Wer darf Vater, wer Mutter sein?

24.01.2014

Dieses Bild zeigt die Gay-Pride am Strand von Tel Aviv.  © Keystone/Laif/ Amos Schliack

In Israel sind das Recht und die Praxis der Fortpflanzungsmedizin liberalisiert – und von der jüdischen Ethik und von rabbinischen Vorstellungen von Verwandtschaft geprägt. Von Caroline Schnyder

In einem festlich geschmückten Saal in Be’er Scheva im Süden Israels wird die Geburt von Yoni gefeiert. Verwandte und Freunde sind gekommen, bringen Geschenke und freuen sich mit den stolzen Eltern Tami und Orna. Die beiden sind seit mehr als zehn Jahren ein Paar. Heiraten dürfen sie in Israel nicht, denn beide sind Frauen. Der biologische Vater ihres Sohnes ist ein anonymer Samenspender, Yoni wird ihn voraussichtlich nie kennenlernen.

Tami und Orna – die Namen sind geändert– gehören zu den Paaren, die Sibylle Lustenberger für ihre Dissertation interviewt und begleitet hat. Die an der Universität Bern promovierende Ethnologin geht der Frage nach, wie in Israel gleichgeschlechtliche Elternschaft entsteht und wie Familien mit zwei Vätern oder zwei Müttern gesellschaftliche Strukturen und Vorstellungen von Familie, Verwandtschaft und Judentum herausfordern.

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung dieser neuen Familien spielt die Fortpflanzungsmedizin, die in Israel rasch Fuss gefasst hat: 1981 wurde hier das erste Kind geboren, das ausserhalb des Mutterleibs gezeugt worden war, drei Jahre nach der Feburt von Louise Brown in Grossbritannien, dem historisch ersten "Retortenbaby". Israel entwickelte sich in der Folge zum Land mit den weltweit meisten Fruchtbarkeitskliniken und den meisten In-vitro- Behandlungen pro Kopf. Anders als etwa in der Schweiz sind auch die anonyme Samenspende, die Eizellenspende und die Leihmutterschaft zugelassen. Die staatliche Krankenversicherung übernimmt zu einem grossen Teil die Kosten der Fruchtbarkeitsbehandlungen, und zwar für alle Israeli, unabhängig von ihrer Religion oder ihrem Zivilstand.

Von Gott anerkannt

Diese vergleichsweise liberale Haltung hat, wie Sibylle Lustenberger betont, nichts mit Laisser-faire zu tun. Recht und Praxis der Fortpflanzungsmedizin sind in Israel von der jüdischen Ethik und von rabbinischen Vorstellungen von Verwandtschaft geprägt. Gemäss der jüdischen Bioethik sind Reproduktionstechnologien ein von Gott anerkanntes Hilfsmittel gegen Kinderlosigkeit. "Seid fruchtbar und vermehret euch", wie es im Ersten Buch Mose heisst, wird mit der Fortpflanzungsmedizin auch für diejenigen möglich, die bisher kinderlos blieben.

Die rabbinischen Vorstellungen von Verwandtschaft setzen aber gemäss Sibylle Lustenberger auch klare Grenzen: Kinder jüdischer Eltern, die mit der Hilfe neuer Technologien entstehen, sollen Juden sein. Dieser Grundsatz bestimmt die Gesetze und Praktiken rund um die assistierte Fortpflanzung. Das Leihmutterschaftsgesetz zum Beispiel geht von der Auffassung aus, dass das Judentum von der Mutter auf das Kind übertragen wird. Wenn ein Kind jüdisch sein soll, müssen auch die Leihmutter und gegebenenfalls die Eizellenspenderin jüdisch sein.

Die Ethnologin hat für ihr Forschungsprojekt Gesetzesvorlagen, Parlamentsentscheide und rabbinische Texte studiert und mit vielen Betroffenen gesprochen: Sie führte 65 Interviews und zahlreiche informelle Gespräche mit homosexuellen jüdischen Eltern und Paaren aus verschiedenen Orten Israels, von denen sie einige auch im Alltag begleiten konnte. Mit Ausnahme von vier Paaren hatten alle bereits Kinder. Wie waren sie zu diesen gekommen?

