Im Gespräch: Monika Dommann über das Urheberrecht und den Wert des Buchs

18.06.2014

Dieses Bild zeigt Monika Dommann. © Valérie Chételat

Das Urheberrecht gerät von der Internetgeneration unter Druck, in der Wissenschaft ist "Open Acces" auf dem Vormarsch. Das Medium Buch bleibe jedoch für die Geisteswissenschaften zentral, sagt die Historikerin Monika Dommann. Von Urs Hafner

​Frau Dommann, Sie haben ein schönes und stattliches Buch über die Geschichte des "Copyright" geschrieben. Besitzen Sie die Urheberrechte an Ihrem Buch?

Nein, ich habe die Rechte, nachdem ich zehn Jahre intensiv an dem Buch gearbeitet habe, einem Publikumsverlag abgetreten. Im Gegenzug musste ich keine Druckkostenzuschüsse zusammenklauben, hat sich ein Lektor mit dem Text auseinandergesetzt, haben Grafiker einen schönen Umschlag gestaltet und kümmert sich die Marketingabteilung um angemessene Reklame am richtigen Ort. Das alles hätte ich allein nicht bewältigen können. Ob der Entscheid richtig war, werde ich in einigen Jahren wissen, wenn die digitale Revolution noch weiter fortgeschritten ist.


In der Welt der Wissenschaft ist "Open Access" gross im Kommen. Das Argument: Arbeiten, die von der öffentlichen Hand finanziert worden seien, müssten frei verfügbar sein. Warum haben Sie Ihr Buch nicht als PDF ins Netz gestellt?

Das hätte ich tatsächlich machen können. Aber ich traue dem Internet und seinem Algorithmus zu wenig, als dass ich ihm diesen Text anvertraut hätte. Ich weiss nicht, in welche Kanäle er geraten, ob er gar verschluckt würde. In diesem Fall ist mein Interesse ein anderes als das der Öffentlichkeit. Nur: Was ist das "öffentliche Interesse"? Ist es ein Bewohner des Trikont, den ich ausschliesse? Sind Sie es? Das "öffentliche Interesse" ist wie der "Autor" eine Fiktion, die seit über zweihundert Jahren für alles Mögliche herhalten muss.

Das Urheberrecht sichert einem Künstler den Besitz an seinem Werk. Es schützt geistiges Eigentum. Was ist "geistiges Eigentum"?

Das moderne Urheberrecht wurde Ende des 18. Jahrhunderts aufgestellt. Es sollte die "immateriellen Güter", die Erzeugnisse der Geistesarbeiter und Geistesarbeiterinnen schützen. Diese sollten die Vervielfältigung und die Zirkulation ihrer Werke kontrollieren können und sich zur Wehr setzen, falls diese nicht in ihrem Sinn gebraucht würden. Hinter dem Urheberrecht steckt die aus der Frühen Neuzeit stammende Vorstellung, dass geleistete Arbeit entlohnt werden muss und dass der Schutz des geistigen Eigentums, also des künstlerisch-ideellen Produkts eines Autors, zum Fortschritt einer Gesellschaft beiträgt. Würde es nicht geschützt, so die utilitaristische Vorstellung, würde es sich nicht lohnen, in Projekte mit ungewissem Ausgang Zeit und Geld zu investieren.

Ist also das Urheberrecht ein Instrument, das von der damals neuen bürgerlich-kapitalistischen Eigentumsgesellschaft entwickelt wird?

Ja, es ist ein liberales Instrument, das es den Geistesarbeitern und Werkschöpfern, allen voran den Schriftstellern, erlauben sollte, in der bürgerlichen Gesellschaft vom Erwerb ihrer Arbeit existieren zu können. Das Urheberrecht beruft sich nicht auf die Tradition oder das Erbe, sondern führt das Neue und das Nützliche ins Feld, das ein Individuum geschaffen hat. Damit setzt es sich von traditionellen und ständischen Gesellschaften ab, die im 19. Jahrhundert als rückständig wahrgenommen wurden.

Wie steht die sozialistische Tradition zum Urheberrecht?

Die Gegenüberstellung Sozialismus versus Kapitalismus trägt hier nicht. Zwar lehnte der Frühsozialist Proudhon jede Form des Eigentums ab. Doch auch sozialistische Staaten wie die Sowjetunion oder die DDR haben im 20. Jahrhundert die entsprechenden internationalen urheberrechtlichen Konventionen unterzeichnet. Und in den kapitalistischen USA, in denen der Eigentumsgedanke einen hohen Stellenwert hat, galt das Copyright bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bloss für amerikanische Verlagserzeugnisse. Es ermöglichte damit den amerikanischen Verlagen den freien Nachdruck europäischer Drucksachen. Die USA galten in Europa deshalb als rückständige Piraten.

Das Urheberrecht ist von der Internetgeneration unter Druck geraten. Die Partei der Piraten etwa findet, Filme, Texte und Bilder müssten im Internet gratis verfügbar sein. Haben die Piraten Recht?

Nach geltendem Recht sind sie selbstverständlich im Unrecht. Doch das Recht ist auch der Ort, wo gestritten wird. Das Urheberrecht war schon immer umkämpft, lange bloss in kleinen Zirkeln, in denen sich die Interessenvertreter der Autoren, Verleger, der Industrie und Medienanstalten, die alle zugleich auch die Experten für das Urheberrecht waren, um Tantiemen und die Ausgestaltung des Rechts stritten.
Die Piraten sind jedoch die erste Gruppe, welche die Diskussion um das Urheberrecht zusammen mit dem Thema des Datenschutzes auf das politische Parkett und damit in die Öffentlichkeit gehievt hat. Sie sind eine soziale Bewegung, wie die Frauen- oder die Umweltbewegung.

