Die krisenresistente Wirtschaft ist noch nicht erfunden

28.08.2017

Zehn Jahre nach dem Platzen der Immobilienblase kämpfen die wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen noch immer damit, sich zu reformieren, sagt Marc Chesney. Die Lehre umfasse nun auch psychologische und soziologische Aspekte, entgegnet Thomas Bieger im Doppelinterview. Moderation: Philipp Hufschmid

(Aus "Horizonte" Nr. 114 September 2017)​​​

Entwickeln sich Wirtschaft und Finanzen auf wissenschaftlichen Grundlagen? Marc Chesney, Professor für Finanzen an der Universität Zürich, kritisiert, die Wirtschaftswissenschaften hätten versäumt, ethische Aspekte und die Frage der natürlichen Ressourcen zu integrieren. Anderer Meinung ist Thomas Bieger, Rektor der Universität St. Gallen: "Ich bin überzeugt, dass wir die nötigen Lehren gezogen haben."

"Wieso hat das niemand kommen sehen?", fragte die englische Königin 2008 bei einem Besuch der London School of Economics. Herr Chesney, hätten die Wirtschaftswissenschaften die Finanzkrise voraussehen müssen?

Marc Chesney: Bildlich gesprochen ist es, wie wenn wir mit dem Auto trotz immer dichterem Nebel immer schneller fahren, bis es zu einem Unfall kommt. Wann er kommt, wissen wir nicht. Aber wir Ökonomen hätten rechtzeitig vor der Finanzkrise vor den Systemrisiken warnen müssen. Bis auf wenige Ausnahmen haben wir das nicht getan.

Wie sehen Sie das, Herr Bieger?

Thomas Bieger: Die Wirtschaftsentwicklung ist geprägt durch ein mehr oder weniger regelmässiges Auftreten von Wirtschafts- und Finanzkrisen. Ein berühmtes Beispiel ist die holländische Tulpenkrise in den 1630er Jahren. Der Mechanismus ist immer ähnlich: Es wird in etwas investiert, in Tulpen oder eben bis 2007 in Immobilien in den USA. Je mehr die Preise steigen, umso mehr Menschen investieren spekulativ mit geliehenem Geld, in der Hoffnung rasch hohe Gewinne zu machen. Bis dann die Blase platzt. Wobei natürlich jeder hofft, dass er rechtzeitig aussteigen kann. Dahinter steht ein zutiefst menschliches Phänomen: Man möchte mit wenig Aufwand schnell reich werden. Die Finanzkrise von 2007 wird also nicht die letzte gewesen sein. Sie war aber sehr gross, weil durch neue derivative Finanzprodukte ausserhalb der Bilanzen unerkannt hohe Risiken aufgebaut werden konnten.

Chesney: Finanzkrisen sind dennoch kein Naturgesetz. Anders als in einem Erdbebengebiet, in dem man immer mit Erdbeben rechnen muss, kann in der Finanzwelt vorgebeugt werden. Die Finanzkrise war mitunter die Folge einer zu hohen Verschuldung und der Entwicklung des Finanzkasinos, das nach der Aufhebung des Glass-Steagall-Gesetzes 1999 durch Präsident Clinton ausser Kontrolle geriet. Dieses Gesetz, das die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken vorschrieb, hatte dafür gesorgt, dass es zwischen 1933 und 1999 weniger Bankenkrisen gab. Es gibt also Spielraum für Politiker und Ökonomen, um Finanzkrisen entgegenzuwirken.

Bieger: Es stimmt, dass es weniger Bankenkrisen gab. Dafür gab es Öl- und auch schon Immobilienkrisen, weil auf andere Objekte "gewettet" wurde. Ich sehe die Aufgabe von uns Ökonomen einerseits darin, Instrumente für die Früherkennung und zur Bewältigung von Krisen zu vermitteln. Anderseits sollten wir Orientierungswissen schaffen, damit Politiker, Manager sowie Bürgerinnen und Bürger die Ereignisse einordnen können. Es gab Ökonomen, die vor der Finanzkrise gewarnt haben, doch wurden sie von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.
Die Wirtschaftswissenschaften sind Teil der Sozialwissenschaften, in denen das vorherrschende Paradigma der Konstruktivismus ist. Das heisst, das Verhalten von Menschen wird eben nicht durch die objektive Realität, sondern durch die wahrgenommene Realität geprägt. Wenn die dominierende Wahrnehmung ist, dass geltende ökonomische Gesetzmässigkeiten ausser Kraft gesetzt werden können − viele beispielsweise glauben, dass die Immobilienpreise bei zunehmender Verschuldung unendlich steigen können −, dann werden andere Meinungen kaum mehr zur Kenntnis genommen.

