Der Vater der Aggression

19.09.2014

Ein künstlerisch dargestelltes Gehirn. © SNF

In ihrer Reaktion auf Stress sind sich Ratten und Menschen ähnlicher, als man denkt. Die Gewalt in ihrer biologischen Dimension verbindet sie. Von Ori Schipper

​Stress ist ein schillernder und schwer zu fassender Begriff. Die Biologie hat ihn von der Physik übernommen. Im weitesten Sinn geht es dabei um eine unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung. Unter diese Definition fällt etwa der in Dürregebieten vorherrschende Wasserstress, dem Kakteen und andere sukkulente Pflanzen gut widerstehen können, weil sie sich im Lauf ihrer Stammesgeschichte an die Trockenheit angepasst haben.

Bei Tieren – zum Beispiel dem Menschen – stehen die körperlichen und geistigen Antworten auf eine Gefahr im Vordergrund. Wenn es um Leben oder Tod geht, schaltet der Körper einen anderen Gang ein. Hormone versetzen den Organismus in Alarmzustand, der Puls beschleunigt und der Blickwinkel verengt sich – die Frage lautet letztlich: Kampf oder Flucht, "fight or flight"?

"Stress mobilisiert die Energiereserven", sagt Carmen Sandi, die das Labor für Verhaltensgenetik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne leitet. Die zusätzliche Energie hilft, besondere Leistungen zu erbringen und schwierige Situationen zu meistern. Belebender Stress und damit einhergehende Erfolgserlebnisse wirken sich positiv aus. (Damit ist nicht nur die Produktivität am Arbeitsplatz gemeint, sondern etwa auch die Tatsache, dass sich der Darmkrebs bei Mäusen in einer abwechslungsreichen Umgebung weniger rasch ausbreitet als bei Mäusen in einem kahlen Käfig.) Dass Erfolgserlebnisse für die positive Wirkung notwendig sind, stimmt aber nicht für alle. "Es gibt Individuen, die sehr gut Misserfolge wegstecken können", sagt Sandi.

Erschöpfte Energien

Woran es liegt, dass eine Ratte oder eine Person besonders gut mit Stress umgehen kann oder umgekehrt besonders anfällig für ihn ist, ist noch weitgehend unklar und wird zurzeit intensiv erforscht. Klar ist aber, dass zu viel Stress schadet. Wer seine Energien bei einer langfristigen Belastung allmählich erschöpft oder wer die bereitgestellte Energie nicht abbauen und zielführend nutzen kann, leidet. «Das Resultat von chronischem Stress ist Depression», sagt Sandi.

Depressive hätten oft Zornausbrüche, fährt sie fort. Ähnliches beobachtet Sandi auch bei den Versuchen an Ratten, mit denen sie die Auswirkungen von Stress auf das soziale Verhalten erhellt. Ihre Forschungsinteressen haben sich in den letzten Jahren vom Einfluss des Stresses auf das Denken zu den Ursachen von Gewalt verlagert. Wie Menschen, die in jungen Jahren traumatische Ereignisse erleben mussten, öfter zu Gewalttätigkeiten neigen als Personen, die in einer liebevollen und wohlbehüteten Umgebung aufwachsen durften, wird auch das Verhalten von Ratten durch belastende Erfahrungen geprägt.

Bei den Versuchen werden die Ratten im Alter von vier bis sieben Wochen – also während ihrer Pubertät – an sieben verschiedenen Tagen jeweils während einer halben Stunde auf zwei verschiedene Arten gestresst. Entweder stellen die Forschenden die Ratten auf eine knapp meterhohe, offene Plattform. Das belastet sie, weil sie Höhenangst und eine angeborene Abneigung gegen ungeschützte Plätze haben. Oder die Forschenden legen ein Dufttüchlein in den Käfig, auf das sie Trimethylthiazolin geträufelt haben, einen Duftstoff, der nach Fuchsexkrementen riecht und bei den Ratten eine ebenfalls angeborene Angstreaktion hervorruft.

Abnormal und aggressiv

Im Vergleich zu Ratten, die sieben Mal eine halbe Stunde lang gestreichelt wurden, interessierten sich die gestressten Ratten im Erwachsenenalter weniger für neue Artgenossen oder Objekte, sie waren kontaktscheuer und weniger sozial. Gleichzeitig aber verhielten sie sich viel aggressiver gegenüber Eindringlingen, die die Forschenden in ihren Käfig gaben. Während die sorglos aufgewachsenen Ratten in knapp 60 Prozent der Fälle in Streit gerieten, bekämpften die gestressten Ratten die Eindringlinge in über 80 Prozent der Fälle. Mehr noch: Die gestressten Ratten legten, wie die Forschenden schreiben, "ein abnormal aggressives Verhalten" an den Tag, was sich darin zeigte, dass sie viel öfter als die anderen Ratten in besonders verletzliche Stellen ihres Gegners bissen, auch wenn sich dieser unterwürfig verhielt oder sogar betäubt und reglos in den Käfig gelegt wurde.
  
