"Die Wichtigkeit von Forschenden in der Politik wird unterschätzt"

25.02.2015

Das Titelbild der Horizonte Ausgabe 104. © SNF

Ständerat und Präventivmediziner Felix Gutzwiller im Gespräch über lokale Befindlichkeiten und den Anspruch auf Weltbürgerlichkeit, den Stellenwert der Wissenschaft in der Politik und den Sinn zweckfreier Forschung. Von Mirko Bischofberger

(Aus "Horizonte" Nr. 104, März 2015)

​Herr Gutzwiller, sollen Ihrer Meinung nach mehr Forschende in die Politik?

Ich denke schon. Für eine gut funktionierende Demokratie ist es wichtig, dass in der
Politik alle Branchen vertreten sind. Wenn ich heute aber die Zusammensetzung des
Parlaments studiere, so muss ich zugeben, dass es nur sehr wenige Parlamentarier
gibt, die Forschungserfahrung haben. Ich war über mehrere Jahre hinweg das einzige
Mitglied einer universitären Fakultät im Ständerat!

Wie kamen Sie denn in die Politik?

Als Epidemiologe und Präventivmediziner ist man relativ nah an politischen Themen.
So habe ich mich zum Beispiel als Wissenschaftler stark mit der Organisation des
Gesundheitswesens befasst, ein politisch wichtiges Thema. Der Schritt von der Forschung in die Politik war somit nicht allzu gross im Vergleich zu anderen Forschenden, die zum Beispiel im Bereich der Quantenphysik arbeiten.

Wie wichtig ist die Wissenschaft im politischen Alltag heute?

Sehr wichtig. Die Politik wird zunehmend mit grossen Fragen der Wissenschaft konfrontiert. Ich denke dabei an Fragen rund um das Klima, die Energie, die Ernährung, die Epidemien und das Gesundheitswesen, um nur einige zu nennen. Die Forschung wird in Zukunft somit ein wichtiges Thema in der Politik sein und ein entscheidender Treiber des Wohlstands. Dies bietet gleichzeitig Raum und Potenzial für Innovation und Fortschritt. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass die Wissenschaft hier auch Antworten liefern wird, vorausgesetzt die Politik bietet die richtigen Rahmenbedingungen.

Sollten auch mehr Forschende ins Parlament?

Die Wichtigkeit einer Präsenz von Forschenden in der Politik und im Parlament
wird oft unterschätzt. Man denke zum Beispiel an die Landwirtschaft, die im Parlament deutlich besser vertreten ist als die Wissenschaften. Und das trägt Früchte: Die Landwirtschaft hat sich einen viel höheren Stellenwert im Parlament ergattern können. Es ist deshalb wichtig, dass auch die Wissenschaft im Parlament vertreten ist. Ich bin überzeugt, dass es genug Forschende gibt, die bereit wären, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Doch sie müssen dafür sensibilisiert werden. Auch der
Schweizerische Nationalfonds könnte meines Erachtens dazu beitragen, indem er die
Mitglieder seines Forschungsrats stärker zu politischem Engagement auffordert.

Wieso gibt es denn heute so wenig Forschende in der Politik?

Die Forschung in der Schweiz ist heute viel internationaler als früher. So kommt gut
die Hälfte unserer wissenschaftlichen Elite aus dem Ausland. Das ist sehr gut für unsere Wettbewerbsfähigkeit. Doch es hat auch Nachteile: Viele Forschende kennen zum Beispiel das politische System der Schweiz zu wenig. Und sie verstehen vielleicht oft nicht, dass es am Schluss der Herr Meier aus einer kleinen Gemeinde ist, der bei einer Abstimmung entscheidet. Wissenschaftspolitik, wie jede Politik, hat also viel mit dem lokalen Verständnis der direktdemokratischen Prozesse der Schweiz zu tun. Und da gibt es bei den Forschenden sicher noch Optimierungsbedarf.

Sie denken dabei an die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative?

Auch, ja, aber nicht nur. Als wir in den Zeiten der Gen-Schutz-Initiative in den
90er Jahren zusammen mit dem Schweizer Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel mit
politischen Plakaten die Bahnhofstrasse herunterliefen, da waren die Leute beeindruckt! Es ist wichtig und glaubwürdig, wenn Leute aus der Forschung politisch
auftreten.

Welche Rolle spielte die Forschung bei der Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014?

Die Masseneinwanderungsinitiative sprach in der Bevölkerung ein wichtiges Thema an, das weit über die Forschung hinaus geht. Das Spannungsfeld besteht zwischen
lokalen und regionalen Befindlichkeiten einerseits und dem Anspruch auf Weltbürgerlichkeit andererseits. So eröffnet sich ein politisch fundamentaler Widerspruch zwischen dem Zugang zu internationalem Wissen einerseits und einem rein nationalen Nutzen auf der anderen Seite.

Was ist die Lösung?

Eine schwierige Frage. Die Bürger werden sich wohl daran gewöhnen müssen, dass
man nicht beides gleichzeitig haben kann. Der Wohlstand in einem ressourcenarmen
Land wie der Schweiz gründet auf Innovation und Forschung. Und diese wiederum
leben von einer gewissen Öffnung nach aussen. Zu denken, dass die Schweiz eine
lokale Innovation auf nationaler Ebene haben könne, das ist meiner Meinung nach
völlig falsch. Genau deshalb wird es in den kommenden Jahren auch entscheidend
sein, ob die Schweiz in den europäischen Wissenschaftsraum integriert sein wird
oder nicht. Eine Nationalisierung des Forschungsraums Schweiz wäre ein Riesenrückschritt für die Forschung!

Aber die Schweiz befindet sich doch heute an der Spitze der Weltforschung, vor allem was Patente und Innovation anbelangt.

In der Tat. Und mir scheint auch, dass junge Forschende heute mehr unternehmerische Visionen haben als früher. Die Bereitschaft ist heute deutlich höher, sich zu überlegen, wie man Ideen zum Nutzen der Gesellschaft umsetzen kann, in Form vonSpin-offs zum Beispiel. Zumindest in meinem Umfeld scheint mir das so. Das finde ich äusserst positiv.

Haben Sie sich auch einmal selbstständig gemacht?

Nein, das habe ich leider verpasst (lacht). Das ist in meinem Bereich aber auch nicht
ganz einfach. Ich habe viel im Nonprofitbereich mit aufgebaut, wie zum Beispiel im
Bereich von Gesundheitsorganisationen auf der Ebene von Gemeinden.

Ist heute ein Trend zu mehr Nützlichkeit der Forschung beobachtbar?

Es ist wichtig, dass die Sektoren Wirtschaft und Wissenschaft zusammenarbeiten.
Aber es darf natürlich nicht sein, dass die Wissenschaft durch die Wirtschaft instrumentalisiert wird. Zudem ist Nützlichkeit ein Begriff, der sehr viel weiter geht als im wirtschaftlichen Sinn. Nützlich sollte auch im geisteswissenschaftlichen Sinn verstanden werden, für die Zivilgesellschaft im Bereich der Ethik und der Philosophie zum Beispiel. Das ist oft viel wichtiger als wirtschaftliche Produkte. Man darf den Begriff der Nützlichkeit nicht zu eng definieren.

Wird der Begriff auch auf politischer Ebene so verstanden?

Ich denke schon. Auch in dem eidgenössischen Departement, das seit Anfang 2013
für Wirtschaft, Bildung und Forschung zuständig ist, scheint dies klar zu sein. So
herrscht in meinen Augen auch Einigkeit darüber, dass eine zunächst oft als zweckfrei erscheinende Forschung häufig die Grundlage ist für spätere Innovationen in der Wirtschaft.

Was ist denn das Ziel zweckfreier Forschung?

(Lacht.) In einem seiner Theaterstücke legt Bertolt Brecht folgende Aussage in den
Mund von Galilei: «Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern.» Ich verstehe diesen Spruch in dem Kontext des Buches als einen sehr angewandten Nützlichkeitsbegriff, mit einem ultimativen und praktischen Endzweck. Dies scheint mir aber zu kurz zu greifen. Denn auch alles, was schön, wichtig und ethisch ist, sollte in dem Nützlichkeitsbegriff enthalten sein. Auch eine Entdeckung eines Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems vermag vielleicht die Mühseligkeit der menschlichen Existenz ein wenig zu erleichtern.


Mirko Bischofberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsratspräsidenten.

Felix Gutzwiller

Felix Gutzwiller ist Politiker und Professor für Medizin. Er war von 1988 bis 2013 Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. 1999 wurde Gutzwiller in den Nationalrat gewählt. Seit 2007 ist er Ständerat und Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur.

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