Die Filmkatastrophe sensibilisiert für die Realität

21.03.2016

Mehr als blosse Unterhaltung: Katastrophenfilme und Science-Fiction- Literatur nehmen die Folgen der Klimakatastrophe vorweg. Machen sie uns zu umweltbewussteren Menschen? Von Susanne Leuenberger

(Aus "Horizonte" Nr. 108 März 2016)​​​

​Endlos erstreckt sich die antarktische Weite auf der Leinwand. Minutenlang erkundet die Luftaufnahme die erhabene Schönheit und den Schrecken dieser Welt aus Eis. Erst danach erscheinen menschliche Gestalten im Bild. Bei der Menschengruppe handelt es sich um ein Wissenschaftsteam, das Eiskernbohrungen durchführt. Unter ihnen ist der Paläoklimatologe Jack Hall. Als sich plötzlich eine Eisscholle löst und eine Kluft zwischen die Eiskerne und die Forscher reisst, rettet Hall die Proben mit einem Sprung über den Abgrund und wieder zurück. Er riskiert sein Leben für die Forschung – und für das Überleben der Menschheit.

Wissenschaftler Jack Hall ist der Held von Roland Emmerichs Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow" aus dem Jahr 2004. Der 125 Millionen Dollar teure Streifen, der über weite Strecken computeranimierte Szenarien einer in Eis gefrorenen Welt zeigt, ist bis heute einer der wenigen Hollywood-Blockbuster, die sich zentral mit den Gefahren der globalen Erwärmung beschäftigen. Das dramatische Klimaszenario des kommerziell erfolgreichen Films wirkte weit über die Kinosäle hinaus: Der Hype um "The Day After Tomorrow" veranlasste reale Wissenschaftler, die im Film imaginierte Eiszeit in den Medien als unwahrscheinliches, rein fiktives Szenario zu bezeichnen.

Fiktiv oder real: Dass die Bilder einer von Stürmen und Fluten verwüsteten, schockgefrorenen Welt Wirkung zeigten, belegen auch bestehende Rezeptionsstudien wie jene des Yale Project on Climate Change Communication. Die Zuschauer waren nach Ende des Films messbar klimabewusster als zuvor.

Fiktion wirkt ähnlich wie Realität

Kulturwissenschaftlerin Alexa Weik von Mossner hat sich den Action-Streifen schon unzählige Male angesehen. "Nicht, weil ich den Plot besonders gelungen finde. Der bedient viele Klischees." Sie untersucht am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, wie Film und Literatur, aber auch nichtfiktionale Formate wie Klimadokumentarfilme die globale Erwärmung und deren mögliche Folgen in Form von Katastrophennarrativen, aber auch postapokalyptischen Erzählungen umsetzen. Sie kommt zum Schluss: "Fiktionale Stoffe wie Emmerichs ‹The Day After Tomorrow› können dazu beitragen, eine breite Öffentlichkeit für die Risiken des Klimawandels zu sensibilisieren."

Demnächst erscheint von Mossners nächste Monografie. Diese analysiert unter anderem die Erzählung des Romans "The Road", für den sein Autor Cormac McCarthy 2007 den Pulitzerpreis gewann. Der Roman handelt von einem Vater und seinem Sohn, die sich in einem post-apokalyptischen Amerika in Richtung Küste durchschlagen. Nach einem nicht näher bekannten Katastrophenereignis ist der Himmel von dunklem Nebel verhangen, die Erde kaum bevölkert und bis zum Gefrierpunkt abgekühlt. Von Mossner untersucht, wie der literarische Text beziehungsweise die spätere Filmadaption von John Hillcoat mit den jeweiligen Möglichkeiten des Mediums das Leben in einer verwüsteten Welt erzählerisch umsetzen und sinnlich erfahrbar machen. Die Kulturwissenschaftlerin arbeitet mit dem Konzept der "embodied cognition". Dieses geht davon aus, dass Kognition an Emotionen und körperliches Erleben und Empfinden gebunden ist.

