"Die Idee eines Grosskurdistans ist von symbolischer Bedeutung"

03.12.2015

"Der Krieg gegen die Organisation Islamischer Staat wird die Kurden nur vorübergehend einen", glaubt der Historiker Jordi Tejel. Von Benjamin Keller

(Aus "Horizonte" Nr. 107 Dezember 2015)

Für die einen sind sie "Terroristen", für die anderen Kriegshelden im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS): die Kurden, ein Volk ohne eigenen Staat, das seit fast einem Jahrhundert für seine Anerkennung kämpft. In der Türkei hat die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) im Sommer wieder die Waffen gegen das Regime von Staatschef Recep Tayyip Erdogan erhoben, der gleichzeitig mit Bombenangriffen gegen die PKK und den IS begann.

"Ursprünglich bestand das Ziel der PKK darin, die kurdischen Regionen in der Türkei sowie in Syrien, Irak und Iran zu vereinen", erklärt Jordi Tejel, Experte für Minderheiten im Nahen Osten. Heute diene das Konzept eines Grosskurdistans hingegen vor allem dazu, die Forderungen der Kurden in den einzelnen Staaten zu legitimieren, sagt der Professor für internationale Geschichte in Genf.

Auf welche Zeit geht die "Kurdenfrage" zurück, um den Titel ihres aktuellsten Buches aufzugreifen?

Auf das Ende des Osmanischen Reichs und die internationalen Verträge nach dem Ersten Weltkrieg. 1920 sah der Vertrag von Sèvres vor, dass im Südosten der heutigen Türkei ein kurdischer Staat geschaffen wird, was nur einem kleinen Teil der kurdischen Gebiete entsprach. Die Kurden im Nordirak, der unter britischer Herrschaft stand, sollten diesem unabhängigen Staat jedoch später beitreten können, wenn sie es wünschten. Doch 1923 trat der Vertrag von Lausanne an die Stelle des Vertrags von Sèvres, und ein kurdischer Staat war kein Thema mehr.

Weshalb kam es zu dieser Wende?

Einerseits waren die europäischen Mächte gespalten. Grossbritannien stand in Konkurrenz zu Frankreich und zum Nahen Osten. Parallel dazu führte die Türkei einen Unabhängigkeitskrieg gegen die Besatzungstruppen. Der spätere Präsident Mustafa Kemal, einer der Rebellionsführer, gewann Terrain und verlangte eine Neuaushandlung des Vertrags. Nicht zu vergessen ist auch, dass die Kurden untereinander ebenfalls gespalten waren. Verschiedene Stämme, aber auch einflussreiche Persönlichkeiten, verbündeten sich mit Mustafa Kemal gegen die Europäer.

Was bewog sie dazu?

Mustafa Kemal versprach ihnen Unabhängigkeit und Anerkennung im künftigen türkischen Staat. Sie verbündeten sich mit den Türken auch aufgrund der gemeinsamen islamischen Religion gegenüber westlichen Mächten. Diese sahen sie als Ungläubige. Ein weiterer Grund: Viele Kurden hatten sich am Massaker gegen die Armenier während des Ersten Weltkriegs beteiligt. Einflussreiche kurdische Persönlichkeiten hatten die Übergriffe unterstützt und nahmen den Boden der Armenier in Besitz. Doch der Vertrag von Sèvres sah einen armenischen Staat vor. Diese Leute hatten Angst, dass sie vor Gericht kommen und das Land zurückgeben müssen.

Weshalb wollten die Europäer einen kurdischen Staat gründen?

Grossbritannien versuchte zwischen 1918 und 1922 die Türken zu schwächen, indem es auf eine kurdische Macht setzte, die es dominieren konnte. Ausserdem bestand die Idee, Pufferzonen zu Russland zu schaffen, das nach der bolschewikischen Revolution von 1917 als Bedrohung empfunden wurde.

Schliesslich gingen die Kurden leer aus, sowohl bei den Europäern als auch bei den Türken.

