Sollen Forschende US-Konferenzen boykottieren?

12.06.2017

Präsident Trumps Plan, die Einreise für mehrheitlich muslimische Länder zu sperren, trifft auch Forschende. Ist ein Boykott von US-Wissenschaftskonferenzen ein nützlicher Protest dagegen?

(Aus "Horizonte" Nr. 113 Juni 2017)​​​

 

Ja, sagt Jutta L. Mueller, Professorin für Kognitionswissenschaften an der Universität Osnabrück.

Die USA sind zweifellos der wichtigste "scientific hub" oder wissenschaftliche Verkehrsknotenpunkt der Welt. An einer wissenschaftlichen Konferenz nehmen gut und gerne 30 000 Menschen aus aller Welt teil. Dort findet ein Austausch statt, den es sonst nicht gäbe – so können zum Beispiel Schweizer Forschende auf japanische treffen, die sich sonst wahrscheinlich nie sehen würden. Diese Kontakte sind zentral für eine funktionierende Wissenschaft.

Wenn Präsident Donald Trump und seine Regierung den iranischen, irakischen, libyschen, somalischen, syrischen und jemenitischen Forschenden die Einreise verunmöglichen, sind sie von diesem wertvollen Austausch ausgeschlossen. Diese Diskriminierung aufgrund ihrer Nationalität oder Religion ist rassistisch, hemmt den wissenschaftlichen Fortschritt und verlangt daher einen klaren Widerspruch von uns.

Der Boykott soll sich keineswegs gegen einzelne US-Forschende richten. Wir sollten weiterhin mit ihnen zusammenarbeiten und mit ihnen in den USA und in andern Ländern Austausch pflegen. Konferenzen betreffen aber alle Forschenden, darum sollten sie in einem Land stattfinden, das allen die Einreise erlaubt. Kanada könnte eine gute Alternative sein.

Natürlich ist es zweifelhaft, ob sich die Trump-Regierung von einem Wissenschaftsboykott beeindrucken lässt. Die Erfolgsaussichten sind aber durchaus gegeben, da wir damit die Städte, Universitäten und zivilgesellschaftlichen Organisationen in ihrem Einwirken auf politische Veränderungen unterstützen. Grosse Konferenzen bringen auch wirtschaftlichen Gewinn – es liegt also auf der Hand, dies als Druckmittel einzusetzen, um die gefährdete Freiheit und Vielfalt der Wissenschaft einzufordern. Viele zentrale wissenschaftliche Fortschritte kommen aus den USA. Gerade weil wir an dieses wundervolle Land, seine Institutionen und sein Potenzial zur Veränderung glauben, sollten wir den Boykott unterstützen und damit die Kräfte des Fortschritts in den USA.

Klar verursacht jeder Boykott auch Kollateralschäden. Aber manchmal müssen wir eine kleine Ungerechtigkeit hinnehmen, um eine grosse zu bekämpfen. Selbstverständlich müsste man auch andere Staaten boykottieren, die den freien Austausch zwischen Wissenschaftlerinnen, Journalisten oder Künstlerinnen beschränken – beispielsweise die Türkei. Doch es geht um ein Abwägen der jeweiligen Erfolgsaussichten gegen die möglichen Schäden für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen. In einem freien Land wie den USA sind die Erfolgsaussichten hoch, und es bleibt zu hoffen, dass wir den Boykott nur während einer kurzen Zeit aufrechterhalten müssen.

Jutta L. Mueller ist Juniorprofessorin für Psycho- und Neurolinguistik am Institut für Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück. Sie pflegt wissenschaftlichen Austausch mit US-Wissenschaftlern weltweit auf Konferenzen und koordiniert Auslandsaufenthalte von Studierenden vieler Nationalitäten.

 

Nein, sagt Anna Fontcuberta i Morral, Professorin für Materialwissenschaft und Engineering an der EPFL.

Ein Boykott kann zweifellos eine sinnvolle Form des gewaltlosen Protests sein. Als sich Rosa Parker und die ganze schwarze Bevölkerung in Alabama weigerten, den Bus zu nehmen, um damit gegen die Rassentrennung im öffentlichen Raum zu protestieren, erreichten sie, dass solche Busse als verfassungswidrig erklärt wurden. Andere Boykotte hingegen wirkten kontraproduktiv: Der Boykott von Produkten der Familie Trump verschaffte diesen nur zusätzliche Publicity, die Umsätze schossen in die Höhe. Deshalb sollten wir davon absehen, Wissenschaftskonferenzen in den USA zu boykottieren, auch wenn wir über das diskriminierende Einreiseverbot für Menschen aus gewissen muslimischen Ländern schockiert sind. Ein Boykott würde zum jetzigen Zeitpunkt wesentlich mehr schaden als nützen.

Und solange das Einreiseverbot vom US-Bundesgericht nicht gutgeheissen wurde, ist ein Boykott auf internationaler Ebene schwierig zu verteidigen. Das US-Justizsystem verteidigt die Menschenrechte auf einem lobenswert hohen Niveau. Zudem wäre es auch nicht konsequent, weiterhin in andere Länder zu reisen, welche die Menschenrechte nicht achten. Mit einer politischen Diskussion würden wir nur die Unterscheidung nach Religion, die Trump macht, zusätzlich betonen. Mit einem Boykott von Konferenzen in den USA begeben wir uns auf dieselbe intellektuelle Stufe: Wir würden Forschende aus diesen Ländern noch stärker ins Rampenlicht rücken, ohne etwas zu ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung beitragen zu können. Ein solcher Boykott würde die Gefahr einer Eskalation oder sogar gewalttätiger Reaktionen gegen Forschende bergen, was schwierig zu stoppen sein könnte. Wir sollten lieber auf Dialog und diplomatische Initiativen setzen und die Administration Trump auf diesem Weg davon überzeugen, ihre Politik zu ändern, falls sie doch noch genehmigt wird.

Die Administration Trump kürzt die Gelder für die Wissenschaft beträchtlich. Eine Möglichkeit, Forschende in den USA zu unterstützen, besteht darin, sie weiterhin zu besuchen, damit ein Austausch und entsprechende Fortschritte trotz der harten Zeiten weiterhin stattfinden. Auch ist daran zu erinnern, dass eine Mehrheit der amerikanischen Wähler, und ganz bestimmt die Mehrheit der gut ausgebildeten Amerikaner, die Ansicht von Trump nicht teilen. Mit seiner Politik vertritt er nicht den Willen der US-Bevölkerung als Ganzes.

Ob uns das gefällt oder nicht: Die USA sind das führende Land in Sachen Forschung. Wenn wir auf ihr Spiel einsteigen, schaden wir führenden Forschungs- und Innovationsinstitutionen, womit wir uns auch selber schaden würden. Damit ein Boykott wirksam ist, muss er irgendwo weh tun. Der Montags-Boykott in Alabama erregte teilweise Aufsehen, weil im öffentlichen Verkehr grosse Verluste entstanden, da drei Viertel der Passagiere schwarz waren. Die Schweizer Forschenden können, wenn sie gegen US-Konferenzen protestieren, der Administration Trump nicht im Geringsten schaden, es sei denn, die ganze Welt schliesst sich diesem Schritt an. Sicher aber würde der Forschungsbereich in der Schweiz stark darunter leiden.

Anna Fontcuberta i Morral ist Leiterin des Labors für Halbleitermaterialien an der EPFL. Während eines ihrer beiden einjährigen Forschungsprojekte am California Institute of Technology war sie Mitbegründerin des US-Start-ups Aonex Technologies.