Auf der Suche nach fairer Forschung

30.11.2016

Westliche Forschende sollten ihren Partnerteams im Süden mehr Verantwortung übertragen. Von Ochieng' Ogodo

(Aus "Horizonte" Nr. 111 Dezember 2016)​​​

​Forschung ist global. Und wer Lösungen für Probleme in Entwicklungsländern sucht, stösst zwangsläufig auf Themen wie Klimawandel und Migration, die den Westen ebenso betreffen. Der Erfolg dieser "Forschung für Entwicklung" wird wesentlich davon abhängen, ob Institutionen im Norden und Süden effizient zusammenarbeiten. "Die Forschungskapazitäten im Süden wurden in den letzten 15 Jahren gestärkt", erklärt Gilles Carbonnier vom Genfer Graduate Institute of International and Development Studies. Länder wie Ghana, Indonesien, Peru, Südafrika und viele weitere Länder des globalen Südens sind reicher geworden, die Grenzen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, zwischen Reich und Arm sind fliessender. Auch das internationale Forschungsumfeld wandelt sich.

Ungleichheiten bleiben jedoch auf vielen Ebenen bestehen: "In Forschungs-partnerschaften spüren wir ähnliche Spannungen wie zwischen Gebern und Empfängern in der Entwicklungszusammenarbeit. Die Geber wollen oft ihre Ideen und Bedingungen durchsetzen", sagt Carbonnier.

Schlüsselfragen sind hier: Wer wählt die Forschungsprojekte aus, und wem kommen die Ergebnisse zugute? Wie wird der Nutzen verbreitet, und wie lässt sich Zusammenarbeit in einem gesellschaftlichen System fördern? Und: Wer entscheidet, wohin das Geld fliesst?

Wer zahlt, befiehlt

Tief verwurzelte Gewohnheiten und Machtverhältnisse prägen gemäss Carbonnier internationale Partnerschaften: "Faire Forschungspartnerschaften aufzubauen erfordert Zeit und Ressourcen. Es besteht der Druck, Ergebnisse rasch in – englischsprachigen – Fachzeitschriften mit Peer-Review-System zu publizieren, die im Norden erscheinen. Forschungsgelder sind zudem hart umkämpft." Das Spannungsfeld zwischen dem Anspruch, sichtbare akademische Spitzenforschung zu betreiben oder aber langfristige Ziele wie den Kapazitätsaufbau zu priorisieren, steht im Zentrum der Debatte über Nord-Süd-Forschungspartnerschaften. "Partner im Süden beharren zunehmend auf fairen Forschungspartnerschaften. Zentral ist, lokalem Wissen mehr Raum zu geben und vielfältigere ‹Wissensökologien› zu akzeptieren – und damit auch, dass ein anderer Kontext zu Ergebnissen führen kann, die nicht immer den Erwartungen im Norden entsprechen", erklärt Carbonnier.

Laurent Goetschel von der Universität Basel, ehemaliges Mitglied des Direktoriums des schweizerischen Nationalen Forschungsschwerpunkts "Nord-Süd" und Präsident der Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE), meint dazu: "Die meisten Nord-Süd-Projekte beinhalten strategische Elemente. Dafür zu sorgen, dass Forschungspartnerschaften trotz unterschiedlicher gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Kontexte funktionieren, ist eine Herausforderung."

Eine erste Frage ist entscheidend: Wer bestimmt die Agenda mit den Forschungs-projekten? "Lange Jahre entschieden darüber vorwiegend die Geldgeber", erklärt Benjamin Apraku Gyampoh, Programm-Manager an der African Academy of Sciences (AAS) in Nairobi. Seines Erachtens prägen die ungleichen Geber-Empfänger-Beziehungen der internationalen Zusammenarbeit auch viele Forschungspartnerschaften. "Bekanntlich kursiert die Irrmeinung, dass Geber nicht nur Geld besitzen, sondern auch alles Know-how, und sie deshalb am besten wissen, wie das Geld einzusetzen ist." Doch trotz Ressourcen und guter Absichten verstehen die Geber das Arbeitsumfeld des Empfängers vielleicht nicht, und sie wollen sich damit nicht auseinandersetzen. "Forschungspartner – Geber und Empfänger – müssen voneinander lernen, wie sie Systeme entwickeln, anpassen und fördern können", ergänzt Gyampoh. "In der Landwirtschaftsforschung sollten die Bauern die Forschungsinhalte bestimmen", ist Professorin Ngozi Ifeoma Odiaka von der Universität für Landwirtschaft in Makurdi (Nigeria) überzeugt.

