Interview: "Wir suchen Überraschungen"

06.10.2015

Luc Henry, Mitgründer des Open Lab Hackuarium nahe bei Lausanne, will auch in der Schweiz ein Crowdfunding für die Wissenschaft aufbauen.

(Aus "Horizonte" Nr. 106, September 2015)

Weshalb wollen Sie eine partizipative Finanzierung der Wissenschaft?

Es gibt viele Gründe. Es ist zum Beispiel sehr schwierig, wissenschaftliche Studien, die weniger als 50 000 Franken benötigen, rasch zu finanzieren. Die meisten der vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Projekte erhalten zwischen 100 000 und 500 0000 Franken. Die Zuteilung der Gelder kann bis zu einem Jahr dauern.

Für welche Projekte eignet sich Crowdfunding?

Vor allem für Studien, die das Potenzial einer Idee überprüfen wollen. Das Crowdfunding schafft auch eine Plattform für den Dialog zwischen Öffentlichkeit und Forschenden. Diese müssen die Spender besonders über die Fortschritte und Schwierigkeiten ihres Projekts informieren. Trotzdem ist Wissenschaft nach wie vor schwieriger zu vermarkten als ein IT-Gadget – vor allem, weil die Öffentlichkeit für die finanzielle Unterstützung eine Gegenleistung erwartet.

Dieses System bevorzugt populistische und völlig illusorische Projekte.

Die Gefahr ist gering, aber wir sind uns ihrer bewusst. Wir suchen Überraschungen
und ermöglichen dazu auch Personen ausserhalb der Hochschulen kreative Forschung. Mit Crowdfunding können ausserdem politisch heikle Themen finanziert werden – zum Beispiel wurde in England mit einem neurowissenschaftlichen Projekt der Einfluss von LSD auf die Kreativität untersucht. Der gesunde Menschenverstand spielt allerdings weiterhin eine Rolle: Nicht alle vorgeschlagenen Projekte enden auf Crowdfunding-Plattformen.

Wo steht Ihr Projekt heute?

Wir sind im Gespräch mit einer nicht spezialisierten Schweizer Crowdfunding- Plattform. Wir wollen sie dabei unterstützen, wissenschaftliche Projekte zu berücksichtigen. Eine Stiftung stellt zudem in Aussicht, die von der Öffentlichkeit gespendeten Beiträge zu verdoppeln. Wir hoffen auf die Lancierung der ersten Projekte noch 2015.