Ihr Herz schlägt für die Antike

01.07.2016

Singles und Patchworkfamilien im alten Rom: Sabine Huebner, Assistenzprofessorin für alte Geschichte in Basel, untersucht den Alltag der einfachen Leute. Von Pascale Hofmeier

(Aus "Horizonte" Nr. 109 Juni 2016)​​​

​Es geschah an einem Frühlingstag auf der Via Appia. Sabine Huebner war zwölf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern in Rom über die Pflastersteine der antiken Fernstrasse spazierte. "Die Geschichte des Ortes hat mich so beeindruckt, seit diesem Moment wollte ich die alten Römer studieren." Aus der kindlichen Begeisterung wurde ein Studium in Altgriechisch, Latein und Geschichte – und eine lückenlose akademische Karriere. Dem Studium in Münster und Rom folgten das Doktorat und ein fünfjähriger Forschungsaufenthalt in den USA, unter anderem an der University of California, Berkeley, und am Institute for Advanced Study in Princeton. Nach der Habilitation an der FU Berlin in Alter Geschichte war sie Heisenberg-Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Paris und Rom. "Ich hatte nie Zweifel, dass ich in der Wissenschaft bleiben wollte", sagt Huebner. Die Universität Basel sei ihre "Traumdestination".

Familie und die eigene Biografie

Die 39-jährige Deutsche sitzt entspannt im aufgeräumten Büro: ein Computer, ein Tisch und zwei volle Bücherregale, eines davon eine historische Präsenzbibliothek mit den grossen Werken der Antike. Doch nicht Cicero, Homer oder das Leben der Kaiser stehen im Zentrum von Sabine Huebners wissenschaftlicher Arbeit, sondern das Leben der einfachen Leute.

Auch ihre umfangreiche Publikationsliste und ihre Editionsarbeit machen klar: ihr Herz schlägt für den Alltag in der Antike. Viele ihrer Arbeiten handeln von der Sozial-, Wirtschafts- und Religionsgeschichte der "kleinen Leute" und dem Familienleben. "Ein beträchtlicher Teil der Kinder in der Antike wuchs ohne Vater auf." Die Männer heirateten später als die Frauen und starben häufig, als die Kinder noch nicht erwachsen waren. "In Zeiten hoher Sterblichkeits- und Scheidungsraten waren auch Patchwork- und Einelternfamilien ganz normal", sagt Huebner und schlägt den Bogen zur Gegenwart: "Wenn wir von Familie sprechen, meinen wir oft ein Ideal der 1950er Jahre, das zu keiner anderen Zeit existiert hat."

Von sich aus thematisiert die Wissenschaftlerin und Mutter von bald drei Kindern ihre eigene Familiensituation. Immer wieder werde sie gefragt, wie sie es schaffe, wissenschaftliche Karriere und Familie zu vereinbaren. Dieser Rechtfertigungsdruck geht ihr zuweilen auf die Nerven. "Ich sag dann immer nur ‹Würden Sie einen Professor und Vater das gleiche fragen?›" Als Huebner für ihre wissenschaftliche Laufbahn von Land zu Land zog, war die Familie immer dabei. "Ich habe die geforderte Mobilität für Nachwuchswissenschaftler immer als grosse Chance gesehen, nie als Belastung." Sie findet auch die Zeit für tägliche Joggingrunden, und es stresst sie nicht, auch am Wochenende E-Mails zu beantworten: "Ich glaube, ich bin einfach sehr effizient."

Das bestätigt ihr Doktorvater Walter Ameling, der Althistoriker ist mittlerweile in Köln: "Das ist durchaus die richtige Beschreibung. " Sie hatte für ihr Doktorat in Jena ein Stipendium für drei Jahre. "Anders als viele andere Stipendiaten ist sie im Zeitplan geblieben." Und sie fiel während des Doktorats mit einer zweiten Eigenschaft auf: Selbstständigkeit. "Sie wollte von Anfang an in der Wissenschaft bleiben, hat ihre Themen selbstständig gewählt und für ihre Finanzierung gesorgt."

