Kampf um die Kunst

18.12.2015

An der Art in Basel haben Soziologen untersucht, wie der boomende Markt die Kunstwelt aus den Angeln hebt. Und dabei auch eine Konkurrenz um soziale Macht entfacht. Von Daniel Di Falco

​Damien Hirst? Genau: der englische Superstarkünstler, der 2007 einen Totenschädel mit Diamanten besetzte. «For the Love of God» hiess das Stück, das für 50 Millionen Pfund offeriert wurde, die Herstellungskosten sollten sich auf 14 Millionen belaufen. Kaufen wollte es keiner. Eigentlich war Hirst gerade darum erfolgreich: Er bot dem Käufer einen Gegenwert. So trieb er der Kunst vorsätzlich ihre ganze Magie aus.

Garagisten verrechnen Material und Arbeit. Kunst dagegen ist kostbar, weil sie sich so profanen Massstäben entzieht. In jedem Werk steckt ein Aufwand, doch für dessen Wert spielt er keine Rolle.

Vom Zauber der Kunst und ihrer Entzauberung berichtet auch Franz Schultheis, Soziologe an der Universität St. Gallen. Gegen die Befunde seiner Forschergruppe ist der Fall Hirst aber nur eine Anekdote. Seit gut zwei Jahrzehnten explodiere der Kunstmarkt, und er gefährde die «traditionellen Institutionen» der Kunstwelt, sagt Schultheis. Sammler, Händler, Aussteller, Vermittler hätten bisher die «charismatische Wirkung» dieser Ware garantiert − durch den Konsens darüber, von ihr öffentlich nicht als Ware zu reden.

Kapital zeigt sein Gesicht

Wie schwierig das geworden ist, haben die Soziologen beobachtet. Sie haben drei Jahre Feldforschung an der Art in Basel getrieben – an dieser Messe sehen sie den «merkantilen Charakter» der Kunst so unverstellt zutage treten wie nirgendwo sonst. Und damit auch jenen fundamentalen Widerspruch, der das ganze Feld durchzieht, seit ein Klub impressionistischer Künstler um Édouard Manet im späten 19. Jahrhundert eine Idee behauptet hat, die zum Ethos der Kunst geworden ist: Sie sei eine Sphäre für sich und stehe über allen ökonomischen und gesellschaftlichen Gesetzen.

An der Art dagegen zeigt das Kapital sein Gesicht: Champagnerstände, Sponsorenanlässe, Umsatzfieber. Die Forscher haben den Rummel auf diesem «Jahrmarkt der Kunst» mit derselben ethnografischen Akribie dokumentiert wie seine Hausordnung. Die VIPs werden nach ihrem wirtschaftlichen und sozialen Gewicht in Klassen sortiert und behandelt, die idealen Standorte gehen an die potentesten Galerien, und auch die Kunst unterliegt Kalkül: Zu sehen ist vor allem, was sich am besten verkauft.

Eine Ökonomie der Kunst gibt es längst. Doch früher war es laut Schultheis leichter, die «kollektive Heuchelei» aufrechtzuerhalten und mit der «Leidenschaft für die Kunst» das innige Verhältnis zu kaschieren, das sie mit dem Kapital unterhält. In Basel dagegen rückt das Geschäft auf die Bühne, und wenn die Soziologen hier die Akteure befragen, kommt ein enormes Unbehagen zur Sprache: das der Galeristen, die von den grossen Auktionshäusern ausgebootet werden. Das Unbehagen von Sammlern, die mit Argwohn auf eine neue Klientel blicken, die ihnen ihren Status streitig macht. Und das Unbehagen der Künstler, die sich hier nicht blicken lassen, weil «das nichts mit Kunst zu tun» hat.

Der Markt gefährdet die alte Ordnung

Natürlich hat die Messe mit Kunst sehr viel zu tun. Aber nichts mit jenem exklusiven sozialen Arrangement, innerhalb dessen die Akteure früher den Wert der Kunst bestimmten. Das ist gefährdet durch diesen Markt, der die Regeln der Kunstwelt in Frage stellt. Wo Exklusivität herrschte, drängt er auf Öffnung, und er lässt – wie jeder Markt – Hingabe zur Sache nichts mehr gelten, sondern nur noch ökonomische Potenz. Es ist diese «Umschichtung von Machtverhältnissen», die die möglichen Verlierer gegen die Grossgalerien, die «Neureichen» und die Kommerzialisierung aufbringt.

Das sind die tiefer liegenden Konflikte, und die interpretieren die Soziologen mit den Gesellschaftstheorien von Pierre Bourdieu. Tatsächlich steht hinter der Auseinandersetzung im Namen der Kunstliebe auch ein Konkurrenzkampf der «herrschenden Klassen». Auf dem Spiel steht das symbolische Kapital, das Kunst abwirft: Sie kann Wände verschönern – und die gesellschaftliche Position ihrer Besitzer legitimieren.

Kunst sei, so sagt es Franz Schultheis, eben so kostbar, weil sie den Kunstliebhaber veredle. Und das mehr als irgendeine Ware. Darum ist kaum zu erwarten, dass der Markt ihre Magie vernichtet. Die Frage ist eher, wer künftig über diese Magie gebietet.

Daniel Di Falco ist Historiker und Kulturjournalist bei «Der Bund» in Bern.

F. Schultheis et al. (Hrsg.): Kunst und Kapital. Begegnungen auf der Art Basel. Verlag der Buchhandlung Walther König, 2015