Nachdenken, in der Schweiz

23.05.2014

Dieses Bild zeigt Jean-Jacques Rousseau und Madame d’Epinay. © Keystone/Interfoto/Sammlung Rauch

Die grossen Aufklärungsphilosophen lebten in der Regel weder in der Eidgenossenschaft noch machten sie diese zum Thema ihrer Überlegungen. Und doch war die Schweiz ein Labor der politischen Theorie. Diese war allerdings nicht ausgeprägt demokratisch. Von Urs Hafner

​Die Schweiz hat traditionell den Ruf, ein freiheitliches Land zu sein. Da ist etwa das Bild einer Alpenrepublik, welche die Fantasien mancher Aufklärer und Romantiker beflügelt hat; ein Arkadien unverdorbener Berghirten und tugendstrammer Bürger. Oder da ist, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Vorstellung des liberalen Freistaats, der sich inmitten repressiver Monarchien behauptet und politische Flüchtlinge aufnimmt; die Schweiz, der Hort auch der Menschlichkeit.

Natürlich sind beide Bilder, die während des grossen Umbruchs zwischen 1750 und 1850 vom «Ancien Régime» zur «Moderne» unter den gebildeten Zeitgenossen Europas zirkulierten und bis in die Gegenwart überdauert haben, überzeichnet. Sie dienten oftmals den Bedürfnissen derer, die sahen, was sie sehen wollten, etwa eine idealisierte Freiheitsstätte. Beiden Bildern ist unter anderem eigen, dass sie ohne Denker und Philosophen auskommen. Die Eidgenossen und ihre Frauen, das sind Bauern und Krieger, keine Intellektuellen. Und doch lebte und wirkte während der Sattelzeit in den reformierten Städten Genf, Lausanne, Bern, Basel, Zürich und Neuenburg eine Vielzahl politischer Denker, die heute nur mehr ausnahmsweise dem Namen nach bekannt sind: Emer de Vattel, Isaak Iselin, Johannes von Müller, Karl Viktor von Bonstetten, Benjamin Constant, Johann Heinrich Pestalozzi, Germaine de Staël, Karl Ludwig von Haller, Johann Caspar Bluntschli und andere mehr. Der grosse Jean-Jacques Rousseau ist quasi die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.

Analytiker der Staatenwelt

Trotz ihren unterschiedlichen politischen Ausrichtungen und Arbeitsgebieten gibt es zwischen diesen Denkern Gemeinsamkeiten: Sie und ihre Schriften seien im gesamten deutsch- und französischsprachigen Raum diskutiert worden, sie hätten sich bestens in den damaligen ökonomischen, politischen und kulturellen Diskursen Europas ausgekannt und sie seien scharfe Analytiker des – modern gesprochen – internationalen Staatswesens gewesen, sagt Béla Kapossy. Der an der Universität Lausanne lehrende Ideenhistoriker, fast der einzige der Schweiz, erforscht das politisch-ökonomische Denken der Sattelzeit seit längerem gründlich.
Eine weitere Gemeinsamkeit der von ihm und seinen Dissertanden erforschten Autoren: ihre besondere, durch die territoriale Kleinheit der Eidgenossenschaft bedingte Perspektive. Die Denker hätten verstehen wollen, wie Europa funktioniere, um der Schweiz ihren bescheidenen Platz zwischen den fürstlichen Reichen zu sichern. Gegenüber den damals gängigen Friedenstheorien seien sie kritisch eingestellt gewesen, weil sie dahinter – oft zu Recht – Grossmachtinteressen vermutet hätten. Sensibler als andere Beobachter des Zeitgeschehens hätten sie imperiale Untertöne wahrgenommen.


