Jenseits der qualitativen Färbung

27.11.2013

Ausgetüftelt von Gelehrten der frühen Neuzeit, hat die Statistik einen Siegeszug angetreten. Bei all seiner Nützlichkeit für die sozialstrukturelle Durchdringung der Gesellschaft: Das statistische Denken verdeckt oft die Sicht auf die Realität. Von Urs Hafner

Wie der "Blick" kürzlich unter Berufung auf die Schweizerische Depeschenagentur gemeldet hat, bringen laut einer neuen Studie Länder, deren Bewohnerinnen und Bewohner viele Milchprodukte konsumieren, überproportional viele Nobelpreisträger hervor. An der Spitze der Rangliste rangiert Schweden, am Schluss steht China. Die humorige Spekulation des Forschers: Milch enthalte viel Vitamin D und werde häufig in Kombination mit Schokolade konsumiert, deren hoher Gehalt an Flavonoiden die geistigen Fähigkeiten ebenfalls steigere.

Obschon die in einer renommierten Zeitschrift publizierte Studie als Kritik an der einfältigen Verwendung statistischer Daten gelesen werden könnte, wurde sie von einigen Medien dahingehend zitiert, dass der angedeutete Zusammenhang tatsächlich bestehe, dass also – dieser Schluss liesse sich ziehen – die Chinesen im Schnitt dümmer sind als die Westeuropäer. Die mediale Rezeption führt die Plausibilität der Ergebnisse auf die Autorität der Zahlen zurück. Damit stützt die Studie ein Bild der Wirklichkeit, von dessen Wirkmächtigkeit sie zugleich zeugt: Real ist, was sich numerisch belegen, was als Durchschnitt, als repräsentativ gilt.

Zuhinterst die Rumänen

Dass die statistische Sicht der Dinge nicht Klischees über die Chinesen reproduziert, sondern sozialkritisch ausfällt, ist kein Garant dafür, dass sie reflexiv erfolgt. Eine Unicef-Studie zitierend, hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kürzlich berichtet, es gehe den deutschen Kindern und Jugendlichen materiell gut, doch sie würden "immer unglücklicher". Gemessen am durchschnittlichen Lebensstandard, an den Bildungsmöglichkeiten, der Gesundheit und der Umwelt rangierten sie auf Platz 7 – Rang 1 nehmen die niederländischen Kinder ein, das Schlusslicht bilden die rumänischen mit Rang 29 , doch gemäss der Einschätzung ihrer Befindlichkeit landeten sie nur auf Rang 22. Auf dem letzten Platz stehen wiederum die Rumänen. Die Studie verweist damit auf ein grosses gesellschaftliches Problem: Dass Kinder sich trotz Wohlstand unwohl fühlen und die Lebensbedingungen für osteuropäische Jugendliche massiv schlechter sind als für nordeuropäische.

Auch die Unicef-Studie operiert mit quantitativen Daten und gibt die standardisiert und daher nur oberflächlich erfassten subjektiven Einschätzungen der Kinder als Durchschnittswerte wieder. Das Resultat ist zweischneidig: Was einerseits von den schwierigen Lebensbedingungen in Rumänien zeugt, zementiert andererseits das – letztlich abwertende – Vorurteil über die Armseligkeit seiner Bewohner. Dem durchschnittlichen rumänischen Kind geht’s schlecht – obschon es dieses Kind gar nicht gibt. Indem die Statistik alle Untersuchten in den gleichen Topf wirft, schafft sie eine eigene Realität.

Die Prognosen und das Ergebnis

Die meisten Medien pflegen ein inniges Verhältnis zum Register des Statistischen oder Vulgärstatistischen. Meldungen und Berichte, die mit quantitativen Daten aufwarten, erhöhen ihre Glaubwürdigkeit. Umgekehrt fühlen sich die Konsumenten in ihrer Sicht der Dinge bestärkt, wenn diese von der medialen Instanz geteilt wird. Im Fall der omnipräsenten repräsentativen Meinungsumfragen schliesst sich der Kreis: Die Medien produzieren tendenziell an Inhalten, was die Konsumenten sich wünschen, und die Konsumenten wünschen sich, was die Medien produzieren. Meinungsumfragen sind für Medien im Vorfeld von Volksabstimmungen besonders wichtig. Stetig begleiten sie den politischen Kampf, schrittweise steigern sie die Spannung. Zugleich aber gleichen die statistisch erhobenen Prognosen sich an das zu erwartende Ergebnis an. Die Statistik nimmt die Realität vorweg.

Auch in der Politik und in der Verwaltung spielt die Statistik eine wichtige Rolle. Kaum ein Entscheid beispielsweise der Migrationspolitik oder der Gesundheitspolitik kommt ohne Bezug auf Statistiken aus. Diese Politiken legitimieren sich, indem sie sich an sozialstrukturellen Kennzahlen ausrichten, etwa am Anstieg oder an der Abnahme der Asylgesuche oder dem Zusammenhang zwischen Lebensstil und Sterberisiko. Der politische Streit entzündet sich in der Regel an der Interpretation der Zahlen und den daraus abzuleitenden Massnahmen, nicht aber an den Zahlen selbst und am Wert, den man ihnen beimisst: einen bevorzugten Zugang zur Realität zu verschaffen.

