Eingriffe in die menschliche Keimbahn stoppen?

05.01.2016

In China wurden mit der neuen CRISPR-Cas-Methode zu Forschungszwecken menschliche Embryonen verändert. Sollen Forschende weltweit die menschliche Keimbahn unangetastet lassen, bis mehr über mögliche Auswirkungen bekannt ist? Für Horizonte führen Stammzellforscher Dieter Egli und Bioehtikerin Anna Deplazes Zemp diese Kontroverse.

​Nein – sagt der Stammzellforscher Dieter Egli.

Die gentechnische Veränderung der Keimbahn (Zellen, die Spermien und Eizellen bilden, Anm. d. Red.) ist heute in der Schweiz und in vielen andern Ländern verboten. Über die Wirksamkeit und die Sicherheit solcher Eingriffe wissen wir noch fast nichts – und noch weniger über beabsichtigte und unbeabsichtigte Langzeiteffekte. Gerade die Versuche in China mit menschlichen Embryonen zeigen, wie unreif die Technologie ist. Nur bei 4 von 86 Embryonen gelang der gentechnische Eingriff auf molekularer Ebene teilweise; die meisten zeigten genetische Abnormalitäten. Aufgrund dieser Resultate ist eine Anwendung der Technik in naher Zukunft nicht zu erwarten.

Auf der andern Seite gibt es viele genetisch bedingte Krankheiten beim Menschen. Und wir lernen immer mehr genetische Ursachen kennen. Wie wollen wir diese bekämpfen? Ein Weg ist die Präimplantationsdiagnostik. Das eidgenössische Parlament möchte nun deren Anwendung in gewissen Fällen erlauben. Die Präimplantationsdiagnostik, also die Untersuchung des Embryos, bevor er der Mutter eingepflanzt wird, kann die Krankheit nicht immer verhindern: zum Beispiel wenn beide Partner denselben genetischen Defekt tragen oder wenn mehrere genetische Defekte gleichzeitig vorliegen. Ein anderer möglicher Weg, den wir deshalb prüfen sollten, ist die genetische Korrektur in der Keimbahn.

Wir müssen lernen, wie wirksam und sicher sich Gene in der menschlichen Keimbahn verändern lassen und ob diese Anwendung besser ist als andere Therapien. Zu fordern, man solle warten, bis man mehr weiss, und gleichzeitig der Forschung ein Moratorium auferlegen ist ein Widerspruch. Um mehr zu erfahren, braucht es Forschung. Diese sollten wir nicht bremsen, sondern innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen fördern. So sollte sie etwa ausschliesslich auf die Heilung von Krankheiten ausgerichtet sein.

Öffnen wir damit Tür und Tor für die genetische Verbesserung des Menschen, wie einige befürchten und andere erhoffen? Ich bin überzeugt, dass die Menschheit sich diesen Fragen stellen und die Anwendung dieser Technologien regeln muss. Diese nötige Diskussion wird umso besser gelingen, je besser wir die Möglichkeiten und die Grenzen gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn kennen.    

Ja – sagt die Bioethikerin Anna Deplazes Zemp.

Die CRISPR-Cas-Methode erlaubt wesentlich gezieltere und damit weniger riskante genetische Eingriffe in die menschliche Keimbahn als bisherige Technologien. Auch wenn die Effizienz dieser Technik noch gesteigert werden kann und Risiken wie unerwünschte Integrationen oder die Entstehung genetischer Mosaike bestehen bleiben, stellt sich die Frage: Sollen Länder wie die Schweiz nun ihr Verbot genetischer Veränderungen in der Keimbahn aufheben, oder sollte man – zumindest zu diesem Zeitpunkt – weltweit auf solche Experimente verzichten? Ich plädiere für Letzteres.

Genetische Veränderungen der menschlichen Keimbahn betreffen den Entwicklungsprozess und jede Zelle des zukünftigen Individuums. Mehr noch, die Veränderungen werden an künftige Generationen weitervererbt. Sind wir wirklich bereit, Verantwortung zu übernehmen für das genetische Profil nicht nur des entstehenden Individuums, sondern auch von dessen Nachkommen?

Wir müssen uns bewusst sein, dass Transhumanisten davon träumen, mit technischen Mitteln nicht nur Krankheiten zu heilen, sondern Menschen zu verbessern. Mit CRISPR-Cas könnte man versuchen, in diesem Sinne vererbbare "Verbesserungen" zu erreichen. Bevor man diese Technik in der menschlichen Keimbahn anwendet, muss geklärt werden, wie man mit diesen Ansprüchen umgeht.

Dieser Diskurs muss global geführt werden. Dies ist höchst anspruchsvoll. Vertreter verschiedener Kulturen beurteilen Experimente an menschlichen Keimzellen und Embryonen unterschiedlich. Einen Vorgeschmack geben die Diskussionen rund um die Versuche der chinesischen Gruppe, die menschliche Embryonen mit der CRISPR-Cas-Technik verändert hat. Im westlich-christlichen Kulturkreis wurden die Versuche mehrheitlich kritisiert. Dabei erfolgten diese Experimente aus ethischen Gründen mit nicht entwicklungsfähigen Embryonen. Die beteiligten Forscher scheinen also solche Experimente an entwicklungsfähigen Embryonen zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls für problematisch zu halten. Dies könnte die Basis für einen globalen Konsens sein.

Die internationale Wissenschaftsgemeinschaft sollte Regeln beispielsweise in Form eines Code of Conduct dazu entwickeln, welche Verwendungen dieser Technologie nicht akzeptabel sind. Gewicht bekäme der Code of Conduct, wenn die wichtigsten Forschungsinstitutionen, Geldgeber, Journale und Konferenzen auf dessen Einhaltung pochen.

 

Dieter Egli ist Assistenzprofessor an der Columbia Universität in New York. Er promovierte an der Universität Zürich und erforschte therapeutisches Klonen.

Anna Deplazes Zemp ist Molekularbiologin und Bioethikerin an der Universität Zürich. Sie ist unter anderem am Ethikprojekt des NCCR Molecular Systems Engineering beteiligt.