"Das Verhalten der gestressten Ratten gleicht auch in einem anderen Punkt demjenigen menschlicher Psychopathen", sagt Sandi. Im Erwachsenenalter reagierten die Tiere nur schwach auf erneuten Stress (also etwa auf den Fuchskotgeruch). "Sie sind abgestumpft", sagt Sandi. Das sind auch viele Menschen mit einer aggressiven Persönlichkeitsstörung, denen es an Einfühlungsvermögen und Mitgefühl fehlt.

Selbstverständlich sei beim Vergleich von Ratten und Menschen Vorsicht geboten,
sagt Sandi. Doch sie ist überzeugt, dass die beobachteten Gemeinsamkeiten nicht
zufällig sind. Viel eher zeigten sie, dass die Gewalttätigkeit, die oft auf traumatische
Erlebnisse in der Jugend folgt, auch auf biologische Komponenten zurückzuführen
ist. «Die vorherrschenden psychosozialen Erklärungsmuster müssen erweitert und
mit der Biologie der Gewalt ergänzt werden », findet Sandi.

Diese Sichtweise würde es der Gesellschaft erleichtern, Täter auch als Opfer zu sehen. "Zum Beispiel Anders Behring Breivik", sagt Sandi. Der rechtsextremistische Attentäter legte 2011 als 32-Jähriger eine Bombe im Regierungsviertel von Oslo und fuhr dann als Polizist verkleidet auf eine Ferieninsel, wo er im Zeltlager einer sozialdemokratischen Jugendorganisation 69 Teilnehmer erschoss. Schon 1983, als Breivik vier Jahre alt war, hielt ein nach der frühen Scheidung seiner Eltern hinzugezogener Kinderpsychiater fest, dass Breivik "so vernachlässigt wird, dass die Gefahr besteht, dass sich eine schwere psychische Störung entwickelt".

Vererbte Verhaltensmuster

Sandi glaubt nicht, dass Konflikte immer durch rationales Vorgehen gelöst werden
können. "Aggressives Verhalten hat mit Angst zu tun. Und Angst ist oft irrational",
sagt Sandi. Doch ihr vielleicht am meisten beunruhigender Befund ist, dass sich aggressive Verhaltensmuster vererben. Die Nachkommen von gestressten männlichen Ratten sind genauso kontaktscheu und angriffslustig wie ihre Väter, auch wenn sie keinerlei Kontakt mit ihnen hatten (und also nicht von ihnen abschauen oder lernen konnten). Für Sandi haben Gewaltprobleme also nicht nur mit dem kulturellen Umfeld, sondern auch mit Anpassungsmechanismen im Hirn zu tun.

"Im Gehirn herrscht ein Gleichgewicht zwischen anregenden und hemmenden
Nervenreizen. Chronischer Stress verlagert dieses Gleichgewicht zu Gunsten der anregenden Schaltkreise", sagt Sandi. Mit ihrer Gruppe hat sie gezeigt, dass die Behandlung der erwachsenen gestressten Ratten mit einem Antidepressivum die Verhaltensstörungen lindert. Das Heilmittel ermögliche die Umprogrammierung der traumatisch geprägten Schaltkreise im Hirn, sagt Sandi. Doch neuerdings geht das Team um Sandi einer anderen Spur nach. Wenn Stress dazu führt, dass mehr anregende als hemmende Reize durch das Hirn fliessen, heisst das, dass das Hirn mehr Energie braucht, weil anregende Reize die Nervenzellen zu mehr Aktivität verleiten. Doch Nervenzellen sind für ihre Energieversorgung auf kleine spezialisierte Zellteile angewiesen. Die sogenannten Mitochondrien werden oft auch als Batterien oder Kraftwerke der Zellen bezeichnet.

Kann es nun sein, dass die Anfälligkeit für Stress etwa von der Funktionstüchtigkeit
dieser Kraftwerke und also davon abhängt, wie gut das Hirn Energie erzeugen
kann? Dass Gewalttaten also nicht nur mit Stress, sondern in letzter Konsequenz auch mit der biophysikalischen Kapazität des Hirns zu tun haben könnten? Erste Belege für diese Spekulation findet Sandi etwa in den Arbeiten anderer Forschungsgruppen, die Gefängnisinsassen untersucht haben: Das aggressive Verhalten der Häftlinge hat sich gebessert, nachdem ihnen Nahrungsergänzungsmittel – also Pillen mit Vitaminen, Mineralien und essenziellen Fettsäuren – verabreicht wurden. Ob solche Pillen dereinst Gewaltexzesse verhindern helfen, muss sich allerdings weisen. Unklar ist auch, wie wünschenswert
das wäre.

Ori Schipper ist Wissenschaftsredaktor des SNF.

 (Aus "Horizonte" Nr. 102, September 2014)

 

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