Moralische Debatten

Nun würde man vermuten, dass die in der republikanischen Eidgenossenschaft sozialisierten Denker republikanische Theorien gepflegt hätten. Im Gegensatz zu dem in der frühen Neuzeit verbreiteten Monarchismus, der für die Regierung von Gemeinwesen die Einherrschaft vorsah, rechtfertigte der Republikanismus die viel seltenere Vielherrschaft, die durch den Adel oder durch Vertreter des «Volks», also durch Bürger, durch Kaufleute oder gar Handwerker, ausgeübt wurde. Der Monarchismus sah das Erbprinzip vor, der freiheitliche Republikanismus Wahlen. Die Philosophin Hannah Arendt hat das Verständnis des Politischen, das im Republikanismus zum Ausdruck kommt, bis in die «Polis» der griechischen Antike zurückgeführt. In Athen seien die Politik und – damit untrennbar verbunden – die «weltlich sichtbare Freiheit» erfunden worden. Freiheit realisiere sich im öffentlichen Vollzug des politischen Handelns unter Gleichen. Gleich sind etwa die mit gleichen Rechten ausgestatteten Bürger einer Stadt, die sich selbst regiert, in der Eidgenossenschaft etwa die Zunftrepublik Zürich.

Eine Aufwertung des politischen Handelns im Sinne Arendts hat Béla Kapossy jedoch unter seinen Denkern nur bedingt gefunden; Rousseau, der konsequent die Volkssouveränität propagierte, war – einmal mehr – eine Ausnahme. Vielmehr hätten die Denker sowohl im 18. als auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts moralische Debatten über die politischen Eliten geführt: Wie diese handeln sollten, ob sie beispielsweise die tonangebenden Familien der Munizipalstädte aufwerten sollten, um Revolten zu verhindern. Das in der und über die Eidgenossenschaft gepflegte politische Denken war also herrschaftskritisch, aber nicht in einem demokratischen Sinn republikanisch.

Das war auch der Liberalismus des frühen 19. Jahrhunderts nicht. Wie andere Liberalismen berief er sich auf die Marktkräfte, trieb er den Abbau politischer Regulation und die Abschaffung der Zünfte voran. Das britische ökonomische Denken stand in der Eidgenossenschaft hoch im Kurs. Allerdings weist der schweizerische Liberalismus laut Béla Kapossy einige Besonderheiten auf: Er habe ein grosses Sensorium für Spannungen zwischen Politik und Ökonomie und für den sozialen Zusammenhalt und Frieden. Die negativen Folgen der wirtschaftlichen Liberalisierung – Armut und Verelendung der unteren Schichten – seien von ihm benannt und kritisiert worden. Er habe dazu beigetragen, dass in der Schweiz Institutionen der Sozialversicherung eingeführt worden seien. In Europa habe der schweizerische Liberalismus, der bewundert worden sei, als antikolonialistisch und antiimperialistisch gegolten.

Konservatismusverdacht

Doch warum ist dieses politische Denken der Schweiz sogar hierzulande in Vergessenheit geraten? Zum einen sei die Aufklärungsforschung traditionell literaturwissenschaftlich geprägt und frankreichorientiert, sagt Béla Kapossy; das Politische und die Schweiz seien durch ihre Maschen gefallen. Zum anderen sei die Disziplin der Ideengeschichte in den letzten Jahrzehnten kaum mehr betrieben worden. Sie sei von der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verdrängt worden und stehe zu Unrecht unter Konservatismusverdacht.

Ob die politische Ideengeschichte, die heute selbstredend die soziale Dimension ihrer Protagonisten berücksichtigt, sowohl das Herkunftsmilieu als auch den von ihnen vertretenen intellektuellen Diskurs, vor einer Renaissance steht? Nun, da die prosperierenden Jahre für den Grossteil der Bevölkerung vorbei sind, dürften die Verteilungskämpfe sich weiter verschärfen. Wenn aber vermehrt gekämpft wird, wird – hoffentlich – auch wieder vermehrt argumentiert und debattiert.

(Aus "Horizonte" Nr. 100, März 2014)

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