Die Rentnerkolonie

07.04.2017

Zahlreiche Pensionierte aus Europa sind an die Costa Blanca in der spanischen Provinz Alicante ausgewandert. Die Lausanner Soziologin Marion Repetti untersucht vor Ort die Auswirkungen der geografischen Distanz auf die familiäre Solidarität.

(Aus "Horizonte" Nr. 112 März 2017)​​​

Ich kam im August 2016 in Javea an, einem kleinen Badeort in der Region Alicante. Hier wohnen viele Pensionierte aus Nord- und Mitteleuropa, besonders aus Grossbritannien. In einem Quartier des Ortes wird ausschliesslich englisch gesprochen, auch die Beschilderungen sind englisch. Es handelt sich um eine Art Kolonie.

Über Javea macht ein Witz die Runde: Bei einer Verhandlung über die britische Enklave Gibraltar soll die frühere Premierministerin Margaret Thatcher erklärt haben: "Ich gebe euch Gibraltar zurück, aber lasst uns Javea!"

Solidarische Generationen

In Europa dominiert ein Gesellschaftsmodell, in dem die Solidarität der Menschen in erster Linie über die Familie läuft und erst danach über den Staat. Von den Pensionierten wird erwartet, dass sie ihre Familie unterstützen, typischerweise, indem sie die Enkel betreuen. Wenn sie dann sehr betagt sind, können sie für ihre eigene Betreuung auf ihre Kinder zählen. In diesem Modell leben die Familienmitglieder geografisch nahe zusammen. Ich habe mich deshalb gefragt, wie sich die Distanz auf die familiäre Solidarität auswirkt.

Ich mache ein Postdoktorat an der University of Manchester und am Virginia Tech in den USA. Auf Javea bin ich durch eine Kette von Zufällen gekommen. Ich befasse mich schon länger mit Fragestellungen zum Alter und wusste, dass in Alicante viele Pensionierte leben. Da ich persönlich niemanden kannte, der in Spanien im Ruhestand lebt, kontaktierte ich mehrere Organisationen und Zentren für Pensionierte, unter anderem eine Schweizer Rentnervereinigung in der Region Alicante. Die ersten Personen, zu denen mir Kontakte vermittelt wurden, leben in Javea. Diese haben mir weitere Pensionierte vermittelt, dann wurde ich in Facebook-Gruppen aufgenommen und konnte so mein Netz auf die Nachbarstadt Denia ausdehnen.

Ich bin zuerst eineinhalb Monate geblieben und im Januar 2017 nochmals zurückgekehrt. Mein Mann und meine beiden Kinder haben mich begleitet. Vor Ort konnte ich mit vielen Pensionierten sprechen, die das ganze Jahr oder einen Teil davon in Javea leben. Ich habe sie an öffentlichen Orten getroffen, aber auch bei ihnen zu Hause. Mit ausführlichen Interviews konnte ich analysieren, welche Art von familiären Beziehungen sie aus der Ferne pflegen.

Bindungen nicht kappen

Bei den Personen, die ich befragt habe, spielte der finanzielle Aspekt eine wichtige Rolle beim Entscheid, auszuwandern. Sie kamen zum Schluss, dass sie durch die Migration ihre Lebensbedingungen im Ruhestand verbessern können. Manche befinden sich in einer finanziellen Situation, die ihnen nicht viel Spielraum lässt.
Aufgrund der unterschiedlichen Kaufkraft konnten sich gewisse Pensionierte ein grosses Haus leisten, manchmal mit Swimmingpool. Sie können ausgehen und Restaurants besuchen, was in ihren Heimatländern nicht unbedingt der Fall war. Sie sind sich auch bewusst, dass ihre Anwesenheit der Wirtschaft der Region zugutekommt, was ihren Eindruck bestärkt, hier einen legitimen Platz zu haben. Sie tauschen sich gern über ihre Situation aus und sind stolz auf ihr Projekt. Sie haben nicht mehr das Gefühl, überflüssig zu sein.

In der Fachliteratur zu diesem Thema werden diese Pensionierten im Allgemeinen als Personen betrachtet, die ihre Freiheit in diesem Lebensabschnitt nutzen, auch was die familiären Verpflichtungen betrifft. Ich habe das Umgekehrte festgestellt. Erstens sind die Betroffenen nach Spanien und nicht nach beispielsweise Thailand oder Nordafrika gezogen, damit sie nicht allzu weit weg von der Familie sind. Sie sind sich einig, dass sie im Notfall verfügbar sein müssen. Wichtig finden sie auch, dass ihre Familie zu Besuch kommen kann. Sie haben das Gefühl, ihren Kindern und Enkeln einen angenehmen Rahmen für Ferien bieten zu können und dass sie dafür geschätzt werden. In gewissen Fällen führte der Entscheid aber auch zu Konflikten mit den Kindern, die im Alltag Hilfe erwartet hätten. In anderen Fällen unterstützte die Familie diesen Entscheid.

Aufgezeichnet von Benjamin Keller.