Wissenschaft: ein Märchen aus 1001 Nacht

11.01.2017

Von Martin Vetterli

(Aus "Horizonte" Nr. 111 Dezember 2016)​​​

Als Schahriyâr, der persische König aus der Märchensammlung Tausendundeine Nacht, feststellt, dass seine Frau ihn betrogen hat, tötet er sie und beschliesst, jeden Tag eine neue Jungfrau zu heiraten und sie am Morgen darauf zu enthaupten. Aber nachdem bereits 1000 Frauen ihr Leben gelassen haben, trifft er Scheherazade, die Tochter des Wesirs. In ihrer ersten gemeinsamen Nacht erzählt sie ihm eine Geschichte, die sie am Morgen an der spannendsten Stelle unterbricht. Da der König unbedingt das Ende hören will, verschiebt er ihre Hinrichtung und befiehlt ihr, am Abend darauf weiterzuerzählen. Aber Scheherazade gelangt in der zweiten Nacht wieder nicht zum Ende, und wieder verschont er ihr Leben. Und während der König unablässig und unermüdlich auf eine Auflösung der Geschichte wartet, findet Scheherazade so einen Weg zu überleben …

Tausendundeine Nacht erinnert mich an eine andere grosse Erzählung der Menschheit: die Wissenschaft. Auch die Forschung spinnt an einer unendlichen Geschichte – über das Wissen, in der Form ständig neuer Hypothesen. Und da wir Hypothesen empirisch prüfen können, werden diese Erzählelemente ständig durch neue bestätigt, ergänzt, widerlegt.

Viele dieser Entdeckungen muten genauso märchenhaft an wie die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. In den vier Jahren, in denen ich den SNF präsidierte, wurden rund 400 neue Tierarten entdeckt, viele im Amazonas. Und einige sind wirklich unglaublich: ein "laufender" Höhlenfisch etwa oder das zuvor noch nie in freier Wildbahn fotografierte Vietnamesische Waldrind! In anatomischen Untersuchungen am Menschen wurde ein neues Band im Knie gefunden, ebenso wie direkt in unser Gehirn führende Lymphgefässe. Überraschendes wurde auch aus unserer Vergangenheit zutage gefördert: Die älteste kulturelle Malerei befindet sich nicht etwa in Europa, sondern in Indonesien, und der ausgestorbene Neandertaler war so promiskuitiv, dass er offensichtlich sexuelle Kontakte zum modernen Menschen hatte. Auch der Makrokosmos hält immer wieder faszinierende Wendungen bereit, gerade wenn es um Exoplaneten geht: von der allgemeinen Ablehnung noch vor einigen Jahrzehnten über die ersten Entdeckungen in den 1990er Jahren durch Schweizer Astronomen in Genf bis zum kürzlich gelungenen Nachweis eines erdähnlichen Planeten in nicht allzu grosser Entfernung, der den Traum von der Existenz ausserirdischer Lebensformen wieder neu inspiriert hat. Die Geschichte, die uns die Wissenschaft täglich erzählt und die wir vermeintlich so gut kannten, wird ständig neu geschrieben. Und jede Auflösung ist nur der Beginn eines neuen Höhepunkts. Wird sie je zu Ende erzählt sein? Kaum. Weil jede wissenschaftliche Episode wahrscheinlich nie ganz zu Ende gelangt, wie die Geschichten von Scheherazade, die sich mit Philosophie, Naturwissenschaften und Künsten befasste. Und während wir, wie der König, unablässig und unermüdlich auf die nächste Auflösung warten, finden wir vielleicht schliesslich, wie die Prinzessin, einen Weg, als Menschheit zu überleben.

Fortsetzung folgt …

Martin Vetterli ist bis Ende Dezember 2016 Präsident des Nationalen Forschungsrats und Computerwissenschaftler an der EPFL.