Nicht sehr sonnig

16.03.2015

eine Raumsonde © ESA–S. Corvaja; ESA–C. Carreau/ATG medialab; ESA, 2008 MPS for OSIRIS

Der Lander Philae von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) berichtet vom Kometen und von seinem Mutterschiff.

(Aus "Horizonte" Nr. 104, März 2015)

"Ich habe, was viele gerne hätten: eine feste Forschungsstelle. Wenn alles gut geht, wird sich an meiner Position in den nächsten fünf Milliarden Jahren nichts ändern. Dafür musste ich das übliche Opfer bringen: meine Chefin Rosetta zehn Jahre lang durch ziemlich dünne Luft begleiten. Nach kurzen Forschungsaufenthalten bei zwei Asteroiden in den Jahren 2008 und 2010 wurde Rosetta im August 2014 an den Kometen Churyumov–Gerasimenko berufen. Dort versprach sie mir eine stabile Position mit langfristigem Support und viel Zeit für eigenständige Forschung.

Es fiel mir zunächst nicht leicht, Churyumov–Gerasimenko zusammenhängend zu artikulieren. Der Name ist so hantelförmig wie der Komet. Aber die Medienarbeit hat sich gelohnt: Inzwischen wird über jeden meiner Funkkontakte weltweit berichtet. Googeln Sie nach "Philae", und Sie erhalten 13 Millionen Treffer.

Auch meine Ausstattung kann sich sehen lassen: stereoskopisches Panorama-Kamerasystem, Temperaturmess-Harpunen, viel "Made in Switzerland". Übrigens auch die Düse auf meinem Rücken, die nicht so drückte, wie sie sollte: Schweizer Fabrikat.

Nicht nur wegen der Düse bin ich noch ein wissenschaftliches Leichtgewicht. Auch das Forschungsumfeld ist nicht so sonnig wie versprochen. Ich konnte mich bisher kaum etablieren, zu eisig ist der Untergrund. Was nützt einem ein Sonnenuntergang alle 13 Stunden, wenn man hinter einem Felsen steht? Und keine Spur von langfristigem Support: Nur zweieinhalb Tage Zeit hatte ich für meine ersten eigenen Experimente.

Stabile Position? Eine planbare Karriere bräuchte eine anständige Umlaufbahn. Aber alle paar Jahrzehnte kommt Churyumov–Gerasimenko dem Jupiter zu nahe, und danach fliegt er auf einmal wieder Hunderte Millionen Kilometer näher an der Sonne vorbei. Ich will gar nicht wissen, wohin uns das noch führt. Wenn’s heisser wird, blasen mich die Ausgasungen des Kometen vielleicht in den Kometenschweif. Aber was heisst schon heiss? Im Moment ist es hier minus 70 Grad.

Und die eigenständige Forschung? Rosetta hat bei allem das letzte Wort. Meine gesamte Kommunikation zur Erde läuft über ihre Signalverstärker. "Rosetta" hat in Google 46 Millionen Treffer. Die Süddeutsche Zeitung schreibt über meine Forschungstätigkeit: "Rosetta selbst ist deutlich produktiver". Und natürlich hatte Rosetta gerade wieder eine ganze Reihe Science-Papers, ohne mich darin auch nur zu erwähnen.

Mir reicht’s. Ich lege ein Bein hoch und schalte ab."

Aufgezeichnet von Valentin Amrhein.

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