13.01.2012 

 

Forschungsnachwuchs: Macht die Schweiz genug? 

Zu seinem 60-jährigen Bestehen setzte sich der Schweizerische Nationalfonds (SNF) am 11. Januar 2012 in Bern gemeinsam mit 250 Teilnehmenden aus Forschung, Hochschulen und Politik mit der zukunftsgerichteten Frage «Nachwuchsförderung: Wo drückt der Schuh?» auseinander. Junge Forschende formulierten in Workshops ihre Anliegen. Die nachfolgenden engagierten und konstruktiven Diskussionen mit Entscheidungsträgern wurden abgerundet durch den ersten Auftritt des neuen Bundesrats Alain Berset an einem öffentlichen Anlass.

«Was passiert, wenn ich an die Universität gehe, und wie kann es dort für mich weitergehen?» - Für junge Studierende und Forschende sei diese Frage schon immer zentral gewesen, betonte Forschungsratspräsident Dieter Imboden zur Eröffnung des ersten Teils des SNF-Events vor 160 Nachwuchsforschenden. Anlässlich seines 60-Jahr-Jubiläums wolle es der SNF daher nun genau wissen: Wo drückt der Schuh, wenn es um die Nachwuchsförderung in der Forschung geht?  - Bereits die Ankündigung des Events «Forschungsnachwuchs: Macht die Schweiz genug?» hatte insbesondere beim Mittelbau an den Schweizer Hochschulen einige Diskussionen in Gang gesetzt.

Workshops als Basis
In Workshops erarbeiteten die jungen Forschenden am Morgen ihre konkreten Anliegen zuhanden von Politik, Hochschulen und SNF als Grundlage für die Diskussionen mit Entscheidungsträgern am Nachmittag. Für diesen zweiten Teil des Events durfte Hans Ulrich Stöckling, Stiftungsratspräsident des SNF, nebst den jungen Forschenden rund 100 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Hochschulen und SNF begrüssen. Erfreulicherweise entwickelte sich zwischen den Beteiligten ein konstruktiver und engagierter Austausch.

«Ein Echo aus der Politik»
Gleich zu Beginn lieferte der neue Präsident der WBK-S, Ständerat Felix Gutzwiller, zum Thema ein «Echo aus der Politik». Er hielt fest, dass es trotz der hohen Komplexität des Wissenschaftssystems gelingen müsse, die oft wenig mit Grundlagenforschung vertrauten Politiker davon zu überzeugen, «dass Forschung für die Zukunft der Schweiz absolut prioritär ist, noch vor anderen Bereichen!» Nur dann könne in der nächsten entscheidenden Legislatur des Parlaments die momentane Stagnation der öffentlichen Investitionen in die Forschung überwunden werden.

Hier drückt der Schuh!
Caspar Hirschi von der ETH Zürich präsentierte im Anschluss die aus den Workshops mit den jungen Forschenden hervorgegangenen Anliegen. Bezüglich der Ergebnisse stellte er fest, dass «die Forderungen der Nachwuchsforschenden aus den verschiedenen Disziplinen in den Hauptpunkten sehr ähnlich sind». Er nannte insbesondere folgende Bedürfnisse:

Anliegen an die Politik:

  • konsequente Anhebung der universitären Grundmittel proportional zum Steigen der Studierendenzahlen
  • stärkerer Druck auf die Universitäten in Bezug auf eine Vereinbarkeit von Forschung und Familie, speziell für Wissenschaftlerinnen
  • bessere und intensivere Koordination der Forschungspolitik zwischen Bund und Kantonen bzw. zwischen den verschiedenen Hochschulen

Erwartungen an die Universitäten:

  • bessere Betreuungsstrukturen für die Doktorierenden, verbunden mit einer systematischen und sanktionsfähigen Kontrolle der Betreuungsleistung von Professoren
  • attraktivere Perspektiven für den oberen Mittelbau (höhere Bezahlung, unabhängige Stellen, Assistenzprofessuren mit Tenure Track)
  • höhere Wertschätzung der Lehre mit entsprechenden Anpassungen der Karrierewege für Hochschullehrerinnen und -lehrer

Anliegen an den SNF:

  • mehr Druck auf die Universitäten zur Integration der vom SNF geförderten Forschenden
  • Möglichkeit für junge Forschende auf der Doktorats- und Postdoktoratsstufe, selbständig Projektanträge mit einem Beitrag zum eigenen Lebensunterhalt einzureichen
  • grössere Transparenz bezüglich der Gutachten und der Förderentscheide


