Die Universität als Veranstaltung der Ober- und der Mittelschicht

11.12.2014

die Einreichung einer Stipendieninitiative © Keystone/Marcel Bieri

Wie kann man am besten erreichen, dass bei der Bildung Chancengleichheit gilt und sich nicht nur Gutbetuchte ein Studium leisten können? Die Frage ist von einiger Brisanz, doch erforscht ist sie noch kaum. Von Roland Fischer

Es ist etwas faul im Staate Schweiz – zumindest was die Unterstützung von Studierenden aus finanziell schwächeren Familien betrifft. Kurz gesagt: Das Stipendienwesen ist ein ge­höriges föderalistisches Gestrüpp. Es gibt 26 unterschiedliche Regelungen, das lässt ein Gesuch um Unterstützung zuweilen zum geografischen Glücksspiel werden. "Die heutige Regelung ist unfair, weil die Nidwaldner Studentin eine viel kleinere Chance auf ein Stipendium hat und viel weniger Unterstützung bekommt als der Waadtländer Student, auch wenn sie an der gleichen Berner Fachhochschule stu­dieren und ihre Familien gleich wenig Geld haben", schrieb der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) unlängst als Reaktion auf den Entscheid des Ständerats, der sich zum wiederholten Mal weigerte, Schritte hin zu einer Harmonisierung der Regelungen zu unternehmen (siehe Kas­ten). Beispielsweise bekommt im Bündner­land einer von 74 Einwohnern ein Stipen­dium, im Kanton Glarus ist es nur gerade einer von 285. Und auch die Höhe der Un­terstützungsbeiträge variiert stark: Auf Hochschulstufe gibt es im Kanton Neuenburg im Schnitt nur 4000 Franken im Jahr, im benachbarten Kanton Waadt ist es fast dreimal so viel. Ganz grundsätzlich gilt: Nur in den wenigsten Kantonen ist genug Geld vorhanden, um alle Studienwilligen so zu unterstützen, dass das Ideal der Chan­cengleichheit unabhängig von Herkunft und Familienverhältnissen erfüllt wäre.

Die Stipendienmisere ist die Folge einer eigentlich positiven Entwicklung: In den 1960er Jahren begannen die Studenten­zahlen anzuwachsen, ein bis heute ungebrochener Trend. Bis dahin war ein Hoch­schulstudium ganz selbstverständlich nur etwas für Gutbetuchte. Insgesamt studier­ten 1960 an den acht kantonalen Universi­täten und der ETH etwa 14 000 Personen, was einer Hochschulstudentenquote von nur drei Prozent entsprach – Stipendien waren da schlicht kein Thema. Dann kam die Bildungsexpansion, und mit ihr 1965 ein eigentliches Stipendien-Bundesgesetz, das sicherstellen sollte, dass "auch Kinder aus wenig bemittelten Familien den ihren Fähigkeiten und ihren Charaktereigen­schaften entsprechenden Beruf wählen können", wie Bundesrat Tschudi damals schrieb. Und in den Anfängen des Schwei­zerischen Stipendienwesens erreichte man dieses hehre Ziel auch gut.

Sinkende Stipendien-Quoten

Zwischen 1960 und Mitte der 1970er Jahre verdreifachte sich die Zahl der Studentin­nen und Studenten in der Schweiz – bis heute sind die Studentenzahlen stetig weiter gestiegen. Die Stipendienausga­ben allerdings sind seit 1980 kaum mehr gewachsen, was die Quote kontinuierlich sinken liess: Bekamen 1980 noch 16 Pro­zent der Personen, die eine nachobligato­rische Ausbildung machten, ein Stipen­dium, waren es 2013 nur noch etwas über 7 Prozent. Der Bund engagiert sich dabei kaum mehr: 25 von den insgesamt 300 Stipendienmillionen kommen aus seiner Kasse. Damit gilt offenbar wieder, dass man sich eine höhere Bildung auch leisten können muss. "Die Universität ist nach wie vor eine Veranstaltung der Ober- und der Mittelschicht", wie Charles Stirnimann sagt, Chef des Basler Amts für Ausbildungsbeiträge und Präsident der Interkantona­len Stipendienkonferenz.

Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht noch interessanter ist die Situation bei den Fachhochschulen. Diese hätten ein ungleich grösseres Potenzial, auch Men­schen aus bildungsfernen Schichten einen Hochschulabschluss zu ermöglichen, die soziale Durchlässigkeit sei da viel grösser, sagt Stirnimann. Die Fachhochschulen müssten dementsprechend auch eine hö­here Stipendienquote als die Universitä­ten aufweisen – tatsächlich bewegen sich die Quoten aber etwa auf gleichem Niveau, wie die kürzlich erschienene Stipendien­statistik des Bundesamts für Statistik zeigt. Für den Historiker und Experten des Schweizer Stipendienwesens ein schönes Beispiel dafür, dass Stipendien "nicht ein­fach eine Sozialleistung, sondern auch eine bildungspolitische Leistung" seien (oder vielleicht besser: sein sollten) – mit der richtigen Steuerung könne man "das vor­handene Potenzial der Gesellschaft opti­mal nutzen" und auch auf gesellschaftliche Veränderungen hinwirken. Ein Argument, das insofern wieder aktuell wird, als die Schweizer Arbeitgeber einen Fachkräfte­mangel beklagen.

Darlehen in Skandinavien

Wie würde denn das ideale Stipendien­system aussehen? Müssten möglichst alle Nachfrager unterstützt werden? In diesem Fall dürfte die Quote in der Schweiz zwi­schen 20 und 25 Prozent der Studierenden liegen – allerdings variieren die effektiven Zahlen von Kanton zu Kanton stark, weil Reise- und Wohnkosten je nach Nähe zur Universität verschieden sind. Oder sollten gezieltere Förderkriterien bestimmt wer­den? Die Bildungsforschung weiss darauf nicht wirklich eine Antwort: Die Frage nach der effektiven Wirkung von Stipen­dien und ähnlichen Unterstützungswerk­zeugen ist noch kaum erforscht. Im Jahr 2002 haben die beiden deutschen For­scherinnen Stefanie Schwarz und Meike Rehburg die sehr verschiedenen Stipen­diensysteme in Europa einem ersten de­skriptiven Vergleich unterzogen. In Skan­dinavien studieren zum Beispiel 70 bis 80 Prozent der Personen eines Jahrgangs, und viele von ihnen werden mit Darlehen un­terstützt. Die Frage, welches System denn nun am besten dazu taugt, möglichst allen Studienwilligen zu der gewünschten Aus­bildungskarriere zu verhelfen, war aller­dings nicht im Fokus dieser Studie.

In der Schweiz hat sich vor allem der Bildungsforscher Nils Heuberger mit der Thematik befasst. Seit diesem Jahr ist er bei der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren für das Dossier zuständig, davor gab es seine Stelle gar nicht. Seine Forschung hat ergeben, dass die familiären Einkommensverhältnisse nach wie vor einen klaren Einfluss auf die Chancen haben, eine Mittelschule zu be­suchen – das wird sich dann wohl auch auf den weiteren Bildungsweg auswirken. Und er betont, dass die Stipendienfrage letzt­lich auch eine Frage der Bildungskultur ist. Eine Studie, die er für das Hochschulins­titut für öffentliche Verwaltung (IDHEAP) verfasst hat, zeigte grosse Unterschiede zwischen Deutsch- und Westschweiz auf. Das ideale Stipendiensystem wäre insofern nur abhängig vom weiteren bildungs- und sozialpolitischen Kontext zu definieren.

Für Lea Oberholzer, zuständig für das Stipendiendossier beim VSS, ist immer­hin klar, dass ein ideales Stipendienwesen Sache des Bundes sein müsste. Und was hält Oberholzer von den lauter werdenden politischen Forderungen, eher Darlehen als Stipendien zu gewähren? "Erfahrungs­werte zeigen, dass die Aussicht auf eine jahrelange Schuldenlast für manche Leute zur Folge hat, lieber auf eine Ausbildung zu verzichten, als ein Darlehen aufzuneh­men." Und daraus erwüchse wiederum eine Benachteiligung für genau diejenigen, die auch sonst zu den Unterprivilegierten gehörten. Heuberger verweist diesbezüg­lich auf Erhebungen des Bundesamtes für Statistik, die zeigen, dass in der Tat nicht alle zur Verfügung stehenden Darlehen in Anspruch genommen werden. Und so bleibt es beim politischen Patt zwischen Bund und Kantonen – und bei einer Menge offener Fragen. Handlungsbedarf auf allen Ebenen: eigentlich eine schöne Vorlage für ein grösseres Forschungsprojekt.

Roland Fischer ist freier Wissenschaftsjournalist.

(Aus "Horizonte" Nr. 103, Dezember 2014)



 

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