Tourismus total und global

13.08.2014

Flugzeug

Fast die ganze Welt ist heute ein touristisches Dorf. Die Eroberung ging von Europa und den Vereinigten Staaten aus. Von Marie-Jeanne Krill

Die Globalisierung gewinnt immer mehr Terrain, der Tourismus folgt diesem Trend. Wann entstanden die touristischen Orte und wie entwickelten sie sich im Lauf der Zeit? Diesen Fragen widmete sich Andreea Antonescu, Doktorandin am Hochschulinstitut Kurt Bösch (IUKB) in Sitten. Die Daten für die gegen hundert Karten, welche die Grundlage ihrer Untersuchungen bildeten, entnahm die Forscherin historischen und zeitgenössischen Reiseführern. "Die Menge an Quellen in diesem Bereich ist überwältigend. Seit der Veröffentlichung der ersten Werke in den 1780er Jahren hat die Zahl und Vielfalt der Reiseführer ständig zugenommen", sagt Antonescu.

Sie hat sich in einem ersten Schritt auf Reiseführer aus verschiedenen Serien zwischen 1800 und 2000 beschränkt, die zu ihrer Zeit im französischen, deutschen und englischen Sprachraum am besten bekannt und am weitesten verbreitet waren. Die Auswahl verleiht ihrer Sicht eine mitteleuropäische Färbung, auch wenn sie nicht ausschliesst, zu einem späteren Zeitpunkt weitere Quellen heranzuziehen. Sie orientierte sich an den Reiseführern Guides-Joanne, Guides Bleus und Routard, Appleton’s, Fodor’s, Murray’s und Rough Guides sowie Baedeker.

"Der Tourismus eroberte von Europa und den Vereinigten Staaten aus die ganze Welt", sagt die Forscherin. "Die Entwicklung verlief jedoch nicht linear. Sie erfolgte in abrupten Sprüngen zu verschiedenen Zeitpunkten." Im Zeitraum von 1830 bis 1870 kam es zu einer ersten Welle mit einer Verdichtung der Ferienorte in Europa und den Vereinigten Staaten. Damals entstanden insgesamt gegen 12 000 Bade- und Bergkurorte, während der Rest der Welt relativ unberührt blieb.

Auch in den Kolonien

Die zweite Entwicklung fand zwischen 1870 und 1914 statt, begünstigt durch verschiedene Innovationen, namentlich die Erschliessung durch die Eisenbahn sowie die Einführung des Automobils und des Wintersports in den Bergen. Die 25 000 neu geschaffenen Ferienorte waren immer noch ungleichmässig verteilt: hauptsächlich wieder auf Europa und die Vereinigten Staaten, nun zusätzlich aber auch auf China, Südafrika und die Kolonien der europäischen Mächte.

Der Erste Weltkrieg setzte dieser Entwicklung ein jähes Ende. 25 000 Reiseziele stellten ihre Aktivitäten vorübergehend oder ganz ein. Von 1920 bis 1950 kamen nur gerade 9400 Orte dazu – trotz einiger Neuheiten wie Badeferien am Meer oder dem Siegeszug des Autos. In den 1970er Jahren schliesslich folgte eine weltweite Expansion mit mehr als 36 000 neuen Tourismusorten. Abgesehen von einigen Gebieten Russlands, Amazoniens und Afrikas ist nun die ganze Welt erschlossen.

Im Lauf der Zeit haben bestimmte Regionen ihre touristische Bedeutung allerdings auch vollständig eingebüsst. So verschwanden im Zeitraum zwischen 1929 und 1973 viele Orte von der touristischen Weltkarte. Umgekehrt gelang es anderen Orten, ihre touristische Attraktivität langfristig zu bewahren. "Von den 2400 im Jahr 1793 verzeichneten Orten haben 140 ihren Betrieb bis heute aufrechterhalten", stellt Antonescu fest. Dazu gehören das schweizerische Lavey-les-Bains, zahlreiche italienische Städte wie Florenz, Padua, Neapel oder Rom und andere europäische Städte wie Innsbruck, Madrid oder Sevilla.​

Aus "Horizonte" Nr. 101, Juni 201