Der Archipel der Identitäten

16.09.2016

Geprägt von den Machtkämpfen ihrer Nachbarn, fühlt sich die Ukraine weder Europa noch Russland richtig zugehörig. Forschungsarbeiten kommen jedoch zum Schluss: Das ukrainische Selbstverständnis gewinnt an Boden – selbst im Osten. Von Benjamin Keller

(Aus "Horizonte" Nr. 110 September 2016)

La Suisse n'existe pas", verkündete 1992 der Künstler Benjamin Vautier. Und die Ukraine? Seit ihren Anfängen bis zum Krieg, der das Land heute entzweit, fühlte sich die seit dem 24. August 1991 unabhängige ehemalige Sowjetrepublik stets hin- und hergerissen zwischen vielfältigen Einflüssen, Ansprüchen und Identitäten. Weil der Staat so unvermittelt und spät auf dem internationalen Parkett in Erscheinung trat, wird er erst seit Kurzem als eigenständige Einheit wahrgenommen.

Der gegenwärtige Konflikt veranschaulicht das komplexe und facettenreiche Wesen der Ukraine. Die Kämpfe brachen 2014 nach Bürgerprotesten aus, die als Euromaidan in die Geschichte eingingen und zur Absetzung von Präsident Wiktor Janukowitsch führten. Der hatte es zuvor abgelehnt, ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union (EU) zu unterzeichnen. Inzwischen präsentiert sich die Situation umgekehrt: Der vom Westen unterstützte Präsident Petro Poroschenko sieht sich mit einer prorussischen Rebellion im Südosten konfrontiert, die von Russland Hilfe erhält. Die Ukraine ist Schauplatz eines Kräftemessens zwischen den Mächten im Westen und im Osten – und dies nicht zum ersten Mal.

Kleinrussland im Zarenreich

"Die unterschiedlichen Interpretationen der Geschichte sind ein Nährboden für Feindseligkeiten", erklärt Korine Amacher von der Universität Genf. Die Professorin für die Geschichte Russlands und der UdSSR zeichnet die Berührungspunkte in der Geschichte der Ukraine, Russlands und Polens in einem Forschungsprojekt nach. Die Ukraine (deutsch "Grenzgebiet") teilt mit ihren Nachbarn eine zugleich ähnliche und doch gegensätzliche Vergangenheit.

Am Ende der Mongolenzeit im 14. Jahrhundert herrschten im heutigen Nordwesten der Ukraine vor allem westliche Kräfte (Polen, Litauen, Preussen, Österreich-Ungarn). Dies, während der Südosten von den Tataren und Osmanen vereinnahmt und ab dem 17. Jahrhundert vom Russischen Kaiserreich dominiert wurde. Die ukrainischen Gebiete im Zarenreich des 19. Jahrhunderts wurden deshalb als "Kleinrussland" bezeichnet. Nach der bolschewistischen Revolution von 1917 war die Ukraine vorübergehend unabhängig, bevor die Rote Armee einfiel und sie der UdSSR einverleibte. Stalin nahm sich bei der Gebietsaufteilung mit Nazi-Deutschland 1939 noch die Regionen, die noch zu Polen gehörten. "Deshalb ist oft zu hören, Stalin habe die Grenzen der heutigen Ukraine gesetzt", erklärt Amacher.

Gegensätzliche Visionen

Als die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit erlangte, entstand damit ein Land aus historisch uneinheitlichen Teilen. "Galizien im Westen orientiert sich in erster Linie an Österreich und danach an Polen, also eher westwärts, während der Donbass (Anm. d. Red.: der derzeitige Kriegsschauplatz) seit dem 18. Jahrhundert russisch ist." Hinzu kommen weitere Einflüsse, beispielsweise von Rumänien und Ungarn. "In Russland gibt es noch heute die Ansicht, die Ukraine sollte nicht als eigener Staat existieren", ergänzt Amacher. "Manchmal wird sogar behauptet, sowohl im Gespräch mit Russen auf der Strasse als auch von Politikern, dass alle Probleme gelöst wären, wenn alle früheren Mächte wieder ihren ehemaligen Teil der Ukraine übernehmen würden."

Das Team von Daniel Weiss, emeritierter Professor an der Universität Zürich, durchforstet Interviews, Regierungserklärungen, parlamentarische Debatten und TV-Sendungen zum Ukraine-Konflikt. Die Forschenden wollen in Erfahrung bringen, welche Begriffe am häufigsten verwendet werden. "Russland sieht sich als das Land, das sich seit jeher gegen Angriffe des Westens wehren muss", sagt der Forscher. "Demgegenüber versteht sich die ukrainische Seite wie Polen als letzte Festung des zivilisierten Europa gegenüber der Barbarei. Russland verkörpert Militärstiefel, etwas Brutales. Die Ukrainer wurden von einer zentralen Episode geprägt: Im 17. Jahrhundert war das Zentrum der Ukraine mehr oder weniger unabhängig. Das war die Kosakenrepublik. Der Kreml anerkannte diese nie und löste den Staat auf."

