Algorithmen treffen auf Papyrus

01.06.2015

Historiker und Archäologen machen sich mit den Instrumenten der Informatik vertraut. Diese Entwicklung ist unumgänglich – und hat das Zeug, die Disziplinen neu zu erfinden.Von Fabien Goubet

(Aus "Horizonte" Nr. 105, Juni 2015)

Die Welt wird immer digitaler, und auch die Geisteswissenschaften entkommen dieser Entwicklung nicht. Sie verändern sich unter dem Einfluss von Computern und Algorithmen – und zwar nicht bloss durch simple Textverarbeitungssysteme oder E-Mail, sondern durch tiefgreifende Veränderungen in allen Schritten der akademischen Wissensproduktion, von der Digitalisierung der Quellen bis hin zur Analyse. Das Auftauchen neuer Methoden und Berufe sowie die notwendige Anpassung der universitären Ausbildung zeigen: Die "Digital Humanities" haben das Zeug, die Karten in den Geisteswissenschaften neu zu mischen.

Offiziell erscheint der Begriff Digital Humanities in schriftlicher Form erst 2004, sagt Claire Clivaz, Gastprofessorin am Laboratoire de cultures et humanités digitales der Universität Lausanne. "Früher sprach man von ‹humanities and computing›, als ob sich die beiden Begriffe gegenüberstehen würden." Die semantische Anpassung hin zu "Digital Humanities" zeige, wie eng beide Disziplinen heute verknüpft seien.


Computer zeichnet Grenzen

Welche neuen Möglichkeiten die Digitalisierung mit sich bringt, zeigen Sylvian Fachards Arbeiten an der Universität Genf. Der Spezialist für Landschaftsarchäologie will den Grenzverlauf der verschiedenen Gebiete im Atlas, in der Region um Athen, zwischen dem 10. Jahrhundert vor und dem ersten Jahrhundert nach Christus erforschen. "Alle vorhandenen, raren Textquellen wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts untersucht. Sie liefern zu wenig Hinweise, um den Grenzverlauf auf einer Karte zurückzuverfolgen", erklärt Sylvian Fachard. Aus diesem Grund bildet der Wissenschaftler die Region mithilfe eines räumlichen Modells ab. Dazu verwendet er alle in Ausgrabungen entdeckten Objekte, Ruinen und Grabmale und setzt diese Informationen mit geografischen Gegebenheiten wie etwa der Topografie des Geländes in Verbindung. Aus diesen Angaben errechnet ein Algorithmus die Wahrscheinlichkeit einer Grenzstelle zu einem bestimmten Zeitpunkt.


Diese digitalen Hilfsmittel ersetzen jedoch die archäologische Feldarbeit nicht, betont der Forscher. Kann dank des Modells eine Voraussage gemacht werden, setzt Sylvian Fachard seinen Archäologenhut auf und sucht vor Ort Spuren, um den angenommenen Grenzverlauf der Gemeinde zu bestätigen oder zu widerlegen. "Es ist nötig, alle Angaben zu interpretieren, um zu einem treffenden Ergebnis zu gelangen. Denn das Digitale generiert Angaben, die wir wiederum miteinander verbinden müssen. Dies erfordert ein komplexeres Analysenniveau als bisher."

Kollektive statt einsame Autoren

Die Digitalisierung bringt noch eine andere tiefgreifende Veränderung mit sich: "In der digitalen Kultur gehen wir vom Einzelkämpfertum zur Gruppenarbeit über", beobachtet Claire Clivaz. "Es zeichnen Autorenkollektive wissenschaftliche Artikel und nicht mehr wie früher einzelne Autorinnen und Autoren."

Auch der Faktor Zeit werde beeinflusst, erklärt Sylvian Fachard. "Wenn wir Ausgrabungen machen, haben wir alle ein Tablet dabei, auf dem wir unsere Ergebnisse in Echtzeit zusammentragen und für alle zentral zugänglich machen können. Wenn es sein muss, können wir unsere Strategien von Tag zu Tag anpassen. Das ermöglicht uns eine unglaubliche Flexibilität." Und Claire Clivaz fügt an: "Der Rhythmus der Wissenschaft verändert sich." Pausenlos werde produziert, nicht zuletzt auch dank Blogs, in denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler austauschten.

Claire Clivaz erforscht Manuskripte aus dem Neuen Testament. Die Digitalisierung ermöglicht ihr, endlich einen Teil der 5800 ins Altgriechische übersetzten Manuskripte angehen zu können. Jedoch verändert die Digitalisierung auch ihre Denkweise über ein historisches Dokument. "Es gibt keinen einzelnen Text mehr in einer vorgegebenen Version, dafür eine richtiggehende Genealogie aller möglichen Versionen", stellt die Wissenschaftlerin fest. Der Text wird dadurch vielschichtig. "Das verändert unsere Denkweise komplett", sagt Claire Clivaz und bezieht sich damit auf den Buchhistoriker Roger Chartier. Früher habe man auf Teufel komm raus die älteste Version eines Textes gesucht, heute betrachte man hingegen einen Text als sich wandelnde Geschichte einer Lektüre. "Die digitale Revolution ist noch bedeutender als der Buchdruck und eine einschneidende Zäsur in der Wissenschaft."

Neue Fragestellungen werden möglich

Diese Zäsur ist gekennzeichnet von einer veränderten Beziehung der Historiker zu
ihren Quellen. Martin Grandjean, Doktorand in Geschichte an der Universität
Lausanne, untersucht in den Archiven des Völkerbundes die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern in der Zwischenkriegszeit. Er will herausfinden, wie deutsche Wissenschaftler sich in Europa trotz ihrer Ausgrenzung reintegriert haben. Er erarbeitet zu diesem Zweck eine raumzeitliche Kartografie ihrer Korrespondenz.