"Sie ist kein Ellbogentyp"

Es könnte passieren, die zielstrebige Art mit eher als rücksichtslos konnotierter deutscher Effizienz zu verwechseln. Doch das passt weder zu Sabine Huebners Auftreten noch dazu, wie andere sie erleben. "Sie ist kein Ellbogentyp. Sie hat immer eine offene Türe, und die Arbeit ist wirklich ein Miteinander", sagt ein Mitarbeiter eines aktuellen Projekts, das die Basler Papyrussammlung der Öffentlichkeit zugänglich macht. Für die antike Sozialgeschichte sind die Papyri wichtige Quellen. "Sie liefern uns Einblicke in das Leben und den Alltag der einfachen Leute und sind aufgrund ihres unmittelbaren und persönlichen Charakters eine besonders faszinierende Textgattung", erklärt Huebner. Einfache Bauern, Handwerker, Hirten, ihre Frauen und Kinder und andere sozial schwache Gruppen, die in der antiken Literatur nie zu Wort kommen, sprächen in den Papyri miteinander und zu uns.

Die Basler Sammlung war 100 Jahre lang in Vergessenheit geraten. Die Universität hatte die Papyri gegen Ende des 19. Jahrhunderts erworben, als sich internationale Forschungsinstitute ein Wettrennen um die begehrtesten Stücke lieferten.

Unterhaltung über Fischsauce

Bisher existiert erst eine veraltete, unvollständige Edition der rund 65 Texte. Der Grossteil sind Alltagsdokumente wie Verträge, Briefe und Quittungen, verfasst in den Sprachen Griechisch, Lateinisch, Koptisch und Hieratisch. Aber auch eine Abschrift von Homers Ilias ist darunter. Und ein Privatbrief aus dem frühen dritten Jahrhundert, in dem sich ein Mann Arrian und sein Bruder Paul über den Alltag austauschen, unter anderem über Fischsauce. Der Brief sei insofern eine Sensation, da sich hier zwei Christen unterhalten. "Erst kürzlich haben wir gezeigt, dass es sich um den ältesten christlichen Privatbrief auf Papyrus handelt, der in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts datiert." Das ist mehr als 50 Jahre früher als alle vergleichbaren Schriftstücke. Huebner verspricht sich dadurch neue Erkenntnisse über die Christianisierung Ägyptens und damit neues Wissen über gesellschaftliche Transformationsprozesse.

Das Editionsprojekt der Basler Papyrussammlung soll auch als Ausstellung für die Basler Öffentlichkeit im Frühjahr 2017 gezeigt werden. Denn Huebner ist überzeugt: "Der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist wichtig – neue Erkenntnisse zur Antike vermögen auch heute noch breite Schichten zu faszinieren." Sie bedauert, dass die Alte Geschichte langsam aus den Schulstuben verschwindet: "Geschichte beginnt nicht erst im Mittelalter ", sagt Huebner und schiebt dezidiert Beispiele nach, warum die Alte Geschichte für die Gegenwart wichtig ist: "Griechische Philosophie, das athenische Demokratieverständnis, römisches Recht oder das antike Schönheitsideal prägen unsere europäische Kultur bis heute ganz erheblich."

 

Pascale Hofmeier ist Wissenschaftsredaktorin des SNF.

Die Zielstrebige

Sabine Huebner (39) ist als älteste von drei Töchtern eines Lehrerehepaares in der Nähe von Münster (D) aufgewachsen. Sie lebt mit ihrem Mann, dem französischen Schriftsteller Stéphane Piatzszek, und ihren beiden Kindern im Alter von 5 und 2 Jahren – das dritte wird bald geboren – in einem Haus im Elsass (F). Sie studierte in Münster, Berlin und Rom Altgriechisch, Latein und Geschichte. 2005 schloss sie ihr Doktorat in Alter Geschichte mit einer Dissertation zur kirchlichen Organisation in der Spätantike in Jena ab, 2010 folgte die Habilitation an der FU Berlin zum Thema "The Family in Roman Egypt". Seit 2014 ist sie Assistenzprofessorin und leitet den Fachbereich Alte Geschichte in Basel.