Doppelte Duftmission
Wie kann man Emotionen messen? Solche Fragen stellen sich die Forschenden im Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) "Affektive Wissenschaften – Emotionen im individuellen Verhalten und in sozialen Prozessen". Das musste zwangsläufig die Neugier des weltweit führenden Aromen- und Duftstoffherstellers Firmenich wecken. Entstanden ist aus dem Interesse eine langjährige Partnerschaft.
Oft steht eine kleine Begebenheit am Beginn eines grossen Projekts. Im Juli 2004 studiert Maria-Inés Velazco vom Unternehmen Firmenich das Programm der "Nacht der Wissenschaften": ein Top-Event des Genfer Sommers, an dem sie regelmässig teilnimmt. Als sie die Liste der Stände durchgeht, bleibt ihr Blick an einem Titel hängen, der von Forschern des Instituts für Psychologie der Universität Genf angeboten wird: "Wie kann man Emotionen messen?"
Diese Fragestellung musste zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Wissenschaftlerin erregen, die für einen der weltweit führenden Aromen- und Duftstoffhersteller arbeitet. "In der Woche darauf nahm ich Kontakt zum Institut für Psychologie der Universität Genf auf. Dort traf ich Professor Klaus Scherer. Er hob gerade den NFS "Affektive Wissenschaften" aus der Taufe. So kam es zu unserer Zusammenarbeit."
Der NFS "Affektive Wissenschaften" entstand im September 2005. Er ist in das interfakultäre Zentrum für Emotionsforschung der Universität Genf integriert. Zu den verschiedenen Forschungsprojekten unter der Leitung von Klaus Scherer zählt auch das gemeinsame Projekt mit dem Genfer Unternehmen.
Zunächst einigte man sich auf die Finanzierung des Gehalts für einen Postdoktorierenden über einen Zeitraum von zwei Jahren. Dessen Hauptaufgabe: Die Entwicklung einer Methode, um so genau wie möglich zu erfassen, welche Emotionen Gerüche auslösen und wie der Körper darauf reagiert. Antworten auf diese Fragen suchen Christelle Chrea und Sylvain Delplanque.
"Im Laufe des zweiten Jahres beschloss das Unternehmen, die Zusammenarbeit auf ein drittes Jahr auszudehnen", erzählt Sylvain Delplanque, Physiologe und Doktor der kognitiven Wissenschaften. "Dann legte Firmenich angesichts der Ergebnisse und der hervorragenden Vertrauensbeziehung, die sich entwickelt hatte, ein neues Programm über fünf Jahre auf. Dies sah einen jährlichen Beitrag von etwa 300‘000 Franken für ein Forschungsprojekt unter der Leitung von David Sander und Patrik Vuilleumier vor. So konnten wir unsere Forschungseinheit ‹Gerüche und Emotionen› einrichten.» Deren Ziele zeigen die grosse Bedeutung, die beide Partner der Grundlagenforschung beimessen. Das bestätigt Maria-Inés Velazco: "Seit 1985 setzt unser Unternehmen kontinuierlich auf die Zusammenarbeit mit der akademischen Welt. Unser Schlagwort heisst Innovation."
Der Schwerpunkt der gemeinsamen Projekte liegt auf der – stets anwendungsorientierten – Grundlagenforschung. Insbesondere die Arbeiten im neuen "Brain and Behavior Laboratory", das im März 2009 eingeweiht wurde, sollen die Erforschung der Geruchswahrnehmung beim Menschen voranbringen. "Mich beschäftigen derzeit die physiologischen Reaktionen auf die verschiedenen Gerüche", erklärt Sylvain Delplanque. Herzrhythmus, Hormonausstoss, Hirnströme, Temperatur und Durchblutung – Faktoren, die sich verändern, wenn der Körper auf Gerüche reagiert. Auch wenn alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft diese "Symptome" zeigen, nehmen sie Gerüche unterschiedlich wahr. "Die Kultur hat grossen Einfluss darauf, welche Gerüche wir bevorzugen. Auf jedem Kontinent – ja sogar in jedem Land – werden Gerüche völlig unterschiedlich bewertet."
Diese schlichte Feststellung ist für ein Unternehmen wie Firmenich von erheblicher Bedeutung. "Wir möchten verstehen, welche kognitiven Vorgänge im Menschen dazu führen, dass er sich für einen Duft entscheidet", erklärt Maria-Inés Velazco. "Ebenso möchten wir ergründen, wie der Mensch psychisch und physiologisch auf olfaktorische Reize reagiert." Sylvain Delplanque ergänzt: "Kulturelle Unterschiede kommen bei den meisten Gerüchen zum Tragen. Das gilt auch für die Feinparfümerie. Deshalb führt unsere Forschungseinheit derzeit gross angelegte Studien in Singapur, Grossbritannien, China, Brasilien und in den Vereinigten Staaten durch."
Soweit der augenblickliche Stand. Jedoch werden die Arbeiten vermutlich Jahre in Anspruch nehmen. "Wir haben bei Null angefangen", erklärt Maria-Inés Velazco. "Bevor das Projekt Früchte trägt, müssen wir noch viel an den Methoden und Rezepturen feilen. Aber gerade deswegen ist die Arbeit auch so interessant."
Nachdem das Projekt es bereits auf drei Publikationen in hoch angesehenen Zeitschriften zur Emotions- und Geruchsforschung gebracht hat, träumt Sylvain Delplanque jetzt davon, eine wissenschaftlich vollständige Übersicht über die physiologischen Reaktionen auf Gerüche zu erstellen. "Das allerdings ist ein Ziel, das ohne Zweifel noch in ferner Zukunft liegt – allein schon, weil es unglaublich viele Möglichkeiten gibt, Gerüche wahrzunehmen."