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04.06.2014

Dieses Bild zeigt die Grafik "Kooperation mit Osteuropa" © SNF

Seit einem Vierteljahrhundert unterstützt das Forschungsprogramm Scopes wissenschaftliche Kooperationen zwischen der Schweiz und osteuropäischen Staaten. Das Interesse an dem Förderinstrument ist ungebrochen. Von Simon Koechlin

25 Jahre ist es her, dass der Eiserne Vorhang fiel, der für Jahrzehnte Osteuropa und die Sowjetunion von der westlichen Welt getrennt hatte. Es war ein historischer Moment – und der Anfang eines schwierigen Prozesses für die ehemals kommunistischen Staaten. Von einem Tag auf den anderen hiess es für sie Markt- statt Planwirtschaft. Die Industrie musste sich plötzlich einer globalen Konkurrenz stellen. Das führte in vielen osteuropäischen Ländern zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch.

In dieser Situation verabschiedete das Schweizer Parlament – wie andere westeuropäische Länder – einen Hilfskredit, um die angeschlagenen Staaten zu unterstützen. "Früh kam die Idee auf, mit einem Teil des gesprochenen Geldes die Wissenschaft in den betroffenen Ländern zu stärken", sagt Evelyne Glättli von der Abteilung Internationale Zusammenarbeit des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Glättli koordiniert das Programm Scopes (Scientific Co-operation between Eastern Europe and Switzerland), das der SNF im Jahr 1990 mit Geldern aus dem Osteuropakredit gemeinsam mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) lancierte.

Ideologischer Einschlag

"Angefangen hat Scopes ganz klein", sagt Glättli. Bis 1995 wurden zahlreiche kleine Forschungsprojekte, Personenaustausche und Konferenzteilnahmen unterstützt. Finanziert wurde das Programm zunächst allein von der Deza. Ab Mitte der 1990er Jahre stieg das Interesse stark an, das Programm wurde grösser – und wird heute vom SNF und von der Deza zu je etwa der Hälfte finanziert. Auch die Palette der Unterstützungsmassnahmen wurde breiter. Heute wird der Grossteil der Fördermittel für zwei Massnahmen eingesetzt: zum einen gemeinsame Forschungsprojekte, in denen osteuropäische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gemeinsam mit Schweizer Partnern Forschungsprojekte durchführen; zum anderen institutionelle Partnerschaften, bei denen die Partner aus der Schweiz ihre Kolleginnen und Kollegen in Osteuropa dabei unterstützen, die Modernisierung des Forschungsumfelds voranzutreiben.

In den sozialistischen Ländern seien Wissenschaft und Forschung zur Zeit des Kalten Kriegs anders organisiert gewesen als in Westeuropa, sagt Glättli. Grundlagenforschung betrieben die staatlichen Akademien. An den Universitäten dagegen wurde kaum geforscht, sondern nur gelehrt, mit starkem ideologischem Einschlag. Dazu kamen Institute, die sektorielle Forschung betrieben, also zum Beispiel beschränkt auf die Landwirtschaft. "Zwischen diesen drei Sparten gab es nur wenig Austausch", sagt Glättli. "Zudem waren die Organisation und die Abläufe oft wenig effizient und effektiv. In einzelnen Instituten waren häufig einige hundert Personen beschäftigt." Allerdings habe es in den osteuropäischen Ländern immer auch viele ausgezeichnete Forschende gegeben. Russland hat eine lange Tradition als wissenschaftliche Grossmacht.

Bereichernde Partnerschaften

"Darum sind gemeinsame Projekte mit osteuropäischen Kollegen auch für Forschende aus der Schweiz interessant", sagt Glättli. Gerade in den Natur- und Ingenieurwissenschaften kann es bereichernd sein, mit Forschenden in Osteuropa zusammenzuarbeiten, da es in diesem Bereich viele talentierte Jungforscherinnen und Jungforscher gibt. Auch andere Gründe machen das Scopes-Programm für Schweizer Forschende interessant, etwa Fragestellungen, die sich in unserem Land nicht untersuchen lassen. So gibt es in Osteuropa Archive, Ökosysteme oder Patientengruppen, die in der Schweiz nicht existieren.

