Sind Volluniversitäten noch zeitgemäss?

30.09.2016

Die meisten Schweizer Unis mit Ausnahme der ETHs bieten das gesamte Spektrum der Wissenschaften an. Hat das Zukunft?

(Aus "Horizonte" Nr. 110 September 2016)​​​

 

Ja, sagt die Unidirektorin Astrid Epiney.

Die Volluniversität ist weder überholt noch unnütz oder ineffizient. Vielmehr trägt sie der ganz spezifischen Rolle der kantonalen Universitäten im tertiären Bildungssystem der Schweiz Rechnung. Sie leistet einerseits ihren Beitrag zur Bildung der künftigen Akademikerinnen und Akademiker, andererseits trägt sie zur wissenschaftlichen Durchdringung der bedeutenden gesellschaftlichen Fragen bei. So ermöglichen die Universitäten den Erwerb einer grossen Vielfalt von allgemeinem und spezialisiertem Wissen, dies in allen Wissensbereichen und unter Berücksichtigung der jeweils geltenden Methoden, der wissenschaftlichen Vorgehensweise und der Einheit von Lehre und Forschung.

Sie fördern die Entwicklung des unabhängigen und kritischen Denkens, das dazu befähigt, sich mit abstrakten Fragen vertieft auseinanderzusetzen und zur Erneuerung von originärem Wissen sowie zur beruflichen respektive wissenschaftlichen Tätigkeit beizutragen. Dies impliziert auch ein fächerübergreifendes Zusammenarbeiten in Lehre und Forschung. Letztlich geht es darum, dass sowohl die Lehrenden als auch die Studierenden nicht nur ihren – mehr oder weniger engen – Wissenschaftsbereich pflegen, sondern die Sicht anderer Wissenschaften zur Kenntnis nehmen und sich mit andern Ansätzen auseinandersetzen. So können die wirklich bedeutenden heutigen Herausforderungen – Stichworte sind hier beispielsweise Migration, Digitalisierung und Klimawandel – nur unter Einbezug verschiedener Wissenschaften analysiert und, so die Hoffnung, auch Lösungen zugeführt werden.

Die Aufgabe der Universität in diesem Zusammenhang ist die Pflege der interdisziplinären Bezüge – bei den Studierenden soll zumindest das Bewusstseins dafür gefördert werden – sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich der Forschung. Die Volluniversität schafft die besten Bedingungen für die Ausbildung von Nachwuchstalenten für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft, die eben nicht nur Spezialisten sind, sondern mit einem fächerübergreifenden Blick an die sich stellenden Aufgaben herangehen. Dies schliesst im Übrigen nicht aus, an einer Universität gewisse Schwerpunkte zu setzen, die auch zu einer Komplementarität der Aktivitäten der Universitäten führen können und sollten. Ganz abgesehen davon gibt es keine empirische Evidenz, dass "spezialisierte" universitäre Hochschulen grundsätzlich bessere "Leistungen" erbringen.

Das Konzept der Volluniversität ist aktueller denn je. Unsere vornehmste Aufgabe sollte es sein, die Chancen möglichst zu nutzen, die sich im Rahmen der Volluniversität bieten, damit diese ihre Rolle im Dienste der Gesellschaft optimal spielen kann.

Astrid Epiney ist Direktorin der Universität Freiburg und Professorin für Europarecht und Völkerrecht.

 

Nein, sagt Patrik Schellenbauer von Avenir Suisse.

Im globalen Massstab ist die Schweiz ein kleines, wirtschaftlich sehr erfolgreiches Land. Diese Prosperität verdankt sie auch einem – gemessen an der Kleinheit des Landes – aussergewöhnlichen Wissens- und Forschungsplatz. Einige unserer Hochschulen erbringen hervorragende Leistungen, die weltweit ausstrahlen. Der Werkplatz und die exportierende Industrie, aber auch der Finanzplatz und die Dienstleistungswirtschaft sind auf die Befruchtung durch den Wissensplatz und seine Ideen angewiesen.

Doch künftiger Erfolg ist nicht garantiert. Der globale Wettbewerb verschärft sich mit zunehmender Mobilität der begehrten Talente. Auf vielen Gebieten wird Spitzenforschung anspruchsvoller und aufwändiger, die kritische Masse der Mittel steigt. Gleichzeitig steht der Bildungs- und Forschungsfranken in Konkurrenz mit anderen Staatsaufgaben. Will die Schweiz ihre Position halten oder ausbauen, muss sie ihre Kräfte auf dem Wissensplatz stärker bündeln als bisher.

Der Kontrast zur Wirklichkeit der Schweizer Hochschulpolitik ist gross. Hier stehen nicht Effizienz oder Exzellenz im Zentrum, sondern allzu oft ein Geflecht regionalpolitischer Anliegen. Statt sich zu fragen, ob die Schweiz wirklich sieben Phil-I-Fakultäten braucht oder eine weitere Wirtschaftsfakultät, setzt man die Energien dafür ein, einen möglichst grossen Teil des öffentlichen Kuchens für die Bildung abzuschneiden und dann "freundeidgenössisch" zu verteilen. Hochschulen werden als eine Art Service public verstanden, die überall im Land ein möglichst komplettes Angebot gewährleisten sollen. Das Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz ist Ausdruck dieser föderal-korporatistischen Grundhaltung, die Verteilung über Effizienz stellt.

Die Schweiz sollte sich aber als ein einziger nationaler Hochschulraum verstehen, der im globalen Konzert der Wissensplätze mitspielt. Gefragt ist kein bürokratischer Masterplan, der den Hochschulen Rollen zuweist, sondern mehr Gestaltungsfreiheit für die einzelnen Institutionen. Dazu müssten sie möglichst aus der politischen Einflussnahme befreit werden. Ein möglicher Weg, die Debatte zu entpolitisieren, wäre der Übergang von der heutigen Anbieter- zur Nutzerfinanzierung: beispielsweise über ein staatlich finanziertes Bildungskonto, aus dem Studierende ihr Studium bezahlen. Im so entstehenden Wettbewerb müssten sich die Hochschulen überlegen, welche Studiengänge sie selbst anbieten und wo sie Kooperationen eingehen wollen. Es käme zu einer Spezialisierung und damit zur nötigen Konzentration der Kräfte. Vielleicht gäbe es weiterhin Volluniversitäten, denn die Breite der Disziplinen hat durchaus einen Wert. Wenn nicht, wäre das für die Studierenden kein Unglück, denn in der Schweiz liegen die Universitätsstädte in Pendlerdistanz.

Patrik Schellenbauer ist Stellvertretender Direktor und Chefökonom von Avenir Suisse.