Das Hochwasser ohne Katastrophe

09.01.2017

(Aus "Horizonte" Nr. 111 Dezember 2016)​​​

Grossbürger, Einheimische oder Touristen gondeln im Juni 1910 sichtlich amüsiert über den Luzerner Schweizerhofquai. Die Reuss und der Vierwaldstättersee traten fünf Tage lang über die Ufer. "Das Bild ist wie zu dieser Zeit üblich stark inszeniert", sagt Klimahistoriker Christian Rohr von der Universität Bern. Er archiviert historische Fotos von Naturkatastrophen, die für ihn eine wichtige Quelle der Stadt- und Umweltgeschichte sind.

Tatsächlich wurde das Hochwasser als Erlebnis verkauft und die Stimmung in der Stadt mit Venedig verglichen. Sehr hoch stand das Wasser aber nicht: "Der Junge im gestreiften Pullover steht bis zu den Waden im Wasser." Wohl nur wenige Meter weiter links war es trocken. Dort geht es hinauf. Und während einige Geld am Ereignis verdienten, verloren andere ihre Existenz: Keller und Lager waren mit Wasser gefüllt, Zugänge versperrt.

Das Bild erzählt noch eine zweite Geschichte. Mit dem Bau des Hotels Schweizerhof wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein breiter Streifen für den Quai aufgeschüttet, wo sich einst der See und die Schifflände ausgedehnt hatten. Es war eine Zeit, in der die Stadt durch den Bau der Eisenbahn einen Aufschwung erlebte und stark wuchs. "Das Grossbürgertum wollte nahe zum Stadtzentrum und gleichzeitig im Grünen wohnen", sagt Rohr.

Aufschlussreich ist übrigens auch, was die frühen Naturkatastrophenfotografien nicht zeigen. "Bis zum Ersten Weltkrieg wurden aus Pietätsgründen praktisch keine Toten infolge von Extremereignissen gezeigt", sagt Rohr. So seien zum Beispiel auf den Bildern des Erdbebens von San Francisco 1906 die einzigen Toten standesrechtlich erschossene Plünderer. hpa