Welche Lehren müssen die Wirtschaftswissenschaften aus der Finanzkrise ziehen?

Chesney: Die Wirtschaftswissenschaften müssen einsehen, dass die Finanzkrise keine rein technische Krise war. Sie ist auch eine Krise der Werte. Ich zeige meinen Studierenden jeweils E-Mails von Händlern wie Jérôme Kerviel von der Société Générale, die dubiose Geschäfte gemacht haben, für die einige von ihnen ins Gefängnis mussten. Sie haben im Lauf ihrer Karriere alle Werte verloren. In den E-Mails vergleicht sich der eine mit Frankenstein, ein anderer mit einer Prostituierten, und der Dritte bezeichnet sich als süchtig nach Geld. Als Wirtschaftswissenschaftler haben wir die Verantwortung, in der Lehre nicht nur über Preise, sondern auch über Werte zu sprechen.

Werden angehenden Ökonomen zu wenig Werte vermittelt, Herr Bieger?

Bieger: Als direkte Reaktion auf die Wirtschaftskrise haben sich die Universität St. Gallen und andere Wirtschaftsuniversitäten weltweit mit der Frage befasst, was in Lehre und Forschung verbessert werden kann, beispielsweise im Rahmen der Globalen Allianz für Managementausbildung. Es braucht Massnahmen auf drei Ebenen. Erstens auf der technischen Ebene, indem nach der Ursache des Systemversagens gesucht und taugliche Regulierungen für Finanzinstrumente geprüft werden. Dazu müssen wir das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Finanzmärkten noch besser verstehen. An der HSG haben wir dafür 2011 eine School of Finance gegründet. Auf der zweiten Ebene geht es um Interdisziplinarität. Wir müssen die Wirkungskette vom Verhalten des Menschen bis hin zu den Märkten verstehen. Dafür braucht es eine integrative Denkweise, die über die Wirtschaft hinausgeht. Dies fördern wir in St. Gallen mit dem sogenannten Kontextstudium, in dem ein Viertel des Unterrichts in sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern wie Soziologie oder Geschichte stattfindet.

Dann geht es auf der dritten Ebene um Werte?

Bieger: Tatsächlich räumen wir dem persönlichen Verhalten und Fragen der Verantwortung grösseres Gewicht ein. So haben wir in fast jedem Studienprogramm Elemente eingeführt, in denen die Studierenden mit den Herausforderungen von Nachhaltigkeit und Verantwortung konfrontiert werden. Dabei geht es vor allem darum, dass sich Studierende durch Dilemma-Situationen selber besser kennen lernen und ihr Verhalten reflektieren können.

Wie funktioniert das?

Bieger: Wir haben zum Beispiel einen Handelsraum, in dem Marktsituationen durchgespielt werden können. Auch in Fallstudien wird vermehrt mit den Studierenden diskutiert, wieso sie in einer Situation eine bestimmte Entscheidung getroffen haben und was die Folgen wären, wenn sich alle Marktteilnehmer genau gleich verhielten. Das, was wir aus der letzten Krise lernen konnten, haben wir verarbeitet.

Sehen Sie weiteren Handlungsbedarf, Herr Chesney?

Chesney: Für eine akademische Karriere sind Publikationen in Top-Wissenschaftszeitschriften entscheidend. Diese sind im Finanzbereich stark von der Chicagoer Schule und insbesondere von deren Markteffizienzhypothese geprägt. Wer der Analyse dieser Schule kritisch gegenübersteht, hat deutlich kleinere Chancen, dort einen Artikel zu veröffentlichen. Die Folge davon ist, dass junge Ökonomen eher Themen mit mehr Publikationschancen wählen, um beruflich voranzukommen. Ein so wichtiges Thema wie Nachhaltigkeit kommt in den führenden Zeitschriften der Finanzwissenschaft aber nicht vor. Nötig wären also neue Top-Journale, die eine grössere Themenvielfalt ermöglichten.

Ist die freie Forschung durch den Zwang gefährdet, in bestimmten Top-Journalen zu publizieren?