Laut Glättli entspringen Scopes-Projekte häufig bereits bestehenden Partnerschaften oder Kontakten zwischen Forschenden aus Oststaaten und der Schweiz. Manche Schweizer Projektpartner sind gar Forschende, die ursprünglich aus Osteuropa stammen und die noch Beziehungen mit ihren Herkunftsländern pflegen. So wie Mikhail Shaposhnikov vom Labor für Teilchenphysik und Kosmologie der ETH Lausanne. Er stammt aus Russland und hat bereits zwei Scopes-Projekte mit Kollegen aus seiner ehemaligen Heimat – und aus anderen osteuropäischen Ländern – geleitet. Er habe bis 1991 in der Sowjetunion geforscht und kenne aus dieser Zeit noch viele Wissenschaftler, sagt Shaposhnikov. Weil zudem auf seinem Forschungsgebiet in diesen Ländern hervorragende Forschung betrieben werde, sei es für ihn eine "natürliche Sache" gewesen, mit dortigen Kollegen Kontakt aufzunehmen und die Scopes-Projekte zu initiieren. Die Projekte verliefen "sehr erfolgreich", wie Shaposhnikov sagt. Für die osteuropäischen Partner sei die finanzielle Unterstützung wichtig gewesen. "Postdoktoranden und Forscher verdienen in Russland, der Ukraine oder Georgien so wenig, dass sie kaum davon leben und deshalb oft Nebenjobs nachgehen müssen. Dank Scopes konnten sich die am Projekt beteiligten Postdocs voll auf die Wissenschaft konzentrieren." Für die Schweizer Projektpartner sei interessant gewesen, dass "enthusiastische junge Forscher hierher kamen und mit uns geforscht haben".

Nicht kostendeckend

Auch bei Thomas Breu vom Zentrum für Entwicklung und Umwelt der Universität Bern führten bestehende Kontakte zu einem Scopes-Projekt. Er arbeitete für mehrere Jahre im Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) Nord-Süd mit Partnern aus Tadschikistan und Kirgistan zusammen. Mit einem Scopes-Projekt, bei dem Forschende in den beiden zentralasiatischen Ländern in der Anwendung geografischer Informationssysteme ausgebildet wurden, habe sich die Möglichkeit geboten, diese Partnerschaft zu festigen, sagt Breu. «Auch wir haben profitiert», sagt Breu. So hätten zum Beispiel Schweizer Masterstudierende in diesen Ländern viel gelernt über die dortigen Herausforderungen. Zudem könne man mit solchen Projekten vor Ort präsent bleiben und erhalte Zugang zu aktuellen Informationen. Solche Projekte seien allerdings nicht kostendeckend für die Schweizer Seite, sagt Breu.

Evelyne Glättli bestätigt, dass Scopes-Projekte geldmässig für Schweizer Forschende nicht sonderlich attraktiv sind. «Der Grossteil der gesprochenen Gelder geht an die Projektpartner in Osteuropa», sagt sie. Die beteiligten Schweizer Forscher erhalten nur Mittel für Extra-Auslagen wie zum Beispiel Reisespesen. Trotzdem erfreut sich das Fördergefäss grosser Beliebtheit: Im vergangenen Jahr gingen rund 350 Gesuche ein. «Gerechnet hatten wir mit ungefähr 200 Gesuchen», sagt Glättli. Die Folge: Mit den zur Verfügung stehenden Fördermitteln konnten nur knapp 20 Prozent der Begehren bewilligt werden, viele gute Projekte mussten abgelehnt werden.

Im Vergleich mit anderen Fördereinrichtungen mit ähnlichen Programmen ist die grosse Anzahl Länder, mit denen die Schweiz im Rahmen von Scopes zusammenarbeitet, aussergewöhnlich. Viele EU-Länder beschränkten ihre Projekte auf ein Land oder auf eine Region, zum Beispiel Zentralasien. Im Lauf der 25 Jahre haben sich die Projektschwerpunkte immer wieder verschoben. Hinzu gekommen sind in letzter Zeit der Balkan, der Südkaukasus und die zentralasiatischen Länder. So gehören Serbien und Georgien heute neben Ländern wie Russland, der Ukraine, Bulgarien und Rumänien zu den häufigsten Scopes-Partnern. "Serbien scheint realisiert zu haben, wie wichtig die Forschung für seine Entwicklung ist", sagt Glättli. Serbische Forschende, die sich Scopes-Forschungsgelder sichern, erhalten als «Belohnung» vom eigenen Staat Extra-Fördermittel.

So haben in den letzten 25 Jahren Hunderte von Scopes-Projekten die Wissenschaft in Osteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vorwärts gebracht. Es gehe darum, die Forschung in Osteuropa "fit" zu machen, damit sich die Forschenden dort an den EU-Programmen beteiligen können, sagt Evelyne Glättli. Einerseits seien es nicht alle Wissenschaftler gewohnt, entsprechende Anträge zu verfassen und ihre Resultate erfolgreich in wissenschaftlichen Zeitschriften zu platzieren. Andererseits seien die Strukturen in vielen Ländern auch ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer nicht mit jenen in Westeuropa vergleichbar. "Die unterstützten Teams sind eine Art Keimzellen, die solche Veränderungen anstossen", sagt Glättli. Und jedes weitere Projekt kann einen idealen Nährboden für die Stärkung der Kompetenzen und eine bessere Vernetzung bieten.

(Aus "Horizonte" Nr. 101, Juni 2014)

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