Sollen Ethiker Ratschläge geben?

12.10.2015

Politiker und Behörden befragen Ethikkommissionen zu moralischen Themen wie Sterbehilfe, Präimplantationsdiagnostik und Gentechnik in der Landwirtschaft. Ist es für Ethiker legitim, als Wissenschaftler auf solche Fragen zu antworten?

​(Aus "Horizonte" Nr. 106, September 2015)
Bild: © Valérie Chételat

Wenn Ethikkommissionen Parlament, Bundesrat und Behörden beraten, geschieht dies nicht ungefragt, sondern auf Grundlage von Gesetzen. Ethische Gutachten werden in Auftrag gegeben. Ein wichtiger Grund für diesen Einbezug von Ethikern ist, dass sich in politischen Feldern wie Medizin, Umwelt und Datenschutz ethische Fragen stellen und es schlicht unklug wäre, wenn neben naturwissenschaftlichen, rechtlichen und ökonomischen Expertisen nicht auch ethische eingeholt würden.

Von Expertisen werden neben sorgfältigen Analysen des Diskussionsstands auch Empfehlungen erbeten. Politikern dienen für die Entscheidungsfindung nicht nur Literaturberichte. Es ist für sie auch hilfreich zu wissen, was die angefragten Experten und Kommissionen selbst für das Richtige halten. Warum sollten Ethiker und Ethikkommissionen genau diesen Teil eines Beratungsauftrags aussen vor lassen? Es gibt keinen Grund hierfür.

Eine gute ethische Empfehlung umfasst die Argumente für und wider eine der vorhandenen Optionen. Diese werden in ihrer jeweiligen Stärke geprüft und beurteilt. Daraus folgt, dass für gewisse Möglichkeiten bessere Gründe sprechen als für andere, also begründete Empfehlungen gegeben werden können.

Aber es geht nicht allein um das "Können", sondern um das "Dürfen". Werden ethische Fragen eindeutig beantwortet, etwa mit "Die Spermienspende für unverheiratete heterosexuelle Paare soll zugelassen werden", wird eine moralische Aufforderung formuliert. Von ihrem Wesen her sind Empfehlungen und Ratschläge aber nicht direktiv. Politiker und Behörden sind frei, die dargelegten Gründe zu verwerfen und die Empfehlung auszuschlagen.

Allerdings bewegt sich ein schlichtes "Das sollst du tun!" auf dem Gebiet der Moral, nicht der Ethik. In der Ethik als Wissenschaft müssen nachvollziehbare Gründe vorgelegt werden, warum eine Antwort die Richtige ist. Wenn dies geschieht, sind die angesprochenen Personen in der Lage, die dargelegten Gründe selbst zu prüfen und gegebenenfalls zu verwerfen. Selbst wenn sie die Gründe teilen, sind sie wiederum frei, die Empfehlung auszuschlagen. Sei es, weil sie andere Gewichtungen vornehmen, zusätzliche Punkte sehen oder weil sie nach Prüfung der vorgebrachten Argumente zu einer abweichenden Meinung gelangen.

Ethische Empfehlungen aus einem transparenten Prozess dienen allen, bringen den Diskurs voran und führen zu besseren Entscheidungen.

Ein Paar steht vor der Entscheidung, wie es mit dem auffälligen Ergebnis bei einem Schwangerschafts-Screening umgehen soll. Es fragt Freunde um Rat, unter ihnen auch einen Ethiker. Muss das Paar das Urteil des Ethikers besonders ernst nehmen, ernster zum Beispiel als jenes der Freundin, die ein Kind mit Trisomie 21 hat?

Nein, sage ich als Ethiker. Und ich bleibe auch skeptisch, wenn nicht Individuen, sondern gleichsam die Gesellschaft einen ethischen Disput geklärt haben möchte und der Ethiker als Mitglied einer Expertenkommission beigezogen wird. Dass ein Problem nämlich eine moralische Dimension hat, heisst für mich, dass es Ethiker nicht nur als Experten betrifft, sondern als Menschen.

Ob ein bestimmtes Medikament wirkt, kann ein Experte besser beurteilen als ein Laie. Aber ob die Präimplantationsdiagnostik die Würde des Embryos in unzulässiger Weise verletzt, ist keine Frage, die durch die neuste Forschung zum moralischen Status vorgeburtlichen Lebens autoritativ entschieden wäre. Echte ethische Dissense lassen sich nie durch Expertenwissen auflösen.

Gut und richtig ist, dass Ethikerinnen das Feld nicht den Interessenvertretern und Expertinnen aller Art überlassen, die nur allzu bereitwillig die moralische Dimension einer Problematik verdrängen. Gegen die Reduktion ethischer Konflikte auf technische oder empirische Fragen anzukämpfen ist in Kommissionen darum eine der vornehmlichsten Aufgaben von Ethikerinnen.

Es bleibt: Wenn ein Ethiker zu einer ethischen Frage etwas Wichtiges und Richtiges zu sagen hat, dann nicht, weil er ein akademischer Experte ist, sondern weil ihn die disziplinierte Auseinandersetzung mit dem Ethischen in seinem Urteil differenzierter und weiser gemacht hat. Zudem hat er sich eine Unabhängigkeit und Freiheit des Denkens bewahrt, die man aber nicht mit weltanschaulicher Neutralität verwechseln sollte. Worauf es ankommt, ist nicht ethisches Theoriewissen, das sich akademisch prüfen lässt, sondern moralische Urteilskraft, die man sich in einem nie abgeschlossenen Prozess der Selbstbildung aneignet.

Ethiker tun gut daran, die Rolle als Telefonjoker pluralistischer Gesellschaften zu verweigern. Es ist weder ihre Aufgabe noch ihre Kompetenz, ethische Konflikte gewissensschonend und auf unpersönliche Weise aufzulösen. Sie sollen explizit machen, wie sie die Dinge sehen, im Wissen darum, dass andere – Experten und Laien – es ganz anders sehen können. Das ist in der Ethik nicht ein Mangel an Expertise, sondern gerade deren Kennzeichen.