konsum hingegen eher zu bremsen. Weitere Einflüsse wie ein tiefer Medikamentenpreis, ein hoher Ausländeranteil sowie die Häufigkeit von Infektionen kurbeln den Verbrauch von Antibiotika an. Keinen Einfluss hat die Apothekendichte. Offenbar existieren auch kulturelle Unterschiede bei der Verschreibungspraxis, denn das Welschland und das Tessin liegen am oberen Ende der Antibiotika-Skala.
Das Projekt der Tessiner Forschenden ist noch nicht abgeschlossen. Zur Zeit untersuchen sie, ob sich der in manchen Kantonen zugelassene Direktverkauf von Medikamenten durch Ärzte auf den Anti-biotikaverbrauch auswirkt, da diese Ärzte ein wirtschaftliches Interesse am Antibiotikaverkauf haben könnten.
Zusammenhang mit Antibiotikaresistenzen?
Eine weitere offene Frage ist das Verhältnis zwischen dem Antibioti-kakonsum und dem Auftreten resistenter Bakterien. Ein anderes Projekt des Nationalen Forschungsprogramms «Antibiotikaresistenz» wird bald helfen, diesen Punkt zu klären: Das Team um die Infektiologin Kathrin Mühlemann von der Universität Bern entwickelt ein nationales Überwachungssystem für Antibiotikaresistenzen.
* Filippini M, Masiero G, Moschetti K
Socioeconomic determinants of regional differences in outpatient antibiotic consumption: Evidence from Switzerland
Health Policy, 8. Nov. 2005, Online-Publikation