Bieger: Verschiedene wissenschaftliche Gemeinschaften legen heute sehr grosses Gewicht auf Publikationen in Top-Zeitschriften. Manche Disziplinen werden tatsächlich stark durch einzelne Verlage oder bestimmte Netzwerke geprägt. Junge Forschende kommen nicht umhin, dort zu publizieren, wenn sie international wahrgenommen werden wollen. Mein Rat lautet deshalb: Man soll das eine tun, aber das andere nicht lassen.

Wir haben von Reformen der Institutionen gesprochen. Müssen auch gewisse Theorien und Modelle in den Wirtschaftswissenschaften überprüft werden?

Chesney: Ja. Es gibt heute leider viele Modelle mit wenig Bezug zur Realität. Zum Beispiel ist die Annahme, es gebe risikolose Anlagen, mit denen immer eine positive Rendite erzielt werden kann, heute schwer zu rechtfertigen. Sind zum Beispiel Staatsanleihen risikolos? Deren Renditen sind in der Schweiz oft negativ. Zeitweise war dies auch in Deutschland und Japan der Fall. Wir sollten genau hinschauen, welche Theorien und Modelle heute noch gültig und relevant sind und inwiefern neue Konzepte entwickelt werden müssen. Das wurde nicht wirklich gemacht. Wenn man die heutigen Vorlesungsverzeichnisse mit jenen von 2006 vergleicht, stellt man fest, dass sich nur wenig geändert hat.

Bieger: Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel geben: Die Annahme war immer, dass bei sinkenden Zinsen mehr Geld für Ausgaben zur Verfügung steht und folglich der Konsum steigt. Tatsächlich steigt aber in mehreren Ländern mit Negativzinsen die Sparquote. Eine Verhaltenshypothese ist, dass die Menschen realisieren, dass Negativzinsen Auswirkungen auf ihre Altersvorsorge haben und sie mehr sparen müssen, um die Einbussen wettzumachen. Genau deshalb ist für die Überprüfung von ökonomischen Modellen eine disziplinenübergreifende Sichtweise wichtig, die dem Menschen umfassend Rechnung trägt.

Nach der Finanzkrise wurde den Wirtschaftswissenschaften vorgeworfen, sie hätten es versäumt, Modelle für nachhaltiges Wachstum zu entwickeln. Wird dieses Thema heute angesprochen?

Chesney: Ich kenne keine Vorlesung in den Wirtschaftswissenschaften, die sich ernsthaft mit der Frage befasst, ob Wachstum für die gesamte Bevölkerung unbedingt erstrebenswert ist. Wachstum um jeden Preis scheint ein Dogma zu sein. Wachstumskritik ist weitgehend tabu. Es gibt zu viele Wirtschaftsmodelle, die vom Ressourcenverbrauch abgekoppelt sind. Wir müssen aber das Wachstumsstreben hinterfragen und versuchen, neue Modelle zu entwickeln.

Bieger: Das Konzept des nachhaltigen Wachstums, bei dem keine nicht erneuerbaren Ressourcen verzehrt werden, steht heute in allen Bereichen der universitären Ausbildung im Vordergrund. Auch in der Forschung ist das Konzept bei uns breit verankert: Wir haben mehrere Institute wie das Institut für Wirtschaftsökologie, an denen über Nachhaltigkeit geforscht wird. Wir haben eine Verantwortung gegenüber den ärmeren Regionen der Welt, in denen es eine stark wachsende Bevölkerung gibt. Dort besteht auf absehbare Zeit ein Bedarf nach hoffentlich nachhaltigem Wachstum

Wachstumskritik ist also in erster Linie etwas für unsere Wohlstandsgesellschaft?

Chesney: Ja. Wer mit weniger als zwei Dollar pro Tag überleben muss, wie es weltweit für unzählige Menschen der Fall ist, für den ist mehr auch besser. Wir sollten aber zumindest über die Art des Wachstums nachdenken und andere Paradigmen entwickeln.

Haben die Wirtschaftswissenschaften aus der Finanzkrise genug gelernt?

Chesney: Nein, es fehlen Anreize, um die Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen.

Bieger: Ich bin überzeugt, dass wir die nötigen Lehren aus der vergangenen Finanzkrise gezogen haben. Was mich umtreibt, ist, dass bisher nach der Krise immer vor der Krise war. Und dass wir wie immer nicht wissen, wo das nächste Problem entstehen kann.

Philipp Hufschmid ist Journalist und Redaktor bei der Berner Zeitung.