Engagierte Podiumsdiskussion...
Die geäusserten Forderungen der Nachwuchsforschenden wurden in einer prominent  besetzten Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Hochschulen und SNF engagiert diskutiert. So erklärte sich Antonio Loprieno, Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS), mit der Forderung einverstanden, die Zahl der Tenure Track-Assistenzprofessuren zu erhöhen. Diese sollten zudem möglichst früh ausgeschrieben werden, damit gerade auch Schweizer Forschende und Frauen mehr Chancen hätten. Zudem sei die Etablierung von Doktoratsprogrammen und eine intensivere Betreuung von Doktoranden eines seiner Hauptanliegen. Seine grundsätzliche Bemerkung, dass alle genannten Forderungen einleuchten würden und soweit möglich in der Umsetzung seien, kommentierte Caspar Hirschi mit den Worten: «Ich bin froh, dass Verbesserungen am Laufen sind, doch die Veränderungen im Universitätssystem gehen so langsam, dass ich befürchte, dass noch eine weitere Forschergeneration mit hervorragenden Köpfen weitgehend verbraten wird.» Christoph Eymann, Präsident der Schweizerischen Universitätskonferenz (SUK) nannte schliesslich als beste Therapie mehr Geld seitens des Bundes: «Wichtig wäre, wenn jetzt zusätzlich zu den vorhandenen Finanzen in den nächsten 10 Jahren spezielle Programme zur Förderung des Mittelbaus gestartet werden könnten.»

...und die Sicht des SNF
Nachdenklich stimmte Forschungsratspräsident Dieter Imboden insbesondere die Forderung der Forschenden, der SNF solle mehr Druck auf die Hochschulen ausüben. Einerseits würde er von den Universitäten gerne verbindlich verlangen, die Förderungsprofessuren seien den eigenen Tenure-Track Assistenzprofessuren gleichzustellen und es sei  ihnen das Recht zur selbständigen Doktorandenbetreuung (Promotionsrecht) zu geben. Andererseits bestehe dann die Gefahr, dass die Universitäten nur noch jene Personen als Förderungsprofessoren akzeptierten, die sie ohnehin schon im Visier hätten, während die noch «Unentdeckten» leer ausgingen. Generell müssten aber alle jungen Forschenden das Recht haben auf eine Prüfung auf jeder Promotionsstufe. Das bedeute z.B. für Förderungsprofessuren zwar keine Garantie auf eine spätere ordentliche Professur, «aber eine Garantie für eine Prüfung mit einer echten Chance grösser als Null!».  Ein gutes akademisches System sei wie im Sport ein scharfes Pyramidensystem. Unbefriedigend sei aber, «dass Leute auf der Strecke bleiben, weil zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade keine geeignete Stelle verfügbar war!»

Dieter Imboden versicherte schliesslich, dass die Anliegen der jungen Forschenden nun nicht einfach in den Schubladen des SNF verschwinden, sondern mit den Hochschulen und der Politik weiterverfolgt würden. Er freute sich jedoch gleichzeitig darüber, dass die Forschenden zwar berechtigte Forderungen stellten, aber auch ein Verständnis dafür gezeigt hätten, dass sich nachhaltige Veränderungen immer auch im Rahmen politischer und institutioneller Gegebenheiten zu vollziehen hätten.

Erster Auftritt von Bundesrat Berset
Zum Abschluss des Events hatte Bundesrat Alain Berset als neuer Vorsteher des Eidg. Departements des Inneren seinen ersten Auftritt an einem öffentlichen Anlass. Er beglückwünschte den SNF zu seiner 60-jährigen erfolgreichen Förderungstätigkeit und lobte ihn insbesondere dafür, zum Jubiläum nicht einfach rückwärts, sondern in die Zukunft zu schauen. Er betonte die Bedeutung von gut ausgebildeten jungen Menschen für Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft und hielt fest, dass dem SNF für 2013 bis 2016 rund 600 Millionen Franken für die Karriereförderung zu Verfügung gestellt werden (siehe «Rede von Bundesrat Alain Berset» unter «Zu diesem Thema»).

Zusammenfassende Äusserungen von Caspar Hirschi und Dieter Imboden finden sich im Filmbeitrag zum Nachwuchs-Event.

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