"Es ist keine Tragödie, wenn man ein paar Plätze im Ranking verliert"

15.06.2015

Portrait von Antonio Loprieno.

Antonio Loprieno verlässt vorzeitig sein Amt als Rektor der Universität Basel, um in die Wissenschaft zurückzukehren. Er bezeichnet Bologna als missverstandene Reform, privates Hochschulsponsoring als notwendig und kritisiert Hochschulrankings. Von Roland Fischer

(Aus "Horizonte" Nr. 105, Juni 2015)

Herr Loprieno, wenn Sie auf die letzten vierzig Jahre Tätigkeit im akademischen Umfeld zurückschauen: Würden Sie sagen, dass Sie einen grossen Umbruch miterlebt haben, oder ist noch alles, wie es war?

Ich glaube schon, dass es einen grossen Umbruch gab, wahrscheinlich war er sogar einschneidender als die Veränderungen, die mit den Studentenunruhen 1968 einhergingen. Um die Jahrtausendwende hat eine Neuverhandlung der Werte der Universität stattgefunden.

Sie reden von Bologna. Dabei ging es doch vor allem um Mobilitäts- und Harmonisierungsfragen und nicht gleich ums Ganze?

Es gibt da ein wunderschönes kulturwissenschaftliches Missverständnis. Tatsächlich hatte man zweierlei anvisiert: Erstens die Überwindung der Kluft zwischen Ost- und Westeuropa und zweitens die Annäherung des Studiums an die Wirtschaft – die Studenten sollten "fit for the market" werden, so steckte das zumindest in den Hinterköpfen der Reformer.

Und das hat Bologna nicht erreicht?

Da gibt es zumindest einen frappanten Widerspruch. Denn um diese Ziele zu erreichen, hat man die denkbar schlechteste Studienarchitektur gewählt. Das angelsächsische Modell mit Bachelor und Master funktioniert eigentlich nach dem Schema: zuerst Bildung, dann Ausbildung.

Der Bachelor ist gar nicht als Schnelldurchlauf hin zur Praxis gedacht?

Im Grunde nicht. Im angelsächsischen Modell war er dazu gedacht, die Elite auf die kommenden gesellschaftlichen Aufgaben vorzubereiten – gegebenenfalls auch in der Wissenschaft. Es ging um die Bildung hin zu einem "good citizen".

Und das haben die Kontinentaleuropäer dann auch so übernommen?

Nun ja, der Form nach schon. Allerdings pflegten wir hier traditionell keinen sequenziellen, sondern einen kumulativen Bildungsweg. Das magische Bezugswort lautet: Humboldt. Es handelt sich um ein ganz anderes Modell, in dem Bildung, fachliche Fähigkeiten und Vorbereitung auf gesellschaftliche Aufgaben gleichzeitig vermittelt wurden. Und was haben wir mit Bologna gemacht? Wir haben die alten Studieninhalte nun einfach auf Bachelor und Master verteilt. Besonders in der Schweiz, wo der Master nach wie vor der Regelabschluss ist.

Also hat Bologna eigentlich gar nichts verändert?

Doch, es ist schon etwas passiert. Es fand eine systemische Störung statt, die einen positiven Diskurs ausgelöst hat. Und in der Folge wurde vieles problematisiert, was vielleicht gar nicht unbedingt mit der Bologna-Reform zu tun hatte.

Zum Beispiel?

Der europäische Hochschulraum hat parallel zu Bologna eine ganze Reihe struktureller Entwicklungen erfahren, die unter den Stichworten "Autonomie" und "Globalisierung" zusammenzufassen sind. Daraus ergaben sich neue Herausforderungen und Anpassungen, die meistens zu Unrecht auf Bologna bezogen wurden, weil sie sich gleichzeitig aufdrängten.

Apropos Globalisierung: Sie haben als Ägyptologe lange in den USA geforscht und gelehrt, für viele das Eldorado der Wissenschaft. Warum sind Sie nach Europa zurückgekommen?

Wissen Sie, das ist ein wenig ironisch. Grund für meine Rückkehr war eben, dass ich genug von diesem rigiden Bachelor/Master-System hatte. Und als ich mich hier in der Schweiz unipolitisch zu involvieren begann, kam prompt die Reform – seither werde ich selbst identifiziert mit Bachelor/Master.

Wie gross ist der Unterschied zwischen den USA und Europa heute?

Der ist kleiner geworden, ohne Zweifel, aber nicht wegen Bologna. Vielmehr muss man sich klarmachen, dass das angelsächsische Universitätsmodell eine hegemoniale Rolle bekommen hat – die ganze Welt orientiert sich daran.

Was sich auch im Primat der Rankings zeigt?

Wissen Sie, es ist schon fast zu einem Sport geworden, sich gegen Rankings zu stellen. Es ist ja nicht so, dass die gar nichts zu messen vermögen.

Bloss nicht unbedingt die Qualität einer Hochschule.

Nicht unbedingt. Genau genommen messen Rankings den Grad der Anpassung einer Hochschule an das hegemoniale angelsächsische Modell.

Sind Sie mit dieser Haltung nie in Erklärungsnot geraten, Bildungspolitikern gegenüber zum Beispiel?

Ja, der Druck besteht. Aber es ist die Pflicht einer guten Unileitung, dem politischen Umfeld klarzumachen, dass es keine Tragödie ist, wenn man ein paar Plätze im Ranking verliert. Wir haben da auch eine erzieherische Funktion. Wir müssen erklären, dass wir auch Fächer wie Soziologie an der Uni haben wollen, auch wenn diese fürs Ranking nicht unbedingt Top-Plätze bringen, so wie Physik oder Life Sciences.