Die AAS gründete 2015 die Alliance for Accelerating Excellence in Science in Africa, die von Institutionen wie dem britischen Departement für Internationale Entwicklung, dem Wellcome Trust und der Bill and Melinda Gates Foundation unterstützt wird. Diese Geber sehen laut Gyampoh, dass der Schwerpunkt der Forschungsentscheide und -ressourcen von Europa und Amerika nach Afrika verlagert werden muss.

Die Person, die einem Geber gegenüber für ein Projekt verantwortlich ist, muss gemäss Goetschel mitentscheiden. "Ideal wäre eine gemeinsame Verantwortung von Forschenden im Süden und Norden gegenüber einer gemeinsamen Geberinstitution oder von jedem Partner gegenüber seinem Geldgeber." In der Praxis hingegen kommen die meisten Mittel aus dem globalen Norden, der damit auch das letzte Wort hat. In Richtlinien von Partnerprojekten sollten jedoch Regeln festgelegt werden, die dem Partner im Süden die Möglichkeit gemeinsamer Entscheidungen einräumen.

Wenn das Wetter gut ist, legt Roger, Techniker für medizinische Bildgebung, die frisch entwickelten Röntgenbilder zum Trocknen auf den Rasen.

Fairness in der Forschung

Ein weiterer schwieriger Punkt ist laut Gyampoh die Quantifizierung der Ressourcen von Empfängerorganisationen, die sich nicht nur finanziell einbringen. Zum Beispiel stellen afrikanische Regierungen Büros, Einrichtungen, Löhne und Sozialleistungen für Forschungsinstitute zur Verfügung, die aber als "Input" schwierig zu beziffern sind. So kann bei den Gebern der Eindruck entstehen, dass ihre Partner nichts beitragen, was ihre Beziehung trüben kann.

Gyampoh ist überzeugt, dass faire Forschung möglich ist, falls sie auf der richtigen Art von Beziehungen und Partnerschaft beruht. Geber und Forschende vor Ort sollten nicht erst nach dem Einreichen eines Prokjektantrags miteinander sprechen, sondern lang vorher, falls sie faire Forschung anstreben.

An einem Punkt gehen die Meinungen auseinander: Wer soll Forschungsergebnisse nutzen dürfen, die Wissenschaftsteams aus dem globalen Norden und Süden gemeinsam entwickeln? Forschende im Süden haben das Gefühl, dass sie die Knochenarbeit verrichten, während ihre Kollegen im Norden die Lorbeeren der Geber und Aufsichtsgremien ernten. Doch der Nutzen solcher Forschungsergebnisse ist davon abhängig, was die Beteiligten erwarten. "Der Geber erhofft sich vielleicht Anerkennung für die Mittelbeschaffung, der Forschende profitiert vielleicht, wenn er die Ergebnisse publiziert. Für die Forschergemeinde können Ergebnisse konkrete Möglichkeiten eröffnen", sagt Gyampoh.

Daten aus gemeinsamer Forschung sollten allen beteiligten Forschenden gehören und anderen möglichst bald durch Open Access zur Verfügung stehen. Doch wie das Wissen geteilt wird, hängt von der Art der Ergebnisse ab: "Gewisse Arten von Ergebnissen sind sehr komplex und sollten in erster Linie der Forschungsgemeinde zugänglich sein", ergänzt er.

Wem gehören die Ergebnisse?

Die Bill and Melinda Gates Foundation ist Teil des Partnerschaftsnetzes Global Grand Challenges, das drängende Herausforderungen im Gesundheits- und Entwicklungsbereich bewältigen will. "Alle Empfänger und Partner verpflichten sich, die durch Stiftungsgelder entwickelten Produkte und Kenntnisse allgemein und erschwinglich zugänglich zu machen – in einer Menge, Qualität und Frist, die gewährleisten, dass diejenigen wirklich davon profitieren, die sie am dringendsten benötigen", sagt Ayo Ajayi, Direktor des Africa Team, das bei der Gates Foundation für Policy, Advocacy und Regierungskontakte zuständig ist. "Wir sammeln und teilen kontinuierlich Daten über unsere Fortschritte, ziehen Lehren aus Erfahrungen und nehmen im Dialog mit Empfängern und Partnern Kurswechsel vor." Publizierte Forschungsergebnisse sind rasch und breit zugänglich zu machen. Die Open-Access-Politik der Stiftung ermöglicht den unbeschränkten Zugang und die Wiederverwendung aller im Peer-Review-Verfahren veröffentlichten Ergebnisse, die ganz oder teilweise durch die Stiftung finanziert wurden, einschliesslich der dazugehörigen Daten.