Literatur reibt sich mit Neurologie

Die erzähltheoretische Analyse ergänzt Alexa Weik von Mossner mit Erkenntnissen aus der neurologischen Emotionsforschung. Verschiedene Experimente deuten darauf hin, dass im Film miterlebte Handlungen und Szenarien dieselben Hirnregionen stimulieren wie reales Erleben: "Das Hirn scheint hier nicht zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden." So kann es gelingen, mit Fiktion das Risikobewusstsein zu stärken und für mögliche Zukunftsszenarien zu sensibilisieren.

Der interdisziplinäre Zugriff auf Fiktion ist eher neu, könnte aber Schule machen. Seit einigen Jahren nähern sich Literatur- und Filmwissenschaft, die von Psychoanalyse und Gesellschaftskritik geprägt waren, den Neurowissenschaften an und fragen nach den kognitiven und emotionalen Dimensionen von Fiktion.

Allerdings ist der Einbezug neurologischer Befunde in der Filmwissenschaft nicht immer einfach, da unterschiedliche Forschungstraditionen zusammengebracht werden müssen. Dessen ist sich von Mossner bewusst. Sie sieht einen Bedarf an Übersetzungsleistungen zwischen Kulturwissenschaft und Kognitionsforschung: "Die Analyse einer ganzen Filmsequenz muss auf messbare Faktoren heruntergebrochen werden." Dennoch: Der Einbezug neurologischer Befunde erlaube, den Einfluss von Fiktion auf das "richtige Leben" nachzuweisen – eine wichtige Ergänzung zur rein inhaltlichen Analyse von Film und Literatur.

Ähnliche emotionale Verarbeitung

Dieser Ansicht ist auch Robert Blanchet. Er untersucht am Zürcher Seminar für Filmwissenschaften die emotionale Wirkung von Filmen. Im Projekt "The Medium of Love" untersucht er, was es heisst, mit Filmfiguren Empathie zu empfinden: "Empathie ist nach meiner Auffassung eine notwendige Voraussetzung dafür, dass wir Sympathie oder Antipathie für eine reale oder fiktive Figur entwickeln." Blanchet geht unter anderem der Frage nach, welche emotionalen Mechanismen im Spiel sind, wenn sich Serienfans längerfristig auf die Helden von Fernsehserien einlassen. Dazu untersucht er US-amerikanische Serien wie The Sopranos, The Wire oder Mad Men. Seine Forschung stützt sich auf neurowissenschaftliche und sozialpsychologische Erkenntnisse, während seine theoretischen Prämissen auf der Philosophie des Geistes basieren. "Es ist klar, dass nicht jede geisteswissenschaftliche Fragestellung empirisch gestützt werden kann – und muss." Dennoch sei es oft sinnvoll, als Geisteswissenschaftler zu prüfen, ob es empirische Studien gebe, die die eigenen Befunde stützen oder diesen widersprechen. Wie von Mossner geht Blanchet davon aus, dass Zuschauer fiktional erlebte Sachverhalte emotional vergleichbar verarbeiten wie reale Erfahrungen.

Mehr als nur Zeitvertreib

Ob fiktiv oder real: Dass die Auseinandersetzung mit Katastrophenszenarien mehr ist als nur ein Zeitvertreib, darauf weisen viele andere aktuelle Forschungsarbeiten hin. Zum Beispiel die des Medienpsychologen Matthias Hofer vom Institut für Publizistik und Medienforschung in Zürich. Er untersucht zurzeit an der Michigan State University, wie medial vermittelte Werte und Normen soziales Verhalten wie etwa Fürsorge beeinflussen. Seine bisherigen Resultate deuten darauf hin, dass Menschen nach der Lektüre von Zeitungstexten über Opfer von Naturkatastrophen und verhungernde Kinder hilfsbereiter sind als diejenigen, die Ferienberichte lesen.

 

Susanne Leuenberger ist Journalistin in Bern.