Die wissenschaftliche Verantwortung wahrnehmen

06.07.2015

Von Thierry Courvoisier

​(Aus "Horizonte" Nr. 105, Juni 2015)

200 Jahre – so alt ist die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT). Das Jubiläum soll Anlass dazu sein, die Wissenschaft in der ganzen Schweiz zu feiern (S. 25). Gleichzeitig bietet es die Chance, die Rolle unserer Akademie in der Landschaft der wissenschaftlichen Institutionen der Schweiz und Europas hervorzuheben.

Die SCNAT ist eine Vereinigung wissenschaftlicher Organisationen, die gesamtschweizerisch und kantonal aktiv sind. Ausserdem ist ein Grossteil der Personen, die in der Schweiz in Forschung und Lehre tätig sind, Mitglied der Akademie. Diese breite Basis verschafft uns Zugang zu hochkarätigen Spezialistinnen und Spezialisten in vielfältigen Disziplinen und sorgt für eine weltweit einzigartige Verankerung in der Gesellschaft.

Bei der Gründung im Jahr 1815 hiess unsere Akademie noch Schweizerische Naturforschende Gesellschaft. Der Grundgedanke bestand in einer Annäherung zwischen der Genfer Gesellschaft für Physik und Naturgeschichte und der schweizerischen Wissenschaftsgemeinschaft. Das Ziel war, diese Gemeinschaft auf wertvolle Weise zu bereichern – damals, als Genf gerade der Schweiz beitrat und gleich zur grössten Stadt des Landes wurde. Diese Gründung erfolgte in einem komplexen Umfeld, das vom Ende der Napoleonischen Kriege und dem beginnenden Restaurationszeitalter in Europa geprägt war.

Artikel 1 der Statuten dieser Institution hielt folgendes fest: "Der Zweck der Gesellschaft ist: Die Beförderung der Kenntnis der Natur überhaupt und der vaterländischen insbesondere; die Ausbreitung und Anwendung derselben zum wahren Nutzen des Vaterlandes." Diese Formulierung mag heute veraltet erscheinen, im Geiste ist sie jedoch bemerkenswert nahe an unserem Verständnis der aktuellen Rolle unserer Akademie. Unser Hauptziel besteht nämlich darin, der breiten Gesellschaft im Allgemeinen und der politischen Welt im Besonderen Wissen und ein gewisses Verständnis der Wissenschaftskultur zu vermitteln. Diese Annäherung ist zentral geworden, denn nur so können Entscheidungen, die unser künftiges Umfeld prägen, gut informiert und überlegt getroffen werden.

Wir verfolgen heute dieses Ziel, indem wir das verfügbare Wissen über gesellschaftlich relevante Themen wie Energie, Klima, Gentechnologie oder Biodiversität zusammentragen und in Form von Berichten oder Factsheets bereitstellen. Die Ergebnisse dieser Arbeit machen wir im Parlament, in der Bundesverwaltung oder in der Öffentlichkeit bekannt.

In der Wissenschaftsgemeinde nimmt die Akademie die Rolle der gesamtschweizerischen Koordination wahr, beispielsweise durch das Verfassen von Roadmaps in investitionsintensiven Bereichen. Sie bietet einen Rahmen zur Vertretung der verschiedenen Disziplinen auf internationaler Ebene und beteiligt sich aktiv an den Bemühungen zur Annäherung von Wissenschaft und Politik in Europa.

Faszinierend sind die Parallelen unserer Arbeit mit grossen nationalen Akademien in anderen Ländern wie der Royal Society in Grossbritannien oder der Leopoldina in Deutschland und die Feststellung, dass unsere Ergebnisse in der ganzen Welt anerkannt sind.

Durch die Teilhabe am Leben der Akademie können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Verantwortung in der sich wandelnden Gesellschaft wahrnehmen und ihre berufliche Erfahrung bereichern.


Thierry Courvoisier ist Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz und Professor für Astrophysik an der Universität Genf.