Das ist richtig. Nachdem Mustafa Kemal den Vertrag von Lausanne ausgehandelt hatte, vollzog er einen Kurswechsel. All seine Versprechen über eine türkisch-kurdische Verbrüderung waren vergessen. Sein neues Programm war eine vereinte und zentralistische Türkei. Dieses assimilationistische Projekt, das ab 1923 die Richtung vorgeben sollte, wurde später zum Gründungsgedanken der Republik. Natürlich war es nicht von Erfolg gekrönt. Die Realität sah anders aus.

Nämlich?

1923 war die Türkei ein schwacher Staat und erst im Aufbau. Als Ankara, die neue Hauptstadt anstelle von Istanbul, türkisch zur Einheitssprache erklärte, war diese Politik in den meisten ländlichen kurdischen Regionen ganz einfach nicht umsetzbar. In Wirklichkeit war der türkische Staat in vielen kurdischen Gegenden nicht oder kaum präsent. Bis zum Zweiten Weltkrieg funktionierte deshalb das assimilationistische Konzept vor allem in den Städten.

Und danach?

In den 1940er oder 1950er Jahren wurde das Konzept konsequenter angewendet, insbesondere weil es immer mehr Schulen gab, auch in ländlichen Regionen, und der Militärdienst als integratives Instrument wirkte. Gleichzeitig flammte aber auch der kurdische Nationalismus wieder auf, der seit den Aufständen in den 1920er und 1930er Jahren fast verschwunden war. Diese waren mit Gewalt niedergeschlagen worden und hatten zur Folge, dass die kurdischen Intellektuellen flüchteten.

Aus welchen Gründen tauchte dieser Nationalismus wieder auf?

Junge Kurden gingen für ihr Studium nach Istanbul und Ankara und wurden sich ihrer Kultur und besonders ihrer Sprache bewusst, die zu verschwinden drohte. Diese Intellektuellen aus ländlichen Gegenden im Südosten sahen auch, dass der Westen der Türkei wesentlich weiter entwickelt war. Damals fasste der Marxismus im Nahen Osten Fuss. Die Kurdenbewegung war nicht von Anfang an politisch, sondern mischte kulturelle Forderungen mit marxistischen Erklärungen zur Entwicklung. Viele engagierten sich zuerst in kommunistischen oder sozialistischen türkischen Parteien.

Wann kam es zum Bruch?

Ende der 1960er und in den 1970er Jahren. Eine neue Generation, die sich von den
Türken unverstanden fühlte, wollte eigene kurdische Linksparteien gründen. Aus
dieser Bewegung stammen die Gründer der PKK. Ende der 1970er Jahre wendeten
sie sich von der türkischen Linken ab – mit der Vision, ein vereintes Kurdistan zu gründen, das alle kurdischen Regionen umfasst, und mit einem marxistisch leninistischen Programm.

Ist die Unabhängigkeit noch Teil der kurdischen Agenda?

Offiziell will die PKK heute keinen kurdischen Staat gründen. Sie stellt ihre Forderungen nur innerhalb der aktuellen Grenzen. Seit einigen Jahren spricht der
PKK-Führer Abdullah Öcalan, der noch immer in der Türkei inhaftiert ist, vom
sogenannten demokratischen Konföderalismus. Dieser kombiniert anarchistische
und demokratische Grundsätze mit einer Dezentralisierung und mit Selbstverwaltung
sowie mit ökologischen und feministischen Ideen.

Was verbindet die PKK und die Kurden in Syrien, Irak und Iran?

Die PKK hat sich neu organisiert, nachdem sie von der Türkei, den USA und der Europäischen Union in die Liste der Terrororganisationen aufgenommen worden war. Statt überall als PKK zu handeln, tritt sie je nach Land mit unterschiedlichen Namen auf. In Syrien ist die Partei der Demokratischen Union (PYD) aus der PKK hervorgegangen. Nach dem teilweisen Rückzug der Truppen aus Damaskus in der kurdischen Region Rojava im Norden Syriens erklärte die PYD im November 2013 diese Gegend einseitig als unabhängig, und sie begann damit, den demokratischen Konföderalismus umzusetzen. Die PÇKD im Irak ist nicht so bekannt wie die PYD, weil sie in einer weniger privilegierten Position ist. Im Iran hat sich die PJAK der PKK angeschlossen.

