Die grosse Geschäftigkeit

02.09.2014

Eine anonyme Menschenmenge in New York. © Fotolia

Ohne Soldaten im Krieg und ohne Ratten im Labor gäbe es das moderne Stresskonzept nicht – und würden wir uns nicht "gestresst" fühlen. Laut neuen Forschungen aber soll Stress gesund sein. Von Urs Hafner

Die Konjunktur eines Begriffs – sein Aufstieg, seine Verbreitung, später dann und unvermeidlich sein Niedergang – sagt auch etwas über die mentale Disposition des Kollektivs aus, das diesen Begriff benutzt. Zum Beispiel das "Waldsterben": Heute wird das Wort als Beweis für die Macht der Medien und die Hysterie der öffentlichen Meinung in den 1980er Jahren angeführt. Doch das ist zu kurz gegriffen. Auch wenn es das "Waldsterben" in der damals befürchteten Drastik nicht gab: Die Wortkarriere zeigt, dass eine grosse Sorge um die Zerstörung der Lebensgrundlagen sich breitmachte – kaum zu Unrecht. Der Wald als quasi natürlicher Sehnsuchtsort wirkte im Atombombenzeitalter, das manche als drohende Apokalypse erlebten, wie ein Magnet kollektiver Ängste.

Heute ist der "Stress" ein terminologischer Spitzenreiter. Es gehört nachgerade zum guten Ton, sich "gestresst" zu fühlen und mit Yoga dagegen anzukämpfen. Stress gilt als ungesund und krankheitsverursachend. Wer sich gestresst fühlt, bringt zum Ausdruck, dass er stark im Einsatz und viel beschäftigt sei. Der "Stress" ist das Signum einer Zeit, die den Einzelnen schon im Kindergarten auf den Überlebenskampf einstimmt: "Du wirst sehen, das Leben ist kein Zuckerschlecken." Die Steigerungsform des Stresses ist das mit ihm verwandte Burnout. Diese Krankheit ist, anders als die Depression, salonfähig. Wer ein Burnout hat, ist – temporär – gescheitert vor allem, weil zu viele Anforderungen an ihn herangetragen wurden, nicht weil er unfähig ist. Er ist ein Opfer der wildgewordenen Arbeitswelt, aber auf hohem Niveau. Der erschöpfte Autobahnarbeiter hat kein Burnout, sondern physische und allenfalls psychosomatische Rückenschmerzen.

In der soziologischen Zeitdiagnose sind die Befunde der Beschleunigung, Flexibilisierung, Entsolidarisierung und Individualisierung der Gesellschaft seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts Legion. Richard Sennett, Axel Honneth und Alain Ehrenberg etwa haben das Bild einer durch einen dynamisch-aggressiven Kapitalismus geprägten Gesellschaft gezeichnet, in der der Einzelne – und vor allem der Einzelne, der über wenig ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital verfügt – zunehmend unter Druck gerät. So gesehen dringt in der Rede vom steten Stress nicht nur das Bemühen der Betroffenen durch, ihre unverminderte Leistungsfähigkeit zu bezeugen, sondern auch das verbreitete Unbehagen, in einer Gesellschaft zu leben, die die Leistung über alles stellt und für jene, die den Anforderungen – aus welchen Gründen auch immer – nicht genügen, keinen Platz hat.

Verdächtige Ruhe

Neologismen wie "Dichtestress" und "Stresstest" weiten das Stressphänomen gar aus: Nicht mehr nur die Arbeit oder das Familienleben setzt den Einzelnen unter Druck, sondern die schiere Anwesenheit vieler Menschen; und prüfend "stressen" kann man nicht bloss Menschen, sondern auch Institutionen und Materialien. In dieser Gesellschaft, so signalisiert die Karriere des Stressbegriffs, wird pausenlos getestet und selektioniert, es herrscht permanenter Druck – oder muss man wenigstens so tun, als ob dem so wäre. Nichts ist einer auf Geschäftigkeit fixierten Zeit verdächtiger als Ruhe und Musse.

Sicher haben sich auch die Menschen früherer Zeiten unter Druck gefühlt und physische Stresssymptome gezeitigt – wenn der Nachbar an der Pest starb, der Feind sich vor den Stadttoren sammelte oder die Ernte gründlich verregnet wurde. Als Inbegriff einer – auch von den Zeitgenossen so bezeichneten – "nervösen" Epoche gilt die vorletzte Jahrhundertwende. Da man allerdings in der Vormoderne den Begriff Stress nicht kannte und auch nicht die damit verbundenen Vorstellungen, fühlte man sich kaum "gestresst" – nicht einmal vor der postmortalen Hölle.
Die in der Vormoderne unter der ländlichen Bevölkerung verbreitete Angst vor dem Übersinnlichen war ein anderer, kaum mehr zu rekonstruierender emotionaler Zustand, vielleicht ein dumpfer Grundton, der im Gebets- oder Festakt der Erleichterung wich.