"Der Inhalt ihrer Briefe interessiert mich weniger als die Angaben, wer wem
wann geschrieben hat", erklärt der Historiker. Er skizziert eine schematische Abbildung der Metadaten und hofft, so etwas zum Vorschein bringen zu können, was
Historikern bisher verborgen geblieben ist. Doch so reichhaltig seine Kartografie
auch sein mag, sie zeigt kein Resultat an sich: "Die Visualisierung der Angaben verhilft mir zu Ideen und Hypothesen. Wie jeder andere Historiker auch muss ich sie
anschliessend verifizieren und mich in die Archivarbeit stürzen."

Diese Visualisierung einer komplexen Datenlage steht ebenfalls im Zentrum eines Forschungsprojekts der Universitäten Bern und Giessen, des "Repertorium Academicum Germanium" (RAG). Als Grundlage dienen Daten von 50 000 Gelehrten
und Intellektuellen, die an den Universitäten des Alten Reiches zwischen 1250 und 1550 studiert haben. Im Prinzip wäre es möglich, ein solches Who is Who der Gelehrten des Alten Reiches auch ohne digitale Hilfsmittel zusammenzustellen.
Doch es wäre um einiges schwieriger, die Resultate zu interpretieren. Die Forscher wollen diese auf einer Karte mit Bezug zur Zeit darstellen – eine originelle Visualisierung, die ebenfalls neue Fragestellungen generieren könnte. "Dieses Instrument ermöglicht es uns, die Rolle mittelalterlicher Universitäten in einer vielfältigen Perspektive neu zu sehen", sagt Kasper Gubler, stellvertretender RAG-Direktor. Der digitale Ansatz des Verzeichnisses ermögliche es zudem, Verbindungen mit anderen Forschungsprojekten herzustellen.

Google Map des alten Venedig

Das Potenzial der digitalen Hilfsmittel mag zum Träumen anregen – doch es ruft auch
Kritiker auf den Plan. Zum Beispiel bei der "Venice Time Machine", einem medienwirksamen Projekt der ETH Lausanne, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Entwicklung und Geschichte von Venedig über einen Zeitraum von 1000 Jahren zu modellieren. Dazu müssen Millionen von Dokumenten digitalisiert werden – das sind zirka 80 Kilometer Archivmaterial. "Eine derart immense Anzahl Dokumente von Menschenhand zu analysieren wäre schier unmöglich", sagt Frédéric Kaplan, Leiter des Projekts und Inhaber des Lehrstuhls für Digital Humanities an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne.


Es werden also Maschinen sein, die schriftliche Quellendokumente entziffern.
Sie werden aus ihnen Angaben herausfiltern wie etwa den Preis des aus dem
Orient importierten Zimts, den Lohn der Söldnerführer oder die Liste der Maurerlehrlinge zu einem bestimmten Zeitpunkt. "Vereinfacht gesagt macht das Projekt aus den Big Data der Vergangenheit ein Google Maps und ein Facebook der Republik Venedig", erklärt Frédéric Kaplan, der sein Projekt gar mit der DNA-Entschlüsselung für das menschliche Erbgut vergleicht. Die "Venice Time Machine» werde einer Vielzahl von Forscherinnen und Forschern bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit behilflich sein. Der Lausanner Wissenschaftler hofft, zusammen mit seinen venezianischen Partnern dereinst als touristische Attraktion einen virtuellen Besuch der venezianischen Adligenfamilien auf dem Smartphone anbieten zu können.


Dieser grandiosen Vision stehen einige Historiker skeptisch bis misstrauisch gegenüber. Namentlich genannt sein wollen sie aber nicht. Ihre Kritik: Dem Projekt fehle der Rahmen, und es fehlten die verschiedenen historischen Zugänge. Doch Frédéric Kaplan lässt sich durch solche Kritik nicht einschüchtern und stellt erste Forschungsergebnisse in Aussicht: "Wir werden bald die Modellierung eines kompletten venezianischen Quartiers zeigen können, des Rialto."

Seine Identität bewahren

Es stellt sich die Frage, ob die Digital Humanities ein simples Hilfsmittel der Historiker bleiben oder ob sie den Durchbruch zu einem vollwertigen wissenschaftlichen Fach schaffen werden. Frédéric Kaplan ist klar von Letzterem überzeugt, während Sylvian Fachard betont, er sei vor allem Archäologe. Claire Clivaz glaubt weder an das Eine noch an das Andere: "Ich sehe die Digital
Humanities eher als ein Übergangslabel, denn zu guter Letzt werden die Geistes- und Sozialwissenschaften so oder so digital geprägt sein. Gut möglich, dass das Adjektiv digital dereinst verschwinden wird."

Die digitalen Hilfsmittel ermöglichen neue Pfade, doch diese zu begehen ist nicht
immer einfach. Auf diesen Pfaden begegnen sich Historiker, Soziologen, Informatiker, Statistiker. Um all diese Welten miteinander zu verbinden, brauche es fähige Fachkräfte, betont Bella Kapos vom Laboratoire de cultures et humanités digitales der Universität Lausanne. Schliesslich erfordert jede Weiterentwicklung einer Disziplin eine Neudefinition ihrer Identität. Davon ist auch Claire Clivaz überzeugt: "Eine der Herausforderungen dieser Revolution ist es herauszufinden, wie weit wir mit Personen anderer Disziplinen zusammenarbeiten wollen, ohne aber die eigene Identität dabei zu verlieren."

Fabien Goubet ist Wissenschaftsjournalist und schreibt für "Le Temps".