Die Argumentation der prorussischen Separatisten "schürt nun wieder die Angst vor einer wirtschaftlichen Katastrophe im Fall eines Beitritts zur EU, da der Osten der Ukraine sehr enge wirtschaftliche Beziehungen zu Russland pflegt", fährt Weiss fort. Wie die Nationalisten und Populisten zahlreicher europäischer Länder kritisiert die Unabhängigkeitsbewegung zudem, dass ein EU-Beitritt einen Souveränitätsverlust mit sich bringen würde. Ein weiterer Streitpunkt: Das ukrainische Parlament hat 2014 ein Gesetz aufgehoben, das der russischen Sprache eine besondere Stellung einräumte. Die Regierung hat die Änderung jedoch nie genehmigt.

Lenin ist ein gemeinsamer Wert

Gemäss Ulrich Schmid, Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen, entstanden durch die turbulente Entstehungsgeschichte der Ukraine mannigfaltige Identitäten. Im Frühling 2013 und 2015 führte er in der Ukraine zwei Umfragen mit je 6000 Teilnehmenden durch, um die Wertehaltungen nach Region zu kartieren (mapsukraine.ch). Die Fragen betrafen fünf Themen: Literatur, Sprache, Geschichte, Religion und Wirtschaft.

"Wir haben ein deutlich differenzierteres Bild erhalten, als die Medien normalerweise zeichnen. Das Vorurteil besagt: Die östliche Ukraine ist rückständig, sowjetisch und prorussisch, der westliche Teil dagegen modern und europafreundlich. Wir haben festgestellt: Die Realität ist nuancierter, und alle Ukrainer teilen gewisse Werte." Dazu gehört etwa die Bekämpfung der Korruption. Für ein Gemeinschaftsgefühl sorgen auch Persönlichkeiten wie der romantische Dichter Taras Schewtschenko oder Lenin. Das hinderte die Nationalisten nicht daran, während des Euromaidan eine Lenin-Statue zu stürzen und damit bei der Führung der Bewegung für Irritation zu sorgen. Diese war sich bewusst, wie Lenin im Osten und Süden des Landes geschätzt wird.

"Ein weiteres Thema, das häufig vereinfacht wird, ist die Sprache", fährt Schmid fort. Bei der Analyse des Leseverhaltens in der Ukraine hat sich gezeigt, russisch ist über den Osten hinaus in allen Regionen präsent. Zudem herrscht ein Konsens, wonach alle Ukrainisch beherrschen müssen. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung spricht denn auch beide Sprachen. Mit Surschyk gibt es ausserdem einen Dialekt, der eine Mischung aus Russisch und Ukrainisch ist. "Interessanterweise sprechen manche Leute, die glauben russisch zu reden, in Wirklichkeit surschyk."

Die unentschlossene Mehrheit

Noch überraschender war für Schmid die Erkenntnis, dass der Krieg die Regionen geeint hat: "Patriotismus ist selbst in Gebieten zu finden, in denen er traditionell gering war, wie in der Nordbukowina." Allgemein breitet sich der "Konsens über das ukrainische Selbstverständnis" immer weiter nach Osten aus. In der jüngeren Bevölkerung, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR geboren wurde, ist dieses Zugehörigkeitsgefühl zur Ukraine am stärksten.

Die Separatisten scheinen isoliert: "In den besetzten Gebieten zeigen andere Befragungen, die vor und nach dem Beginn der Feindseligkeiten durchgeführt wurden, dass die Identifikation sowohl mit der Ukraine als auch mit Russland zurückgegangen ist. Die Unentschlossenen bilden nun die Mehrheit. Das lässt vermuten, dass dort weder Kiew noch Moskau populär sind. Die Leute haben das Gefühl, ihre Region sei irgendwie verloren."

Wäre die Dezentralisierung der Ukraine eine Lösung, wie dies regelmässig vorgeschlagen wird? "Das ist wünschenswert, aber nicht realistisch", antwortet Schmid. "Bei der letzten Diskussion im ukrainischen Parlament darüber gab es wütende Demonstrationen mit drei Toten. Das Problem ist: Die Dezentralisierung stellt eine Voraussetzung für das im Februar 2015 geschlossene Minsk-II-Abkommen dar. Für die Ukrainer ist aber klar, dies wurde ihnen von den Russen aufgedrängt. Deshalb stösst diese Option auf wenig Sympathie. Es ist abzuwarten, ob das Abkommen revidiert wird. Ich erwarte jedoch, dass Russland auf einer weitergehenden Autonomie der besetzten Gebiete im Donbass beharren wird."

Benjamin Keller ist freier Journalist in Tunis.​​​