Der Schweizer Forschungsplatz droht aufgrund der Europapolitik den Anschluss zu verlieren

Die Europapolitik der Schweiz erschwert den Austausch mit anderen Universitäten. Exzellente Forschung lebt aber von ambitionierten Spitzenforschern aus der ganzen Welt. Die Spitzenforschung in der Schweiz ist bedroht.

Vor einem Jahr wurde die Schweiz aus dem grössten europäischen Forschungsprogramm hinausgeworfen. Dies als direkte Folge der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative und der Nichtratifizierung des Protokolls für die Personenfreizügigkeit mit Kroatien.

Ironischerweise ist Kroatien aber genau eines der Länder, die der Schweiz grossen Reichtum an Wissen und Industrie gebracht haben. Um diesen Zusammenhang zu sehen, muss man 200 Jahre zurückgehen. Damals war die Schweiz ein relativ isoliertes und armes Land. Natürliche Ressourcen gab es nur wenige, und eines der wichtigsten Exportgüter waren Söldner, die in fremden Legionen dienten. Dank einer visionären Politik, die eine Internationalisierung der Universitäten anstrebte, wurden in der Schweiz aber bald zahlreiche Innovationen und ein hohes Mass an Wohlstand möglich.

Nobelpreise

Ein Meilenstein in dieser Innovationsgeschichte war die Eröffnung des Polytechnikums in Zürich im Jahre 1855 mit sechs Abteilungen und dreissig Professuren – zwei davon in der Abteilung Chemie. Heute beherbergt alleine das Departement Chemie über fünfzig Professuren aus der ganzen Welt, und sieben Mal erhielt die ETH Zürich einen Nobelpreis in Chemie.

Was viele nicht wissen: Gleich zwei davon gingen an kroatische Chemiker. Professor Leopold Ružička, der den Preis im Jahre 1939 erhielt, verschlug es über Deutschland und die Niederlanden in die Schweiz. Vladimir Prelog hingegen kam nach verschiedenen Aufenthalten in Tschechien und Deutschland an die ETH Zürich, wo er 1975 den Nobelpreis erhielt. Zusammen revolutionierten die beiden legendären Professoren das aufkommende Gebiet der organischen Chemie, ein grosser Teil des guten Rufs der Hochschule basiert auf ihren Errungenschaften.

Zahlreiche Kollaborationen des Departements Chemie mit der lokalen Industrie führten zudem zu stark lukrativen Wirtschaftszweigen, zu Tausenden von Arbeitsplätzen und trugen somit zum heute weltweit berühmten Schweizer Chemiestandort bei. Die Geschichte zeigt: Forschung darf sich nicht an nationale Grenzen halten. Erfolgreich geforscht wurde schon früher international und grenzenlos. Und heute ist diese Tendenz noch stärker geworden. Das Rad der Zeit lässt sich also nicht mehr zurückdrehen.

Nach dem Ausschluss der Schweiz aus dem grössten europäischen Forschungsprogramm vor einem Jahr konnte der SNF kurzfristig in die Bresche springen und lokale Notlösungen für zwei wichtige Instrumente des europäischen Forschungsrates anbieten. Damit ist vermieden worden, dass besonders exzellenten Forschenden in der Schweiz Mittel entzogen wurden. Der SNF konnte dabei aber bloss die Mittel ersetzen, nicht die Internationalität.

Um die Folgen des Ausschlusses besser zu verstehen, hat der SNF gemeinsam mit der Rektorenkonferenz der Hochschulen zu einer Datensammlung innerhalb der Forschungs-Community aufgerufen. Forschende in der Schweiz sollten die Folgen des Ausschlusses aus der europäischen Forschung erfassen. Obwohl die Daten nicht abschliessend sind, geben sie bereits heute einen wichtigen Indikator preis: Nur jedes dritte Projekt von den 120 eingegangenen Fällen konnte weitergeführt werden – allerdings ohne europäische Forschungsmittel. Viele Projekte wurden aus institutionellen Gründen ausgeschlossen, oder die Schweizer Forschenden mussten ihre Führungsrollen an Europa abgeben.

Freie Zirkulation von Ideen

Sind wir daran, die Exzellenz unseres in über 150 Jahren aufgebauten Forschungsstandorts zu verlieren? Erfolgreiche Forschung lebt von ambitionierten Spitzenforschern aus der ganzen Welt. Die besten Forschenden wollen zusammenarbeiten und sich austauschen – Erfolg generiert Erfolg. Es ist ihnen dabei egal, ob sie das in der Schweiz oder anderswo tun. Unsere Aufgabe ist es deshalb, zu garantieren, dass die besten Forschenden weltweit hier zusammenkommen.

Die besten Beispiele hierfür sind unsere Schweizer Universitäten und Hochschulen, allen voran die obengenannte ETH Zürich als stark internationale und gleichzeitig beste Hochschule auf dem europäischen Festland. Forschende aus allen Teilen der Welt haben über Jahrzehnte zu diesem Ruf beigetragen. Nur durch Kontinuität können Forschung und Industrie weiterhin zum Wohlstand der Schweiz beitragen. Die freie Zirkulation von Personen, Wissen und Ideen bleibt Voraussetzung dafür.

Doch was früher als selbstverständlich galt, nämlich der Austausch von Wissen und Personen zwischen verschiedenen Universitäten, geht heute über politische Wege und supranationale Verträge. Und genau diese Rolle nehmen in Europa die Forschungsprogramme ein, welche es seit den 1980er Jahren gibt. Wenn bis Ende 2016 keine Lösung im Bereich der Personenfreizügigkeit gefunden wird, ist auch das Übergangsabkommen hinfällig, das der Bundesrat Ende letzten Jahres noch hat aushandeln können. Und dazu ist auch eine Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien nötig, das Land, das uns zwei Nobelpreisträger gebracht hat.

Martin Vetterli
Präsident des Nationalen Forschungsrats des SNF

  

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