Wie kleine Dinge eine ganze Welt erzählen

07.07.2017

Wie kommt Sternanis in ein Grippemittel? Und Kohle in den Ofen? Die Ethnologin Annuska Derks untersucht, welchen Weg Alltagsdinge in Südostasien nehmen. Dafür hat sie in Vietnam geforscht.

(Aus "Horizonte" Nr. 113 Juni 2017)​​​

"In Vietnam gehören Kohlebriketts zum Alltag. Aber auch ein weitverbreiteter Gegenstand ist nicht einfach da. Briketts werden hergestellt, transportiert und gehandelt – daran hängen verschiedene Lebenswelten. Ich habe den ganzen Weg der Briketts verfolgt von der Mine bis in die Haushalte und Strassenküchen. Ich sprach mit mehr als 100 Menschen: im Tagebau mit den Bergleuten, ich besuchte Werkstätten am roten Fluss und begleitete die Händler, die die Briketts mit ihren Velos oder Push-Cars durch den chaotischen Verkehr in Hanoi transportieren, und sass neben den Kochtöpfen, unter denen Briketts brannten.

Meine Forschung geht über das eigentliche Objekt hinaus: Das Kohlebrikett war wie ein Fenster zur Analyse der vietnamesischen Gesellschaft. Ich habe viel gelernt über die Beziehungen zwischen dem Staat und dem privaten Sektor, über die Zusammenhänge zwischen Hausorganisation, Gender und Architektur oder über den Aufschwung religiösen Glaubens. Dabei wurde auch deutlich, dass abstrakte Prozesse wie Urbanisierung, wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung – sowie die daraus resultierende Ungleichheit – bis in die Küche beobachtbar sind. Kohlebriketts ersetzen erst seit den 1980er Jahren Holz, weil die Regierung die Abholzung stoppen wollte. Briketts wurden schnell populär, weil sie in spezielle Öfen passen, die man leicht mitnehmen und überall aufstellen kann. Mittlerweile hat sich ihr Image erneut gewandelt: Heute gelten sie als umweltfeindlich.

Gesellschaft ganzheitlich betrachtet

Anhand eines einzigen Gegenstands lässt sich eine Gesellschaft ganzheitlich anschauen. Dabei gibt es auch Überraschungen. Briketts werden nie am ersten Tag des Mondkalenders gekauft, weil das – nach Yin-Yang Prinzip – Unglück bringen soll.
Vietnam ist ein sozialistisches Land. Die Kohleminen gehören dem Staat, der den grössten Teil der Kohle exportiert. Neben den offiziellen Abbauorten wird Kohle durch Regen ins Freie gespült oder endet während des Transports auf Strassen. Vor allem Frauen sammeln die Stückchen. Diese Kohle ist minderwertig und wird in kleinen Werkstätten und Familienbetrieben in spezielle Formen gepresst. Endprodukt ist ein typischer Kohlezylinder mit mehreren Röhren, den die Einheimischen ‹Bienenstock› nennen.

Die Händler holen die Briketts mit umgebauten Velos oder neuerdings auch mit Töffs ab. Ich habe sie auf ihren Fahrten zu den Kunden begleitet. Männer und Frauen handeln mit den Briketts. Frauen sind traditionell stark in den Handel eingebunden.

Zusammen mit einer Kollegin von der McGill University in Montreal kam ich auf die Idee für das laufende Sternanis-Projekt. Sie forschte vor allem im Hochland von Vietnam, mein Kohleprojekt war im Tiefland angesiedelt. Uns fiel auf, dass Gewürze diese beiden Regionen verbinden. Sternanis und andere Gewürze werden im Hochland angebaut, geerntet, ins Tiefland transportiert und dort gehandelt, verarbeitet oder nach China und Indien exportiert. Auch die vietnamesische Küche braucht Sternanis – die Nudelsuppe Pho wird traditionell damit gekocht.

Würzen und gegen Grippe impfen

Anhand von Sternanis kann man sehr gut die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung von Vietnam beobachten. Das Land hat sich mit den Reformen von 1986 gewandelt. Dadurch ist der Preis deutlich angestiegen, was grosse Auswirkungen auf die Anbauregion hatte und natürlich auch auf den Handel. Zudem ist Sternanis für die Pharmaindustrie interessant: Er enthält Shikimisäure, das ist der Wirkstoff des Grippemittels Tamiflu. Nach dem Vogelgrippe-Ausbruch 2005 ist die Nachfrage nach dem Wirkstoff, also auch der Preis für Sternanis stark angestiegen. Danach sank der Preis wieder stark, weil andere Grippemittel auf den Markt gekommen sind und die Pharmaindustrie den Wirkstoff nun künstlich herstellen kann. Für die Menschen hatten diese globalen Veränderungen konkrete Auswirkungen: Einige Bauern, mit denen ich gesprochen habe, ernten ihre Sternanis-Bäume nicht mehr: Es ist zu aufwendig."

Aufgezeichnet von Anne-Careen Stoltze.