Der Stresstod

So wie jede Zeit ihre Krankheiten kennt, kennt jede Zeit ihre Gefühle. Wenn auch Emotionen wie Angst, Freude und Wut universell verbreitet sind, so sind sie doch immer in soziale Zusammenhänge eingebettet, die ihnen erst ihre Bedeutung verleihen, wie die Historikerin Ute Frevert festgestellt hat ("Vergängliche Gefühle", 2013). Im 19. Jahrhundert musste ein deutsches Mädchen im Gesicht rot anlaufen, wenn in seiner Gegenwart das Wort "Hose" fiel; es musste peinlich berührt sein, vielleicht sogar sich "gestresst" fühlen. Tat es dies nicht, war an seiner moralischen Integrität zu zweifeln.

Als "Erfinder" des Stresskonzepts gilt der Mediziner und Chemiker Hans Selye, wie der Historiker Patrick Kury in seiner Wissensgeschichte des Stresses schreibt ("Der überforderte Mensch", 2012). In den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts stiess Selye bei Experimenten mit Ratten auf das sogenannte Anpassungssyndrom: Wenn er den Tieren giftige Substanzen spritzte oder sie pausenlos in einer Tretmühle laufen liess, stellte er hormonelle Reaktionen fest, die zu ihrem Tod führten, dem "Stresstod". Während des Zweiten Weltkriegs dann benutzten angelsächsische Militärmediziner den Begriff, um die hohen Belastungen der Piloten zu beschreiben. Die im Labor gequälten Ratten, die im Krieg eingesetzten Piloten: Ohne sie gäbe es die Belastung "Stress" nicht, unter der heute fast alle leiden oder zu leiden vorgeben.
Selyes Stresskonzept war freilich ein physiologisch-endokrinologisches. In den fünfziger Jahren wurde das Konzept durch den schwedischen Sozialmediziner Lennart Levi erweitert: Er stellte einen Zusammenhang zwischen psychisch, sozial und kulturell bedingtem Stress und Erkrankungen her. Diese Vieldeutigkeit besitzt der Stressbegriff noch immer, der also von der Naturwissenschaft über die Sozialwissenschaften in die Alltagssprache diffundiert ist. Er kann sowohl die durch äusseren Druck und alle möglichen Reize hervorgerufenen Reaktionen als auch dadurch verursachte physische und psychische Krankheiten bezeichnen. Fast alles kann heute "Stress" bewirken, sogar die Langeweile, und umgekehrt finden sich in fast jeder Erkrankung Elemente von Stress. Von Stress spricht der Psychologe, die Soziologin, der Mediziner, die Biologin, auch der Physiker und die Ökonomin und natürlich jeder sich "gestresst" Fühlende.

In den letzten Jahren hat das Konzept des "guten Stresses" in der naturwissenschaftlichen Forschung Aufschwung erhalten. Anders als in der Alltagssprache nämlich und in der soziologischen Zeitdiagnose besitzt der Begriff in den Naturwissenschaften neben der negativen eine positive Seite. Schon Hans Selye unterschied zwischen "Disstress" und "Eustress". Der schlechte Stress gilt als Verursacher von Herzkreislaufstörungen, Autoimmunerkrankungen, Depressionen und kognitivem Zerfall. Der gute Stress dagegen kommt zustande, wenn der Organismus durch "Stressoren" positiv beeinflusst wird. Er nutzt quasi – evolutionsbiologisch gesehen schon immer – sein Erregungspotenzial, um Gefahren zu erkennen und sich in Sicherheit zu bringen, etwa vor dem anrückenden Löwen.

Gesund?

Forscher sind zum Schluss gekommen, dass Stress sogar "gesund" sein soll – unter der Bedingung, dass er nicht chronisch lastet, sondern kurzfristig aufputscht. So erfolgte bei Patienten, die durch eine Operation gestresst wurden, eine Aktivierung der Immunzellen, was zu einer beschleunigten Wundheilung oder der Eindämmung der Krebszellen führte. Und ein mit Ratten durchgeführtes – und für diese nicht nur stressig, sondern tödlich verlaufenes – Experiment gab Anlass zur Vermutung, dass die vermehrte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol die Hirnplastizität erhöhe, was es dem Betroffenen erlaube, besser zu lernen.

Die Resultate sind wohl mit Vorsicht zu geniessen. Gesundheit ist relativ. Wer effizient lernt und also ein erfolgreicher Schüler ist, aber seinen Mitmenschen gegenüber destruktiv handelt oder von unbewussten Ängsten gequält wird, ist wohl kaum "gesund". Vielleicht können die Resultate eine Hilfe sein, die Anforderungen der Arbeitswelt gelassener zu nehmen, sie gar als Stimulans zu sehen – falls man eine Arbeit ausführt, die diesen Spielraum gewährt. Oder passt die Renaissance des "guten Stresses" ganz einfach bestens in eine Gesellschaft, die nichts so verpönt wie das süsse Nichtstun – ausser, man bestreite die selbstverständlich stressfreien Ferien?

Urs Hafner ist Wissenschaftsredaktor des SNF.


(Aus "Horizonte" Nr. 102, September 2014)

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