Das Erbgut für Schweizer Innovation

17.04.2017

Von Maurice Campagna

(Aus "Horizonte" Nr. 112 März 2017)​​​

​Desoxyribonukleinsäure. 22 Buchstaben für eine ebenso einfache wie komplexe Entdeckung. Lebewesen schreiben ihren Code mit nur vier essenziellen Basen ins Erbgut: Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C). Die Abkürzung dieser Entdeckung ist uns allen geläufig: DNA. Ebenso ihre geometrische Darstellung: die Doppelhelix. Ihr Ursprung liegt in den 1860er Jahren, als der Schweizer Arzt Friedrich Miescher eine Substanz entdeckte, die er in einem Extrakt aus Eiter fand. Er nannte sie Nuklein. Erst nach unzähligen Experimenten von zahlreichen Forschenden erhielten James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins 1962 den Nobelpreis für Medizin für die Entzifferung der Molekularstruktur der Nukleinsäuren und ihrer Bedeutung für die Informationsübertragung in lebender Substanz. ATGC – nicht mehr und nicht weniger.

Das Modell der Doppelhelix inspiriert nicht nur Biochemikerinnen und Biochemiker zur Beschreibung von Prozessen in Lebewesen. Zwei Naturwissenschaftler haben vor nicht allzu langer Zeit gezeigt, dass die Doppelhelix auch zur Datenspeicherung von Büchern, Fotos, Filmen und Musik taugt. Architektinnen und Architekten dient die Spirale der Gene als Referenz für den Entwurf von Hochhäusern. Und Stylisten flechten langes Haar zu Zöpfen mit doppelter Windung.

Auch das Geheimnis von Innovation und erfolgreichem Unternehmertum beruht auf vier grundlegenden Elementen: Dezentralisierung, Offenheit, Kontinuität und Autonomie, kurz DOKA. Gerade in der Schweiz können wir auf diese vier tragenden Pfeiler bauen. Wie wichtig ist eine gesunde Konkurrenz zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einem kleinräumigen Land, wo auch die Kreativität dezentraler Standorte ein Teil des gesamten Netzwerks ist und Innovationen bottom-up entstehen können? Wie gross der Wert von offenem Austausch innerhalb der Schweiz und über die Landesgrenzen hinaus ist, haben wir bei den Diskussionen um die Beteiligung an den europäischen Forschungsprogrammen wie Horizon 2020 gesehen. Ebenso unterstützt ein kontinuierliches Umfeld den erfolgreichen Verlauf von Forschungsprojekten. Was machen wir, wenn die Kreativität der Forscherinnen und Forscher von einengenden Abhängigkeiten beschnitten wird? Wenn Eigenverantwortung im Sinne von Autonomie wegbricht?

DOKA erklärt auf einfache Art und Weise, wie im offenen Wettbewerb die Philosophie von "think global, act local" in einem Land mit verschiedenen Kulturen, wie die Schweiz es ist, funktionieren kann. Gemeinsame Werte, gemeinsame Ziele und möglichst einfache Steuerungsmechanismen für eine dezentrale Umsetzung: So können wir die vorhandenen Ressourcen effizient einsetzen – solange Offenheit, Kontinuität und Autonomie gegeben sind.

Maurice Campagna ist Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz.