Integration mit Augenmass

22.03.2013

Für die Bewirtschaftung des Wassers sind in der Schweiz verschiedene Bundes-, Kantons- und Gemeindebehörden zuständig. Dadurch entstehen immer wieder kostspielige Reibungsverluste. Ein Projekt des Nationalen Forschungsprogramm „Nachhaltige Wassernutzung“ (NFP 61) zeigt nun: Eine stärkere, aber massvolle Integration der einzelnen Wasserbereiche führt zu einem nachhaltigeren und effizienteren Umgang.

Wasser nutzen wir tagtäglich auf vielfältige Weise. Und genauso vielfältig sind auch die Aufgaben, die Politik und Gesellschaft lösen müssen: Von der Trinkwasserversorgung und der Abwasserreinigung über den Hochwasserschutz bis hin zum Schutz der Gewässer als Lebensraum befassen sich verschiedene Behörden mit dem Thema Wasser. In der Praxis entstehen an den Schnittstellen der Bereiche aufgrund von administrativen Hürden und unterschiedlichen Sichtweisen jedoch immer wieder Reibungsverluste, die eine optimale Bewirtschaftung erschweren.

Musterlösung im Kanton Neuenburg

Besteht die Lösung darin, die einzelnen Bereiche der Wasserwirtschaft stärker zu integrieren, so wie dies beispielsweise die europäische Wasserrahmenrichtlinie fordert? Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Nachhaltige Wassernutzung" (NFP61) untersuchten Forschende, inwieweit dieser Weg in der Schweiz gangbar ist. "Anhand von Literaturstudien und Experteninterviews sowie in Workshops mit den Akteuren der Wasserwirtschaft haben wir festgehalten, wie die verschiedenen Bereiche heute zusammenarbeiten", sagt Projektleiter Bernhard Truffer, Leiter der Abteilung Umweltsozialwissenschaften an der Eawag. "In einem zwei-ten Schritt haben wir einen Vorschlag erarbeitet, wie der Übergang zu einer besser integrierten Wasserwirtschaft aussehen könnte."

Welche Vorteile ein integriertes Wassermanagement mit sich bringen kann, zeigt beispielhaft das Projekt "MultiRuz" im Val-de-Ruz zwischen Neuenburg und La-Chaux-de-Fonds. Die Talschaft litt vor einigen Jahren unter Wassermangel und einer schlechten Wasserqualität. Die Verantwortlichkeiten waren auf 22 Gremien verteilt. Anfang 2011 wurden deshalb ein Grossteil der Aufgaben einer neuen Trägerschaft übergeben – eine Pionierlösung in der Schweiz, die nicht nur die Probleme mit der Wasserqualität verbesserte, sondern auch zu Einsparungen von rund drei Millionen Franken jährlich führte.

Zentralistische Lösung nicht umsetzbar

Aufgrund der sechs untersuchten Fallbeispiele kommen die Forscher zum Schluss, dass das heutige fragmentierte System nicht mehr zeitgemäss ist. Für Truffer ist allerdings auch klar, dass zentralistische Lösungen, wie sie etwa in Frankreich eingeführt wurden, mit den föderalistischen Strukturen der Schweiz nicht vereinbar sind. Die For-scher empfehlen daher einen Mittelweg, der den politisch-gesellschaftlichen Strukturen gerecht wird. "Ein differenziertes Vorgehen verhindert unnötige bürokratische Strukturen", ist Truffer überzeugt. "Bei jedem Einzugsgebiet sieht die optimale Lösung anders aus."

Im Einzugsgebiet des Greifensees etwa, wo der Kanton Zürich mit einem Massnahmenplan eine nachhaltigere Bewirtschaftung der Gewässer anstrebt, müssen die Schwerpunkte anders gesetzt werden als im Val-de-Ruz oder im Wallis, das in den nächsten Jahren die dritte Rhonekorrektion umsetzt. "Integration ist kein Selbstzweck", meint Truffer. «Es geht darum, die Ziele im Einzugsgebiet möglichst effizient und kostengünstig zu erreichen." Dabei gilt es, den Nutzen und die möglichen Kostenersparnisse der Integration gegen den Koordinationsaufwand abzuwägen, der bei einer Neuausrichtung anfällt.

Bessere Akzeptanz

Konkret schlagen die Wissenschaftler ein abgestuftes Vorgehen vor: Der Bund erarbeitet zunächst eine nationale Wasserstrategie, welche die bereits bestehenden Teilstrategien verbindet, und macht Vorgaben, in welchen Fällen ein integriertes Wassermanagement eingeführt werden muss. Die Kantone klären dann ab, in welchen Einzugsgebieten eine stärkere Integration angezeigt wäre. Basierend darauf setzen sie – fachlich unterstützt vom Bund – zusammen mit den betroffenen Akteuren die entsprechenden Massnahmen um. Dieses Schweizer Modell ist nicht nur effizienter als eine zentralistische Lösung, sondern stösst bei den involvierten Akteuren auch auf eine höhere Akzeptanz.

An der Auftaktveranstaltung zum "Internationalen Jahr der Zusammenarbeit im Wasserbereich" stellen die Forschenden ihre Resultate an der Tagung "Wasser überwindet Grenzen - Beispiele und Chancen der Zusammenarbeit in der Schweiz" vor, die am 22. März 2013 in Bern stattfindet.

Nationales Forschungsprogramm "Nachhaltige Wassernutzung" (NFP 61)

Das Nationale Forschungsprogramm "Nachhaltige Wassernutzung" (NFP 61) erarbeitet wissenschaftliche Grundlagen und Methoden für einen nachhaltigen Umgang mit den Wasserressourcen, die unter zunehmendem Druck stehen. Das NFP 61 untersucht die von den klimatischen und gesellschaftlichen Veränderungen hervorgerufenen Auswirkungen auf diese Ressource und identifiziert die Risiken und zukünftigen Konflikte, die mit ihrer Nutzung verbunden sind. Das NFP 61 verfügt über 12 Millionen Schweizer Franken für eine Forschungsdauer von vier Jahren.

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Kontakt

Prof. Bernhard Truffer
Umweltsozialwissenschaften
Eawag
CH-8600 Dübendorf
Tel +41 58 765 56 70
E-Mail bernhard.truffer@eawag.ch