Die Sozialgeschichte der Entkolonialisierung in Afrika

28.11.2016

Der Nationale Latsis-Preis 2016 wird an Alexander Keese für seine Forschung zu Ethnizität, Zwangsarbeit und politischen Übergängen in West- und Zentralafrika verliehen.

 

Einer der grossen Spezialisten der Entkolonialisierung in Afrika wird mit dem nationalen Latsis-Preis 2016 ausgezeichnet: Alexander Keese, deutscher Historiker und Förderprofessor des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Der Preis wird jährlich durch den SNF im Auftrag der Internationalen Latsis-Stiftung vergeben.

Alexander Keeses Forschung ist von grosser Originalität und zeichnet sich dadurch aus, dass sie über eine eurozentrische Sichtweise hinausgeht. Sie konzentriert sich hauptsächlich auf die vergleichende Geschichte der Entkolonialisierung in West- und Zentralafrika, auf Zwangsarbeit und ethnische Mobilisierung im Rahmen von Konflikten. "Ich interessiere mich für die soziale Situation der Bevölkerung vor Ort", erklärt der 39-jährige Preisträger. Mit seiner Arbeit, die bereits viel bewegt hat, will er festgefahrene Meinungen ins Wanken bringen.

Fehlende Integration in den Kolonien

In seiner Dissertation, für die er 2006 mit dem Martin-Behaim-Preis der Gesellschaft für Überseegeschichte ausgezeichnet wurde, befasste sich der Forscher mit der Einbindung der afrikanischen Eliten in den Entkolonialisierungsprozess in den afrikanischen Gebieten, die unter portugiesischer und französischer Herrschaft standen.

"Ich konnte zeigen, dass Afrikaner so gut wie nie höhere Funktionen in den kolonialen Verwaltungen innehielten, sondern auf informelle Weise eingebunden waren, typischerweise in beratender Funktion", erklärt der Forscher. "Meine Arbeit deutet darauf hin, dass ihr wachsender Einfluss zu vermehrten Autonomieforderungen führte, was schliesslich in die Entkolonialisierung mündete."

In der Folge interessierte sich Alexander Keese für Ethnizität, eine Kategorie, auf die sich die Kolonialmächte stützten, um die "Ausbeutung eroberter Gebiete zu organisieren" und diesen Gebieten "einen Sinn zu verleihen", erklärt Keese: "Auch heute ist es, gerade in den Medien, noch sehr populär, Afrika in Bezug auf Ethnien und Stämme zu betrachten, vor allem in Konfliktsituationen."

 

Der Historiker hat eine vergleichende Studie in drei Regionen Westafrikas durchgeführt: Senegal, Sierra Leone und der Grenzregion zwischen Ghana und Togo. "In Wirklichkeit ist die Bedeutung ethnischer Zugehörigkeit von Fall zu Fall verschieden. In Senegal bilden zum Beispiel die Wolof in der Gegenwart eine dominante ethnische Gruppe, aber während der Kolonialzeit hob niemand seine Identität als Wolof hervor. Vereinfachend könnte man sagen, je stabiler die Lage, desto weniger spielt dieser Faktor eine Rolle."

Zwangsarbeit und Misstrauen

Alexander Keese konnte auch zeigen, dass durch die Rolle der  Kolonialmächte Zwangsarbeit zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der Mitte des 20. Jahrhunderts wieder aufkam, obwohl diese Zeit nach der Abschaffung der Sklaverei allgemein als grosse Zeit der freien Arbeit gilt. In bislang wenig untersuchten Portugiesisch sprachigen Ländern wie Angola, den Kapverden sowie São Tomé und Príncipe hat Keese umfangreiche Untersuchungen durchgeführt.

"Die Bekämpfung der Sklaverei war unter anderem ein wichtiges Argument der Europäer, um in Afrika einzugreifen. Gerade die Europäer aber zwangen die lokale Bevölkerung, für ihre Projekte zu arbeiten. Es handelte sich dabei oft um Schwerstarbeit, was zu Massenfluchten führte. Zur Unterstützung der Kriegsanstrengungen nahm Zwangsarbeit während des 2. Weltkriegs noch weiter zu."

Die Auswirkungen sind bis heute spürbar. "In mehreren ehemaligen Kolonien gibt es Arbeitsdienste, die noch sehr ähnlich funktionieren wie damals. Die Erfahrung mit Zwangsarbeit, insbesondere zur Kolonialzeit, hat ausserdem in einer Reihe von Fällen zu grossem Misstrauen in der ehemals kolonisierten Bevölkerung gegenüber allen Entwicklungs- und Infrastrukturprojekten geführt", erklärt Alexander Keese. Die Frage der Kontinuitäten  wurde bislang wenig untersucht. "Man weiss zwar, dass es diese Praktiken gab, aber man findet kaum Studien dazu."

Alexander Keese

Alexander Keese, geboren am 17. August 1977 in Hannover, deutscher Staatsangehöriger, ist seit 2015 Förderprofessor des SNF an der Universität Genf. Zuvor leitete er im Rahmen eines ERC Starting Grants die Forschungsgruppe ForcedLabourAfrica im Zentrum für Afrikastudien der Universität Porto in Portugal (2010–2011) sowie an der Humboldt-Universität in Berlin. Seine

Dissertation reichte er 2004 an der Universität Freiburg im Breisgau ein. Im Rahmen seiner Habilitation leitete er 2010 Forschungsarbeiten an der Universität Bern. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, Stipendien und Förderbeiträge.

Alexander Keese ist weit gereist, spricht sechs Sprachen (darunter Wolof) und interessiert sich leidenschaftlich für Literatur. Er ist mit einer Spanierin verheiratet, die ebenfalls Historikerin ist.

Prix Latsis

Der Nationale Latsis-Preis wird seit 1983 jährlich durch den SNF im Auftrag der Internationalen Latsis-Stiftung verliehen, einer 1975 gegründeten gemeinnützigen Non-Profit-Organisation mit Sitz in Genf. Der Preis wird an in der Schweiz tätige, unter 40-jährige Forscherinnen und Forscher vergeben.

Der mit einem Preisgeld von 100'000 CHF dotierte Nationale Latsis-Preis ist eine der schweizweit renommiertesten Auszeichnungen im wissenschaftlichen Bereich. Ausserdem werden vier mit je 25'000 CHF dotierte Latsis-Universitätspreise von den Universitäten Genf und St. Gallen sowie den Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich (ETH) und Lausanne (EPFL) verliehen.

Die 33. Preisverleihung findet am 12. Januar 2017 im Rathaus Bern statt. Medienvertreter/innen können sich per E-Mail anmelden: com@snf.ch.

Contact

Prof. Alexander Keese
Département d’histoire générale
Faculté des Lettres
Université de Genève
CH-1211 Genf 5
Schweiz
Tel. +41 (0)22 379 72 37 und +41 (0)77 458 24 55
E-Mail: alexander.keese@unige.ch