Gyampoh betont, dass Forschungsdaten allen gehören. "In der fairen Forschung sind Fragen des geistigen Eigentums menschlich und im Bewusstsein anzugehen, dass eine solche Forschung allen zu Gute kommt", meint er. "Wer solche Daten ethisch und zum Wohl der Menschheit verwenden will, sollte dies dürfen. Natürlich ist auszuweisen, wer einen Beitrag zu den Daten geleistet hat."

Pélagie Lefebvre ist Programmleiterin beim International Development Research Centre (IDRC) in Kanada. Ihre Organisation schreibe nicht genau vor, wie Daten zu verwalten seien, und in den unterstützten internationalen Projekten habe sie unterschiedliche Gepflogenheiten im Umgang mit Forschungsdaten gesehen. In einem Fall unterzeichnete ein Team von Forschenden zu Beginn des Programms eine Vereinbarung, dass die Länderverantwortlichen die Daten in ihrem jeweiligen Land sammeln und publizieren dürfen. Dies schaffte klare Verhältnisse darüber, wem die Daten gehören. Normalerweise erwartet das IDRC, dass Forschungsprojekte in Publikationen mit Peer-Review-Verfahren veröffentlicht werden, es ermutigt aber die unterstützten Forschenden auch, Entscheidungsträger anzusprechen und ihre Ergebnisse der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Laut Odiaka werden die meisten Forschungsergebnisse in Peer-Review-Journals oder an Konferenzen veröffentlicht, was bedeutet, dass nur ein beschränktes Publikum erreicht wird. Das Teilen von Publikationen und Forschungsdaten steht nun also ebenfalls zur Diskussion.

Von Anfang an gleichberechtigt

"Für gewisse IRDC-Programme müssen Forschende aus Kanada und Entwicklungsländern gemeinsame Bewerbungen einreichen – ausgehend von bestehenden oder neu geschaffenen Partnerschaften", erklärt Lefebvre. Im Sinne einer gleichberechtigten Zusammenarbeit fordert das IDRC dabei zwei Programmleitungen: eine in Kanada und eine im Entwicklungsland. Jede Leitung ist für ihr eigenes Budget verantwortlich und sorgt für eine Gleichbehandlung der wichtigsten Forschenden.

Unsicher und ohne Schutz balanciert das kleine Mädchen auf dem Stuhl. Das Röntgengerät ist relativ neu, doch die Mechanik ist bereits kaputt. Die Höhe kann nicht mehr verstellt werden.

Gleichberechtigte Partnerschaften sind im Interesse der Geber und der Forschenden. Sonst besteht die Gefahr, dass die Gerichte eingreifen. Am 18. Juli 2014 wurden in einem wegweisenden Urteil des kenianischen Arbeitsgerichts sechs kenianischen Ärzten insgesamt 30 Millionen Kenia-Schilling (CHF 293 000) an Entschädigung zugesprochen, weil ihre Laufbahn in einer britisch-kenianischen Partnerschaft für medizinische Forschung durch "institutionellen Rassismus" behindert wurde. Das Gericht kam zum Schluss, dass die Ärzte während ihres Arbeitsverhältnisses beim Kenya Medical Research Institute Wellcome Trust Research Programme im kenianischen Kilifi "systematisch diskriminiert" worden waren.

Gemäss diesem Urteil wurden die sechs Ärzte bei Beförderungen und Förderbeiträgen übergangen, während sie für das Programm in Partnerschaft mit der Universität Oxford arbeiteten. Ihr Leben wurde beeinträchtigt "hinsichtlich Laufbahnentwicklung, Beitrag zu wissenschaftlichen Ergebnissen für das Land und Möglichkeiten, alternative Stellen und Förderbeiträge zu erhalten".

Die Lösung für die Zukunft liegt vielleicht in der Vergangenheit. Wie es Gilles Carbonnier und Tiina Kontinen in ihrem EADI-Strategiepapier 2014 mit dem Titel "Wissenschaft trifft Entwicklung?" formulierten: "Frühere Erfahrungen können neuen Akteuren helfen, Fehleinschätzungen und Fallstricke zu vermeiden, die jenen bekannt sind, die jahrzehntelang in diesem Bereich [Nord-Süd-Zusammenarbeit] tätig waren."

Ochieng' Ogodo ist Regionalkoordinator der englischen Ausgabe für Subsahara-Afrika und News Editor bei SciDev.Net, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in London, die News, Kommentare und Hintergründe zu Wissenschaft und Technologie über Entwicklungszusammenarbeit bereitstellt. Er arbeitet in Nairobi.