Versucht die PKK, die vier Regionen zu vereinigen?

Das würde ich nicht sagen. Die Idee eines Grosskurdistans ist von symbolischer Bedeutung. Für alle Kurden, nicht nur für die PKK. Es ist eine Art Legitimierung für ihre Forderungen in den einzelnen Staaten. Der Beweis ist, dass die Kurden im Irak, die eine autonome Region im Norden des Landes haben, diese Region meinen, wenn sie von Kurdistan sprechen. Die PKK sagt, dass sie die Grenzen nicht infrage stellt. Hingegen will sie ein regionaler Akteur sein, also Einfluss nehmen auf alle kurdischen Regionen, um über Ressourcen zu verfügen, die anschliessend namentlich in der Türkei nützlich sein können.

Wie sind denn die Beziehungen zwischen der PKK und der Regionalregierung des irakischen Kurdistans?

Es besteht eine Konkurrenz. Die PKK besitzt mehrere Militärbasen im irakischen
Norden, welche die Peschmerga, die irakischen Kämpfer, nicht betreten. Das zeigt,
dass die PKK eine gewisse Macht hat.


Könnte der Krieg der Kurden gegen den Islamischen Staat sie einigen?

Das ist möglich, aber nur vorübergehend. Dies war beispielsweise der Fall, als die
Peschmerga den syrischen Kurden halfen, die Stadt Kobane zu verteidigen, oder
als die PKK gegen den Islamischen Staat kämpfte, um Erbil zu schützen, die bedrohte
Hauptstadt des irakischen Kurdistans. Nach solchen Aktionen kehren aber alle
wieder hinter ihre Grenzen zurück.

Können die Kurden mit Anerkennung aus dem Westen rechnen?

Sie haben nicht wirklich eine Wahl: Sie müssen kämpfen, denn der IS betrachtet sie als Feind. Sie versuchen, ihren Kampf gut zu verkaufen, sie wissen aber sehr
wohl, dass der Westen sie im Stich lassen wird, sobald sich die Situation ändert. Im
Moment wird den Kurden viel Sympathie entgegengebracht, aber nur wenige europäische Länder wünschen sich einen kurdischen Staat. Und man weiss nicht, wie
weit die USA bereit sind, die Türken zu verärgern, denn sie sind auf diese angewiesen.


Benjamin Keller verfügt über einen Hochschulabschluss in internationalen Beziehungen und ist als freischaffender Journalist in Genf und Tunis tätig.

Das grösste Volk der Erde ohne eigenen Staat

Mit rund 40 Millionen Menschen sind die Kurden das grösste Volk der Erde ohne eigenen Staat. "Kurdistan" erstreckt sich über Teile der Türkei, Irans, Iraks und Syriens auf über 500 000 Quadratkilometern, was zwölfmal der Fläche der Schweiz entspricht. Dieses Gebiet bildet keine Einheit, und je nach Staat wird der kurdischen Bevölkerung unterschiedlich viel Autonomie eingeräumt. Eine bedeutende Diaspora existiert ausserhalb Kurdistans: zwischen 1,5 und 1,7 Millionen Kurdinnen und Kurden leben nach Angaben des Institut kurde de Paris in Europa, 700 000 bis 800 000 davon in Deutschland. Die kurdische Bevölkerung spricht eigene Dialekte. 80 Prozent gehören der Religion des sunnitischen Islam an.

 

Von Spanien bis zum Nahen Osten

Der 44-jährige Jordi Tejel ist Förderprofessor des Schweizerischen Nationalfonds im
Departement für internationale Geschichte am Hochschulinstitut für Internationale
Studien und Entwicklung (IHEID) in Genf. Er forscht zur Geschichte des Nahen Ostens, der Minderheiten und ihrer Grenzen und insbesondere zur Kurdenfrage. Tejel wurde in Barcelona geboren und zog 1996 in die Schweiz. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er hat mehrere Bücher publiziert, unter anderem "Irak, chronique d’un chaos annoncé" (2006) und "La question kurde: passé et présent" (2014).