Anwendungsorientierte Grundlagenforschung: Externe Analyse empfiehlt massvolle Anpassungen

11.07.2017

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) hat seine Förderkategorie der "anwendungsorientierten Grundlagenforschung" extern evaluieren lassen und wird seine Abläufe aufgrund der unterbreiteten Vorschläge punktuell anpassen.

Der Schweizerische Nationalfonds fördert im Auftrag des Bundes die wissenschaftliche Forschung; der Schwerpunkt liegt dabei auf der Grundlagenforschung. Der SNF fördert zwar keine angewandte Forschung zur unmittelbaren kommerziellen Verwertung, aber er unterstützt Forschung, die in Beziehung zur Praxis steht und mit wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn verbunden ist. Im Jahr 2011 hat der SNF für solche Forschung die Kategorie 'anwendungsorientierte Grundlagenforschung' (use-inspired basic research) eingeführt, um eine adäquate Evaluation von Gesuchen mit einer starken Anwendungsorientierung gewährleisten zu können.

Im Verlaufe des letzten Jahres hat er mittels einer öffentlichen Ausschreibung das externe Wissenschaftspolitik-Beratungsunternehmen Technopolis beauftragt, diese Kategorie einer grundsätzlichen Überprüfung zu unterziehen. Besondere Aufmerksamkeit galt der Frage, was die Forschenden und die evaluierenden Instanzen unter anwendungsorientierter Grundlagenforschung verstehen. Zudem wurde analysiert, ob der Evaluationsprozess anwendungsorientierter Gesuche angemessen ausgestaltet ist.

Umfang und Ausrichtung wissenschaftlicher Forschung erweitert

Insgesamt kommt Technopolis zum Schluss, dass die Kategorie der anwendungsorientierten Grundlagenforschung dazu beigetragen hat, den Umfang und die Ausrichtung der beim SNF eingereichten Gesuche grundsätzlich zu erweitern. Eine prinzipielle Überarbeitung des Evaluationsprozesses und die Schaffung eines spezialisierten Förderungsinstruments in diesem Bereich wird als unnötig erachtet.

Die Analyse von Technopolis weist aber darauf hin, dass die Kategorie insgesamt verständlicher definiert werden sollte, damit Gesuchstellende, externe Experten sowie Mitglieder der Evaluationskomitees ein gemeinsames Verständnis entwickeln können. Mit diesem Ziel hat Technopolis eine nützliche Typologie anwendungsorientierter Gesuche erstellt.

Ergänzend zum Klärungsbedarf des Verständnisses der Förderkategorie halten die Autoren des Berichts fest, dass anwendungsorientierte Projekte eine tiefere Erfolgsquote ausweisen als Gesuche im Bereich der Grundlagenforschung. Nach ihrer Ansicht ist der Unterschied insbesondere mit dem anspruchsvolleren Charakter der doppelten Ausrichtung auf wissenschaftliche und praktische Aspekte in den anwendungsorientierten Forschungsprojekten zu begründen.

Die Analyse ortet darüber hinaus Verbesserungspotenzial im Umgang mit anwendungsorientierten Gesuchen im Evaluationsprozess. So sollen vor allem die Wirkung der Projekte im ausserwissenschaftlichen Bereich in der Evaluation besser berücksichtigt und vermehrt Experten und Expertinnen aus der Praxis beigezogen werden. Auch entspricht die Vielfalt der Forschungsräte und Panelmitglieder nicht der Vielfalt der eingereichten Gesuche.

Umsetzung der Handlungsempfehlungen

Der SNF hat aufgrund der Analyse beschlossen, verschiedene Massnahmen massvoll umzusetzen; diese sollen dazu führen, dass anwendungsorientierte Forschungsprojekte künftig angemessener evaluiert werden:

  • Verwendung der Typologie mit zentralen Elementen, die im Rahmen der Studie entwickelt wurden, um die Kategorie besser zu identifizieren.
  • Vollständige Umsetzung der vom SNF unterzeichneten "San Francisco Declaration on Research Assessment".
  • Verbesserte Erfassung der ausserwissenschaftlichen Bedeutsamkeit (broader impact) in den Beurteilungen sowie den Diskussionen im Forschungsrat während der Evaluation.
  • Einbezug von mindestens einem Experten/einer Expertin aus der Praxis pro Gesuchsevaluation.
  • Diversere Zusammensetzung der Evaluationsgremien, um der Vielfalt der Gesuche besser zu entsprechen.

Jana Koehler, Mitglied (2012 - 2016) des Fachausschusses Interdisziplinäre Forschung des Nationalen Forschungsrats und der Begleitgruppe der Evaluation, begrüsst die erarbeiteten Optimierungsansätze: "Bei der Entwicklung innovativer Anwendungen stossen wir oftmals auf sehr grundlegende ungelöste Probleme, die eine tiefgründige vertiefte Untersuchung von Grundlagenforschung erfordern. Die Kategorie der anwendungsorientierten Grundlagenforschung ermöglicht es Forscherinnen und Forschern, Inspirationen und Herausforderungen aus Anwendungen zu gewinnen, diese dann aber in freier und umfassender Grundlagenforschung zu untersuchen und so auch Horizonte zu eröffnen, die weit über den ursprünglichen Anwendungsbezug hinausgehen. Die Evaluation hat gezeigt, dass der Schweizerische Nationalfonds mit der Einführung dieser Kategorie auf einem sehr guten Weg ist, um die ganze Breite der Grundlagenforschung abzudecken. Die Evaluation gibt auch eine sehr gute Orientierung, mit welchen Massnahmen die Forschungsförderung weiter ausgestaltet werden kann. Eine breite Diskussion in der Forschungsgemeinschaft und die Umsetzung der Empfehlungen, wie zum Beispiel die bereits 2015 initiierte Diversifizierung der Expertenkommissionen, sind die nächsten Schritte."

Kontakt

Schweizerischer Nationalfonds
Ingrid Kissling-Näf
Leiterin Abteilung Geistes- und Sozialwissenschaften
Telefon +41 (0)31 308 22 56
use-inspired@snf.ch