Fake news: "Tatort" im Tulpenland

14.07.2017

Von Matthias Egger

(Aus "Horizonte" Nr. 113 Juni 2017)​​​

​Die Kamera schweift über die malerische Prinsengracht in Amsterdam, aber das Grauen ist gleich um die Ecke: Aus der Bouwersgracht wird die aufgedunsene Leiche eines jungen Mannes geborgen. Der Tote ist ein russischer Krebsforscher, der auf einer Internet-Plattform Millionen wissenschaftliche Artikel frei zugänglich und sich damit strafbar gemacht hat. In seiner Tasche hat er die Taxiquittung einer Fahrt zum Sonarweg 31, zum Hauptsitz des Greed-Elsegier-Konzerns, des mächtigsten Wissenschaftsverlags der Welt. Wenige Tage später wird dessen CEO tot im Bürostuhl aufgefunden.

Mit dem spannenden Plot illustriert diese Folge der erfolgreichen Krimireihe realitätsnah den skandalösen Monopolmissbrauch der Wissenschaftsverlage. Deren Geschäftsmodell ist genial: Sie privatisieren den mit Steuergeldern finanzierten Wissensgewinn. Die Verlage publizieren die Resultate der Forschung in Zeitschriften, die wiederum von den Universitäten für teures Geld – wieder Steuergeld – abonniert werden müssen. Der Markt wird von wenigen Verlagen beherrscht, die ihre Macht rücksichtslos ausnutzen: Mit steigenden Preisen haben sie längst Renditen von über 30 Prozent erreicht. Der Lohn des CEO von Reed Elsevier 2015 betrug 16 Millionen Pfund.

Diese "Tatort"-Folge muss erst noch gedreht werden. Das wäre eine gute Sache: Dann würden auch Öffentlichkeit und Politik für die Wichtigkeit der Open-Access-Bewegung sensibilisiert. Diese will verhindern, dass die Allgemeinheit das akademische Wissen erneut von den Verlagen zurückkaufen muss.

Aber wir werden nicht auf diesen "Tatort" warten. Wir haben die Macht, die Spielregeln zu ändern. Wir müssen endlich aufhören, dieses viel zu profitable Business mit öffentlichen Geldern zu alimentieren.

Matthias Egger ist seit Januar 2017 Präsident des Nationalen Forschungsrates.