Bluttaten in Boston und Basel

11.03.2015

Nachzeichnung der Ermordung von Daniel E. Sickles.  © Library of Congress Prints and Photographs, USA

Mord und Totschlag gibt es in den USA deutlich häufiger als in Europa. Das ist kein neues Phänomen, wie ein Schweizer Forscher herausgefunden hat. Schon vor 200 Jahren war die Gewaltbereitschaft in Boston höher als in Basel. Von Simon Koechlin

(Aus "Horizonte" Nr. 104, März 2015)

Gewalt ist ein Bestandteil der Geschichte des Menschen. Eine der ersten Erzählungen der Bibel handelt davon, wie Kain seinen Bruder Abel erschlug. In Homers "Ilias" machen die Griechen die Stadt Troja dem Erdboden gleich. Und vor über 5000 Jahren schoss ein Unbekannter in den Südtiroler Alpen einen Pfeil in den Rücken eines Mannes, dessen mumifizierte Leiche heute unter dem Namen "Ötzi" bekannt ist.

Doch die Geschichte menschlicher Gewalt lässt viele Fragen offen. "Historiker haben sich beispielsweise lang nur um Kriege gekümmert und die Gewalt im täglichen Leben vernachlässigt", sagt Silvio Raciti, der am Historischen Institut der Universität Bern promoviert hat. Zudem gibt es nur wenige historische Untersuchungen dazu, ob sich die Gewaltbereitschaft in verschiedenen Erdteilen unterscheidet.

Im Rahmen eines Forschungsstipendiums verglich Raciti die Art und Häufigkeit von Gewalttaten, insbesondere Tötungen, in der US-Stadt Boston und in Basel in den Jahren 1750 bis 1860. Dabei stützte er sich vor allem auf Gerichtsakten und Zeitungsberichte. Die Zahl der Tötungsdelikte schwankte, lag insgesamt aber in Boston höher als in Basel. Durchschnittlich gab es in der untersuchten Zeitspanne in Boston etwa vier Totschläge pro 100 000 Einwohner und Jahr, in Basel waren es weniger als zwei. Heute sind es in den USA etwa fünf Totschläge pro 100 000 Einwohner und Jahr, während die Rate in der Schweiz unter eins liegt.

"Gewalt war in Boston gesellschaftlich eher als Mittel zur Konfliktbewältigung akzeptiert als in Basel", sagt Raciti. Das zeige ein Vergleich von Tatzeitpunkten und Tätern: In Basel kam es vor allem am Wochenende und am Abend zu tätlichen Angriffen, beteiligt waren praktisch ausschliesslich junge Männer aus der Unterschicht. In Boston dagegen wurden zu allen Tageszeiten und an Werktagen Menschen umgebracht; Täter waren ebenso ältere Männer und auch Frauen.

Schwacher Staat?

In den USA war das Recht auf Selbstverteidigung schon damals viel ausgeprägter als in Europa: Wer glaubhaft machte, dass er sich bedroht fühlte, konnte einen Kontrahenten ungestraft töten, wie ein Beispiel aus dem Jahr 1806 veranschaulicht: Zwei Politiker befanden sich in einem Dauerstreit. Als der eine eines Morgens mit einem Zusammenstoss rechnete, steckte er vorsorglich eine Pistole ein. Mitten in Boston traf er auf den Sohn seines Gegenspielers. Als dieser ihn mit einem Stock schlagen wollte, schoss er ihn nieder – und wurde später freigesprochen.

Dass Konflikte in den USA häufiger mit Gewalt gelöst wurden als in Europa, liegt laut Raciti aber auch an den Unwägbarkeiten des Rechtssystems. Die Verfahren dauerten lang, und es war für Opfer beispielsweise nicht möglich, in einem Strafgerichtsverfahren eine Entschädigung zu erhalten. Die Leute setzten sich sogar oft gegen die Polizei zur Wehr, denn diese ging vor allem gegen den Alkoholkonsum und -verkauf vor, nicht aber gegen Gewaltdelikte. Das sei ein wichtiges Ergebnis seiner Arbeit, sagt Raciti: Die übliche Erklärung für die höhere Tötungsrate in den USA laute, der Staat sei schwach. Dabei sei er genau so leistungsfähig wie in Europa, "bloss werden die Ressourcen anders eingesetzt."

Simon Koechlin ist Chefredaktor der "Tierwelt" und Wissenschaftsjournalist.

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