Selfies, hundert Jahre alt

15.05.2014

Dieses Bild zeigt drei Freunde vor einer Kamera. © Schweizerisches Nationalmuseum

Neben der Familie zählen Freunde zu den wichtigsten Fotosujets der privaten Fotografie. Freundschaft zeigt sich oft in körperlicher Nähe der Abgebildeten. Von Caroline Schnyder

​Es ist, als posierten sie für ein Modejournal: Zwei junge Frauen in hellen ärmellosen Kleidern, die Pagenköpfe der Sonne zugewandt. Die grössere hat ihren Arm um die Freundin gelegt, die sich an sie anlehnt. Ein Lächeln deutet die Inszenierung an, die Lust am Spiel und am Posieren zu zweit. Die Fotografie aus dem Jahr 1934, vermutlich mit Selbstauslöser aufgenommen, stammt aus einem Fotoalbum von Doris Keiser-Zanolari und zeigt eine Szene auf dem Balkon des Pensionats in Lausanne, wo diese ihr Welschlandjahr verbrachte. Für Nora Mathys gehört das Bild zu den typischen Freundschaftsfotografien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für ihre Dissertation über die Darstellung von Freundschaft in der privaten Fotografie hat die Historikerin private Fotonachlässe aus dem Schweizerischen Nationalmuseum ausgewertet, 168 Fotoalben von Männern, 65 Alben von Frauen; hinzugezogen hat sie Einzelfotografien sowie Fotoratgeber und Fotozeitschriften. Der Untersuchungszeitraum deckt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ab, als mit den neuen, für die Oberschicht erschwinglichen Handkameras überall geknipst werden konnte, wo es hell genug war. Die Ergebnisse sind nachzulesen in einem wunderschönen Buch mit dem Titel «Fotofreundschaften», das in seiner Komposition und Gestaltung an ein Album erinnert.

Männliche Körperhygiene

Nora Mathys hat jedes einzelne Bild mit einer Digitalkamera aufgenommen und in einer Datenbank erfasst – ihre Untersuchung wäre vor zehn Jahren noch kaum möglich gewesen, sagt sie. Ihr Zugang zu den Bildern ist ein serieller. Denn erst in der Bildmasse zeigten sich Konventionen – etwa die Häufigkeit von Aufnahmen, die junge Männer bei der Körperhygiene zeigen, während es keine Fotos von Frauen in ähnlichen Situationen gibt –, Anpassungen und Modifikationen in der Bildsprache. Sotaucht etwa die heute geläufige Fotogeste, den Arm um die Schulter des Freundes zu legen, erst mit der privaten Fotografie auf; aus der Atelierfotografie oder der Malerei ist dieses Motiv nicht bekannt. Die Hauptfiguren in Nora Mathys’ Untersuchung sind Männer und Frauen zwischen 18 und 40 Jahren aus dem Bürgertum der Schweizer Städte. Die Fotos erschliessen daher auch Themen und Lebensabschnitte, die bisher kaum oder nur aus schriftlichen Quellen bekannt waren. Für das Welschlandjahr zum Beispiel, in dem junge Deutschschweizerinnen zu disziplinierten Müttern erzogen werden sollten, zeigen die Bilder, wie die Pensionärinnen sich den ihnen zugedachten Rollen zu entziehen versuchten. Wie aber werden Freundschaften überhaupt sichtbar, wie werden sie dargestellt? Ob auf Fotos Freunde abgebildet seien, könne vielfach nur über das Album erschlossen werden, sagt Nora Mathys, zum Beispiel weil eine Person dort häufig und in verschiedenen Zusammenhängen auftauche. In der privaten Fotografie zeigt sich Freundschaft nach ihren Erkenntnissen oft in körperlicher Nähe, die deutlich entspannter wirkt als in der Atelierfotografie. Natürlichkeit wird in der privaten Fotografie zum Ideal. Bei Frauen bleibt die gegenseitige Berührung ein wichtiges Mittel, um Vertrautheit darzustellen. Bei Männern sind Berührungen seltener und oft einseitig.

Relativierte Erinnerungsfunktion

Die Ausgelassenheit im Moment des Fotografierens, die man auch im Bild der beiden Frauen auf dem Balkon erahnt, ist nach Nora Mathys wesentlich beim Fotografieren unter Freunden. Scherzhafte Posen und theatralische Gesten seien auf zahlreichen Fotos zu finden. Solche Aufnahmen relativierten die Funktion des Erinnerns, die dem privaten Fotografieren oft allzu stereotyp zugeschrieben werde. Freunde fotografieren sich nicht nur, um sich aneinander oder an gemeinsame Erlebnisse zu erinnern, sondern um des Fotografierens, des fröhlichen Moments geteilter Theatralik oder Kreativität willen. Fotografieren unter Freunden bedeutete daher auch, so Nora Mathys, sich der Freunde und der Gegenwart zu versichern.

(Aus "Horizonte" Nr. 100, März 2014)


 

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