Wessen Interessen vertreten die Piraten?

Die Interessen der Konsumentinnen und Konsumenten von Informationstechnologie und elektronischer Unterhaltungsindustrie. Die Piraten wehren sich dagegen, dass der Konsument, der sich im Netz Filme besorgt, kriminalisiert wird. Damit vertreten
sie eine Konsummoral, die bereits seit den 1960er Jahren unter dem Slogan
"It’s illegal, but is it immoral?" praktiziert wird. Die Piratenparteien werden
verschwinden, sobald die traditionellen Parteien sich dieser Themen angenommen
haben, um Wählerstimmen zu gewinnen.

Sie sagen, die heutigen Auseinandersetzungen um das Urheberrecht seien nichts Neues. Wann kam es erstmals unter Beschuss?

In der Wissenschaft in den 1930er Jahren in den Vereinigten Staaten. Als sich
der Mikrofilm und das Photostat-Kopierverfahren durchsetzten, merkten einige
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass sie profitierten, wenn ihre Bücher
und Aufsätze möglichst oft kopiert und verteilt wurden, weil sie damit zu mehr
Zitierungen kamen, was ihre Reputation vergrösserte. Sie begrüssten das neue
Medium. Die Bibliotheken wiederum hatten ein Interesse daran, Zeitschriften auf
Mikrofilm zu übertragen und diesen als Diffusionsmedium zu verwenden. Das kam für sie günstiger, als Bücher zu kaufen. In der Folge starteten die Verleger und die Autoren eine Kampagne gegen das Fotokopieren
und zogen die Bibliotheken vor Gericht. Beide Gruppen verfolgten unterschiedliche
Interessen. Die Wissenschaftler meldeten sich allerdings kaum zu Wort.

Wieso nicht?

Das ist die Frage: Warum und wann organisiert sich eine Gruppe, um ihre Interessen
zu vertreten, und – was viel häufiger vorkommt – wieso organisiert sich eine
Gruppe nicht? Die Wissenschaftler wissen noch immer nicht, welches in der Urheberrechtsfrage ihre Interessen sind. Sie wissen es vor allem nicht in Umbruchzeiten wie heute, in denen der Mediengebrauch neu erprobt wird und die rechtlichen Verhältnisse neu ausgehandelt werden.

Wie endete der Konflikt zwischen Verlegern und Bibliotheken?

Er versandete mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, tauchte aber in den 1960er
Jahren mit der Ausbreitung des Xerox-Kopierverfahren wieder auf. Diese Zeit ist
in der Geschichte des Copyrights ein Kippmoment. Die Urheberrechtsvertreter setzten durch, dass jeder Mediengebrauch mit einer Zahlung verknüpft wurde, das heisst, dass ihnen jede Institution, die ein Kopiergerät mietete, eine fixe Abgabe entrichten musste. Von nun an konnte man die Anzahl der Vervielfältigungen und damit auch die Zahl der Werknutzungen nicht mehr kontrollieren. Das ist noch heute so. Mit einem USB-Stick können Sie eine, keine oder hundert Kopien machen oder am Ende alles wieder löschen. Das ist einerlei.

Wird damit das Urheberrecht aufgeweicht?

Die Konflikte verschärfen sich. Wir befinden uns in einem permanenten Umbruch.
Wir müssen herausfinden, wie und wofür wir die neuen Medien gebrauchen können,
ob der Mediengebrauch wirklich in jedem Fall an eine Geldzahlung gekoppelt
werden soll, ob es alternative Gebrauchsweisen geben muss. Der Bereich der Popmusik hat bereits reagiert auf das Verschwinden der CD: Konzerte sind wieder
wichtig geworden, das Crowdfunding ersetzt die weggefallenen Einnahmen der
Tonträgerverkäufe. Im Wissenschaftsbereich braucht es die Buchverlage nach wie vor als Filter und Orientierungshilfe. Die Geisteswissenschaften und insbesondere
die narrative Wissenschaft der Geschichte werden nach wie vor viel Zeit brauchen,
um ihre Bücher zu schreiben, weil Form und Inhalt einander bedingen und beeinflussen. Die Analyse von Revolutionen, Evolutionen und Kontinuitäten bedarf der epischen Form.

Müssen Tagungsbände gedruckt werden?

Die kurzen Texte, die Papers, sind im Format des PDF gut aufgehoben, mit Datenbanken verknüpfbar und auf dem iPad lesbar. Da weniger Bücher gedruckt werden, müssen die Verlage sich dem Netz anpassen, wenn sie überleben wollen. Viele werden verschwinden. In der optimistischen Variante bewegen sich Konsumenten und Produzenten aufeinander zu und graben den Grossverlagen, die beispielsweise übermässig von teuren Journals profitieren, das Wasser ab.

Und in der pessimistischen Variante?

Es könnte sein, dass das Kopieren von ungeschütztem Material und damit der Zugang zu Forschungsdaten verhindert wird, etwa für die audiovisuellen Quellen. Oder dass medienignorante Forscher die Wahl des richtigen Verbreitungskanals für ihre Arbeit zu wenig erst nehmen und erst dann aufgeschreckt werden, wenn sie diese Wahl nicht mehr haben, weil Buchproduktionen für sie schlicht zu teuer geworden sind.


Monika Dommann

Monika Dommann ist seit 2013 Professorin für Geschichte der Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Zürich. Zuvor hatte sie eine SNF-Förderungsprofessur an der Universität Basel inne. Soeben ist ihre
Habilitationsschrift "Autoren und Apparate. Die Geschichte des Copyrights im Medienwandel" (S. Fischer, 427 S.) erschienen.

(Aus "Horizonte" Nr. 101, Juni 2014)

 

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