Aber so weit, dass sich eine Uni explizit gegen einen Aufstieg im Ranking aussprechen könnte, sind wir noch nicht, oder? Man könnte auch sagen, wir brauchen in der Universitätslandschaft mehr Pluralismus, nicht mehr Anpassung ans angelsächsische Modell.

Das ist ein interessanter Gedanke. Der wichtigste Wert einer Hochschule ist ohnehin
die strategische Autonomie. Insofern ist jede Universität eine eigene Republik:
Wo die Zufriedenheit grösser ist, ist auch die Qualität besser. Und da muss man
entscheiden: Will man in der Champions League mitspielen oder in der Nationalliga?
Beides ist in Ordnung, aber man wird sich je nachdem anders aufstellen.

Was sagen Sie persönlich dazu, dass der Pluralismus tendenziell abnimmt?

Als Bürger bedauere ich das – gesellschaftlich gesehen ist das sicher ein Verlust. Aber ob das auch wissenschaftlich gesehen zu bedauern ist? Das ist eine ganz andere
Frage.

Wie meinen Sie das?

Nun, nehmen Sie als Beispiel die Sprachenvielfalt gegenüber einer Lingua franca für
die Wissenschaft. Natürlich sind wir stolz auf die Sprachenvielfalt in der Schweiz.
Und natürlich ist das ein Standortvorteil. Leider ist jedoch die Sprache der zeitgenössischen Wissenschaft eine andere.

Der Autor und Psychoanalytiker Peter Schneider hat unlängst in einer
Polemik im "Tages-Anzeiger" von einer grassierenden "Entakademisierung" der Universität gesprochen. Was sagen Sie zu dem Befund?

Als Beschreibung eines Unbehagens ist das sicher nicht falsch. Allerdings wird da womöglich ein altes Modell der Universität verherrlicht, das sich nun einmal im Wandel befindet – aufgrund von Entwicklungen, die durchaus nicht nur die Universität betreffen, etwa der digitalen Revolution. Ich würde eher von einer Entdialektisierung sprechen: Wo früher der Professor das Wissen vermittelte, gibt es heute eine digitale Unmittelbarkeit im Zugang zum Wissen. Daran muss sich die Universität anpassen. Ohnehin sind die Grenzen zwischen Schule, Universität und Arbeitsmarkt fliessender geworden. Das ist eine Herausforderung.

Womit wir bei einer weiteren aktuellen Herausforderung wären: der Finanzierungsfrage. Immer mehr private Gelder – ist das eine Gefahr für die universitäre Autonomie?

Die Beantwortung dieser Frage erfordert den Verweis auf einen anderen zeitgenössischen Wandel im Bild der Universität: jener von einer Universität der Lehre zu einer Universität der Forschung. Eigentlich hatte Bologna die Lehre im Blick – fünfzehn Jahre später reden alle jedoch primär von Forschung. Die Kosten dieser Forschung sind nun höher geworden. Wenn man Topforschung betreiben will, dann bleibt einem gar nichts anderes übrig, als neue Wege der Finanzierung zu suchen. Der Trend ist also unausweichlich.

Und Sie sehen kein Problem darin?

Sehen Sie, wir unterliegen einem kulturellen Vorurteil: dass nämlich die Legitimität
des Geldes von der öffentlichen Hand per se grösser ist als von privaten Sponsoren.
Ich sehe diesen Unterschied nicht wirklich und glaube, dass uns da ein missverstandener alter Humboldt verfolgt.

Allerdings gab es durchaus ein paar störende Fälle in den letzten Jahren, mit Vereinbarungen zwischen Hochschulen und grossen Firmen, die diesen sehr viel Einfluss zusprachen. Und diese Verträge waren nicht mal öffentlich.

Einige Details waren da in der Tat fragwürdig. Aber ich bin weiterhin dafür, dass
solche Verträge vertraulich bleiben, und zwar aus dem einfachen Grund, dass sonst
die Privatisierung der Forschung noch viel weiter getrieben würde. Die Konsequenz
wäre nämlich, dass weniger Kollaborationen zwischen Hochschulen und privaten
Firmen zustande kämen und noch mehr Forschung in die Labors der Privatindustrie
delegiert würde.

Wird es also in Zukunft auch in der Schweiz viel mehr Stiftungsprofessuren
geben?

Das glaube ich eher nicht. Denn Universitäten sind prinzipiell keine sehr einfachen
Partner für die Privatwirtschaft. Der Trend geht eher zu anderen Formen der Zusammenarbeit: sogenannten Hubs, wo gemeinsame Forschungsprojekte mit mehreren Partnern entwickelt werden.

Sie gehen nun zurück an die Wirtschaftsfakultät, um Ihre Erfahrungen im
Hochschulmanagement weiterzugeben. Wechseln Sie da als Akademiker ein
wenig die Fronten?

Nein, ich bleibe ein Kulturwissenschaftler. Allerdings einer, der allmählich einen Sinn für die Quantifizierung entwickelt hat.

Sie glauben also auch, dass die Kulturwissenschaften vor einem Paradigmenwechsel stehen?

Sie müssen sich erneuern in dieser Richtung, durchaus. Allerdings bin ich überzeugt,
dass auch empirisch Forschende Exkursionen in die Geisteswissenschaften und deren hermeneutische Kultur unternehmen sollten – ich glaube nach wie vor an die Macht des qualitativen Denkens.

Roland Fischer ist Wissenschaftsjournalist in Bern.