"Die Palette ist sehr vielfältig"

10.12.2015

Dass wir beim Geschlecht auf Eindeutigkeit beharren, sei historisch bedingt, sagt die Genderforscherin Andrea Maihofer. Doch die Norm beginne sich aufzuweichen. Von Susanne Wenger

(Aus "Horizonte" Nr. 107 Dezember 2015)​​​

​Frau Maihofer, eine der ersten Fragen nach der Geburt eines Kindes lautet: Ist es ein Mädchen oder ein Junge? Warum wollen wir das sofort wissen?

Weil unsere Gesellschaft nach wie vor durch das Prinzip der heterosexuellen
Zweigeschlechtlichkeit organisiert ist. Jedes Individuum, das geboren wird, muss
sofort als entweder männlich oder weiblich identifiziert werden, selbst wenn es
nicht eindeutig ist, wie bei manchen intersexuellen Kindern. Kinder werden von
Anfang an so behandelt, dass sie möglichst eine eindeutige geschlechtliche Identität
und eine Erkennbarkeit für andere entwickeln. Wenn wir in Begegnungen nicht
rasch erkennen, ob jemand Frau oder Mann ist, sorgt das für Irritation.

Wie lautet Ihre Erklärung dafür?

Das hat kulturelle Gründe. In der bürgerlichen Gesellschaft entstand die Vorstellung von einer natürlichen, hierarchisch strukturierten, heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit mit klaren Differenzen zwischen Frauen und Männern. Es gab aber auch Gesellschaften mit geringerer Binarität. In der höheren Schicht im 15./16. Jahrhundert wurden bei kleinen Kindern in der Kleidung nicht so grosse Unterschiede gemacht. Mädchen und Knaben waren ähnlich angezogen und nahmen ähnliche Körperhaltungen ein. Sie finden viele Bilder in Museen, die das zeigen.

Das Geschlecht gilt als natürliche Eigenscha‚. Was sagt die Genderforscherin dazu?

Vor noch nicht allzu langer Zeit sprach man Frauen die Fähigkeit zur akademischen
Bildung ab. Es hiess, sie könnten von Natur aus nicht rational denken und seien zu
emotional für Berufe wie Ärztin oder Richterin. Inzwischen machen sie häufig die
besseren akademischen Abschlüsse, und es gibt immer mehr Ärztinnen und Richterinnen. Die Aussage, das sei natürlicherweise nicht möglich, ist also widerlegt. Trotzdem wird immer wieder behauptet, dass es eine natürliche Differenz zwischen den Geschlechtern gebe. Die Geschlechterforschung versucht zu zeigen, dass sich diese Denkweise ständig neu herstellt und auch die Sozialisation von Individuen prägt. Schauen Sie nur die Kinderwerbung an, wo Mädchen und Knaben extrem unterschiedlich angesprochen werden. Das trägt dazu bei, die Zweigeschlechtlichkeit fortzuschreiben. Es ist ein komplexer Zirkel.

Ethikkommissionen raten, geschlechtlich uneindeutige Kinder nicht zu operieren. Transgender-Lobbygruppen kämpfen für ihre Rechte. Medial präsent sind Künstlerinnen und Künstler mit selbstgewählten Geschlechtsidentitäten. Wie ordnen Sie dies ein?

Wir leben in einer historischen Zeit, in der immer mehr Menschen nicht mehr
bereit sind, die vorgegebene heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit zu leben. Diese
entspricht nicht ihrem Körper, ihrem Lebensgefühl und ihrem geschlechtlichen
Selbstverständnis. Wir haben es mit einer zunehmenden Pluralisierung geschlechtlicher und sexueller Existenzweisen zu tun. Es gibt die Transgender-Personen, die zwar Eindeutigkeit leben wollen, aber nicht im Geschlecht, in dem sie geboren sind. Es gibt Menschen, die sich der Eindeutigkeit entziehen. Und es gibt solche, die eine ganz stereotype Männlichkeit oder Weiblichkeit inszenieren wollen. Die Palette ist mittlerweile sehr vielfältig.

Ist die Gesellscha‚ bereit, diese Entwicklung nachzuvollziehen?

Ich halte es für wichtig, dass die Gesellschaft die Bedingungen schaff„t, die es Menschen erlaubt, diese Pluralität ohne Diskriminierung zu leben. Die Operationen an intersexuellen Kindern werden heute richtigerweise als Menschenrechtsverletzungen thematisiert. In Deutschland wird von Personen, die einen offiziellen Geschlechtswechsel vornehmen möchten, nicht mehr verlangt, sich operieren zu lassen und Hormone zu nehmen. Sie müssen Gutachten vorlegen, in denen deutlich wird, dass sie erst dann ihr richtiges Geschlecht leben können. Körperlich müssen sie nichts an sich verändern. Das ist ein Riesenunterschied zu früher.

Susanne Wenger ist freie Journalistin in Bern.