Geburt in Indien

Die meisten israelischen Frauenpaare, die sich Kinder wünschen, entscheiden sich wie Tami und Orna für die anonyme Samenspende. Diese steht in Israel unverheirateten Frauen und auch lesbischen Paaren zur Verfügung. Für ein Männerpaar mit Kinderwunsch ist die Situation schwieriger: Kinder zu adoptieren ist für ein Männerpaar beinahe ausgeschlossen, und gleichgeschlechtliche Paare dürfen in Israel keine Leihmutter in Anspruch nehmen. Seit 2005 weichen schwule Paare daher oft in Staaten aus, in denen sie Verträge mit Leihmüttern abschliessen können. Sie setzen sich damit über die rabbinischen Vorstellungen hinweg, gemäss denen ein von einer nichtjüdischen Leihmutter geborenes Kind nicht als jüdisch gilt.

Schwule Männer, die eine Leihmutter im Ausland suchen, wenden sich in der Regel an "Tammuz", die grösste in Israel tätige Leihmutteragentur, sagt Sibylle Lustenberger. In Indien zum Beispiel quartierte die Agentur die Männerpaare, die für die Geburt ihres Kindes nach Mumbai reisten, alle in dasselbe Hotel ein. Für die Forschungen der Ethnologin war dieser Umstand ein Glück: Während zweier Monate wohnte sie in diesem Hotel, beobachtete und sprach mit den Paaren, die zunächst auf die Geburt ihres Babys warteten – und dann auf dessen Einreisepapiere, die erst nach der Geburt des Kindes in Israel beantragt werden können.

Ein einziges Kind genügt oft nicht. Die Paare, die Sibylle Lustenberger getroffen hat, wollen eine Familie mit mindestens zwei und möglichst noch mehr Kindern. Wenn sie ihren Kinderwunsch erfüllen, meinen sie damit nicht, die Familie an sich zu revolutionieren, im Gegenteil. Wie andere jüdisch-israelische Familien feiern viele die Geburt eines Kindes mit einem Fest und zeigen damit, dass sie eine Familie sind und sein wollen, eingebunden in ihre Verwandtschaft und in ihren Freundeskreis. Bei manchen Paaren erfährt die weitere Verwandtschaft erst bei der Geburt eines Kindes von der Homosexualität ihres Neffen oder ihrer Cousine – oder ist erst in diesem Moment bereit, deren gleichgeschlechtliche Beziehung anzuerkennen.

Religiöse Rituale

Oftmals sind diese Feiern verbunden mit jüdischen Ritualen. Auch nichtreligiöse Paare lassen ihre Söhne beschneiden, für die Mädchen finden ebenfalls traditionelle Geburtsfeiern statt – die Kinder sollen sich zumindest in dieser Hinsicht nicht von ihren Kameraden unterscheiden. An der Feier zur Geburt von Yoni führte zum Beispiel ein orthodoxer Mohel die Beschneidung aus, ein religiöser, auf Beschneidungen spezialisierter Mann. Damit scheint der Mohel die rabbinische Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen zumindest in Frage zu stellen.

Sibylle Lustenberger gehört zu den ersten, welche die gleichgeschlechtliche Elternschaft in Israel erforschen, ein Thema, das ins Herz einer Gesellschaft zielt: Wer soll Vater oder Mutter sein können, was bedeuten Familie und Verwandtschaft, wer bestimmt über Normen und Zugehörigkeiten? In Israel hätten die Medien viel zur gesellschaftlichen Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Elternschaft beigetragen, sagt Sibylle Lustenberger. In der Schweiz ist das Thema in der Öffentlichkeit weit weniger präsent. Die Ethnologin würde sich wünschen, dass mehr über die gleichgeschlechtliche Elternschaft und die Reproduktionstechnologien geschrieben und gesprochen würde, kurzum: diese Themen enttabuisiert würden.

(Aus "Horizonte" 99, Dezember 2013)