Integre Chefs?

18.11.2013

Hochschulen schützen die so genannte wissenschaftliche Integrität besser als auch schon. Gegen grosse Betrügereien von Forschenden sind sie aber kaum gewappnet. Von Marcel Falk

"Betrug ist in der Wissenschaft allzu einfach." Der niederländische Sozialpsychologe Diederik Stapel, der diese Aussage 2011 machte, muss es wissen. Mit erfundenen Daten erfundener Schulen baute er eine reich dekorierte Forscherkarriere auf, bis ihn drei seiner Doktoranden überführten. Sind solche Fälle Warnsignale, die auf weit verbreitete Betrugspraktiken in der Wissenschaft hinweisen? Oder zeigt Stapels Überführung, dass die Selbstkorrektur der Wissenschaft funktioniert? In der Schweiz fehlen gesicherte Zahlen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten. Integritätsbeauftragte und Ombudspersonen bestätigen die aus internationalen Studien bekannten Werte von jährlich etwa fünf Fällen pro tausend Forschender. Hochgerechnet ergäbe dies 150 bis 200 Fälle. Einig sind sich die Beauftragten zudem, dass die Dunkelziffer hoch ist. In einer oft zitierten Metaanalyse gaben zwei Prozent der Forschenden zu, Daten gefälscht oder erfunden zu haben, ein Drittel gestand kleinere Übeltaten. Bei ihren Kolleginnen und Kollegen dagegen vermuteten oder beobachteten die Befragten eine höhere kriminelle Energie als bei sich selber. Über 14 Prozent der Kollegen sollen betrogen und bis zu 72 Prozent gemauschelt haben.

Verstärkte Selbstkorrektur

Wissenschaftliches Fehlverhalten bleibt oft unentdeckt. Dabei ist die Wissenschaft mittlerweile besser gerüstet, Fehlverhalten zu ahnden, als noch vor kurzem. Sie hat ihre Instrumente zur Selbstkorrektur verstärkt. Ein Katalysator war offenbardas 2008 von den Akademien der Wissenschaften Schweiz veröffentliche Memorandum zur wissenschaftlichen Integrität. Viele Hochschulen installierten daraufhin Regelwerke und setzten Beauftragte für wissenschaftliche Integrität ein. Wie eine neue Analyse zeigt, fehlen Regelungen auf universitärer Ebene nur noch an der Università della Svizzera italiana, die gemäss mündlicher Auskunft entsprechende Regeln plant. Die Universitäten Neuenburg und Luzern behandeln in ihren Reglementen bislang lediglich Plagiate, erarbeiten aber zurzeit umfassendere Regelungen. Allerdings ist schwer zu beurteilen, was die Regelwerke bewirken. Viele Hochschulen publizieren nicht einmal die Anzahl der Fälle. Dezidierter tritt der Schweizerische Nationalfonds (SNF) auf. Er etablierte im Jahr 2009 Verfahren, mit denen man Fehlverhalten entdecken und ahndenkann, seit 2010 werden diese durch eine Software für Plagiate unterstützt. Innerhalb von zwei Jahren wurden so sechs Fälle entdeckt, die in anonymisierter Form auf der Website publiziert sind. "Wir wollen den Gesuchstellern klar machen, was nicht akzeptiert wird und welche Konsequenzen drohen", sagt Markus Röthlisberger, Jurist beim Schweizerischen Nationalfonds.

Zurückhaltende Rektorenkonferenz

Zwischen den Institutionen der Wissenschaft herrscht wenig Transparenz. Hoch-schulen informieren sich gegenseitignicht über Fälle, selbst wenn ein Forscher an mehreren Institutionen aktiv ist. "Mich störte es immer zu wissen, dass die Integrität eines Forschers in Frage gestellt ist, während ihm die nichts ahnende Hochschule womöglich eine verantwortungs-volle Position anvertraut", sagt Röthlisberger. Der SNF geht nun einen Schritt weiter. Mit dem neuen Forschungs- und Innovationsförderungsgesetz erhält ereine explizite gesetzliche Grundlage, um in Verdachtsfällen Informationen mit anderen Institutionen auszutauschen und Arbeitgeber über sanktionierte Forschende zu informieren.

"Trotz der Fortschritte wären dieSchweizer Institutionen bei einem grossen, komplexen Fall wohl nach wie vor überfordert", konstatiert Röthlisberger. Der Schweizerische Nationalfonds und die Akademien haben deshalb die Schaffung einer zentralen Stelle in Erwägung gezogen, welche die Verfahren koordiniert, wenn mehrere Hochschulen betroffen sind. Bislang zeigt sich die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten allerdings wenig interessiert.

Dabei würde eine zentrale Stelle ein weiteres Problem mindern: die Angst der Whistleblower, enttarnt zu werden. Oft stehen diese in einem Abhängigkeitsverhältnis zur angeschuldigten Person.Sie müssen sich deshalb auf die Diskretion der Ombudsperson verlassen können. Um deren Unabhängigkeit zu stärken, haben einige Hochschulen das Amt der Ombudsperson emeritierten Professoren anvertraut. Im ETH-Bereich gibt es sogar zehn Ombudspersonen. Damit können Forschende eine Person einer anderen Institution ansprechen. Eine nationale zentrale Stelle würde die Distanz zur Institution nochmals erhöhen. Dies ist wichtig: "Die meisten Betrugsfälle fliegen nicht im Peer-Review-Verfahren oder durch eine gescheiterte Replikation von Versuchen auf, sondern durch Whistleblower", sagt Michelle Salathé von der Kommission "Wissenschaftliche Integrität" der Akademien.

Der Tenor der Kommission: Wir brauchen eine Kultur der wissenschaftlichen Integrität. "Es braucht etwa Schulungen. Das Wichtigste aber ist, dass der Chef in-teger handelt und Vorbild ist", sagt Salathé. Den Ball aufnehmen möchte Louis Tiefenauer, Biochemiker am Paul-Scherrer-Institut und treibende Kraft für wissenschaftliche Integrität im ETH-Bereich: "Bei Schulungen zu wissenschaftlich korrektem Verhalten sagen Studierende oft, sie wüssten das durchaus, aber ihre Chefs nicht. Wir müssen nun die Forschungsleiterinnen und -leiter ausbilden und sensibilisieren."

Bis die Behörde kommt

Tiefenauer ist überzeugt, dass sich der Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten in den kommenden Jahren wandeln wird. Er verweist auf "Retraction Watch", einen Blog, der über zurückgezogene Fachartikel berichtet. Vor rund drei Jahren gegründet, hat der Blog mitgeholfen, dass Redaktoren von Fachzeitschriften heute eher Hinweisen nachgehen und über fehlerhafte Artikel berichten. Seither steigt die Zahl zurückgezogener Artikel stark. Was akzeptabel sei und was nicht, müsse im Detail ausgelotet werden, sagt Röthlisberger. Zudem brauche es mehr Anerkennung: "Forscher haben oft Besseres zu tun, als sich für das Thema Integrität zu engagieren. Insbesondere mit den aufgetretenen Fällen möchte sich kaum jemand auseinandersetzen", sagt Röthlisberger. Die Wissenschaft müsse jedoch ihr Haus selbst sauber halten: "Ansonsten wird das irgendwann eine Behörde tun."

(Aus "Horizonte" 98, September 2013)

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