Das statistische oder eben vulgärstatistische Denken ist zur dominanten Erkenntnisweise aufgestiegen. Sie prätendiert, objektiv zu sein (oder zumindest objektiver als andere Deutungsweisen). Ihren einzigartigen Status habe die Statistik durch eine "eigenartige Interaktion zwischen zwei ansonsten deutlich verschiedenen Autoritätsformen" erreicht, nämlich der Autorität der Wissenschaft und der des Staates, schreibt Alain Desrosières in seiner "Politik der grossen Zahlen". Seit dem 17. Jahrhundert emanzipierte sich die Philosophie von der Autorität der Religion und der Fürsten und entwickelte Denkweisen, mit denen zukunftsbezogene Entscheidungen untermauert und – mit Hilfe der Fehlerrechnung – die Grade der Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse bestimmt werden konnten.

Staatenkunde

Gleichzeitig gewannen zur Zeit des Absolutismus die Fürsten an Einfluss auf ihre Territorien und deren Verwaltung. Sie benötigten eine Statistik, die laut Desrosières als "kognitiver Äquivalenzraum" zur Wirklichkeit konstruiert war, mit dem Gesellschaften beschrieben, verwaltet und geformt werden sollten. In der Herausbildung dieser Statistik war Deutschland mit seinen unzähligen Fürstentümern führend. Der Begriff Statistik – also Staatenkunde – ist denn auch eine Wortschöpfung des deutschen Juristen und Historikers Gottfried Achenwall (oder eines seiner Kollegen). In England dagegen entwickelten sich die politische Arithmetik und Rechentechniken, während Frankreich gelehrte empirische Beschreibungen und Enqueten hervorbrachte.

Diese statistischen Stränge bestanden zunächst nebeneinander und waren keinesfalls unangefochten. Die deutsche Statistik etwa stiess zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den "Göttingischen Gelehrten Anzeigen", einer damals führenden wissenschaftlichen Zeitschrift, auf harsche Kritik: «Diese armen Narren verbreiten die verrückte Idee, dass man die Macht eines Staates durch die Kenntnis seiner Fläche, seiner Bevölkerung, seines Nationaleinkommens und der Anzahl Tiere erfassen kann, die seine Weiden ringsumher abgrasen.» Dass die statistische Erkenntnisweise eine Angelegenheit Verrückter sei, hätte bereits in der Jahrhundertmitte kaum noch jemand behauptet, jedenfalls keiner der Angestellten der vielen neu entstandenen staatlichen Statistikdienste. Das Eidgenössische Statistische Bureau – das heutige Bundesamt für Statistik – entstand im internationalen Vergleich spät, erst 1860. Die republikanische und föderale Schweiz war anfänglich gegenüber der numerischen Aufschlüsselung der Gesellschaft zurückhaltend.

Organisierter Kapitalismus

Der Durchbruch der modernen Statistik, wie sie heute in Wissenschaft und Politik angewendet wird, erfolgte ausgehend von den Vereinigten Staaten um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Das statistische Feld wurde unter dem Paradigma der Mathematik international vereinheitlicht: Meinungsumfragen auf der Grundlage repräsentativer Stichproben, volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, der Einsatz des Computers. Eine grosse Bedeutung hatte die Statistik beim sozialpolitischen Kampf um den Ausbau des organisierten Kapitalismus mit seinen Wohlfahrtseinrichtungen, weil man nun die Zahl der Bedürftigen und deren zur Existenz benötigte Mittel berechnen und darüber streiten konnte. Aber auch der politisch nicht weniger umstrittene Rückbau des Sozialstaats, der seit einigen Jahren im Gang ist, beruft sich auf statistisches Wissen.

Dieses wird nicht nur von der mathematisch ausgeklügelten Wissenschaft der Statistik produziert, die in der Schweiz an den Eidgenössischen Technischen Hochschulen stark vertreten ist und deren Operationen nur den Spezialisten verständlich sind. Unter der Ägide der hard sciences und neuerdings der big data haben sich in den meisten Wissenschaften quantifizierende Methoden etabliert. Während die Naturwissenschaften traditionell statistische Ansätze benutzen, halten diese seit einigen Jahrzehnten in den Sozialwissenschaften Einzug.

Die Politikwissenschaften, die Psychologie, die Ökonomie und Teile der Soziologie orientieren sich mittlerweile strikt am Erkenntnismodell der Naturwissenschaften. Unüberhörbar ist dabei ihr Stolz, die ehemals weichen, "unpräzisen" Disziplinen in "richtige" Wissenschaften transformiert zu haben. Das bedeutet freilich auch, dass sie nur jene Bereiche der sozialen Wirklichkeit angemessen erfassen, die quantifizierbar und experimentell reproduzierbar sind. Der grosse Rest – was Max Weber die "qualitative Färbung der Vorgänge" genannt hat – bleibt unsichtbar: Mentales, Deutungen, Gefühle, aber auch Handlungen, ja die gerinnende und sich verflüssigende soziale Realität.

Die Statistik ist die Leitdisziplin der sozialtechnologischen Planung und Steuerung der heutigen Gesellschaften. Dadurch wird von den Instanzen der Medien, der Politik und der Wissenschaften eine bestimmte Art von Wirklichkeit produziert – die Welt als eintöniges Aggregat von Zahlen und Mengenverhältnissen. Statistisch angeleitet, sucht die Gesellschaft sich diesem Aggregat anzugleichen.

Aus "Horizonte" 98, September 2013