Was fehlt, wenn von allem genug da ist

06.10.2017

Die Schweiz ist als Wissenschaftstandort richtungweisend und könnte genau deshalb wichtige Chancen übersehen. Innovationsgeist und Risikobereitschaft ihrer Forschenden werden massgeblich über künftige Erfolge oder Misserfolge entscheiden. Von Ulf Büntgen

(Aus "Horizonte" Nr. 114 September 2017)​​​

Als einzige Hochschule in Kontinentaleuropa befindet sich die ETH Zürich seit Jahren auf Augenhöhe mit amerikanischen und britischen Spitzenuniversitäten. Hervorragende Forschungsbedingungen und üppige Löhne werden durch eine Vielzahl attraktiver Standortfaktoren ergänzt. Damit kann ein hoher Sättigungsgrad einhergehen, der zu Trägheit, sinkender Risikobereitschaft sowie schleichendem Innovations- und Kreativitätsverlust führt. Basisdemokratische Strukturen vermögen zudem Entscheidungsprozesse zu verzögern, genauso wie es Harmoniebestreben erschwert, individuelle Positionen zu entwickeln und auch zu verteidigen. Allzu gradlinig verlaufende Karrieren können sich sogar negativ auf die Performance von Wissenschaftlern auswirken.

Das ist Jammern auf höchstem Niveau, und jedem Wissenschaftler sei ein sicheres Anstellungsverhältnis gegönnt. Trotzdem ist das Erkennen von Irritationen besonders in grossen und wenig flexiblen Organisationen wichtig. Die eidgenössische Forschungselite sollte daher, in ihrer eigenen und souveränen Art, auch auf kleinste Signale frühzeitig reagieren. Für eine nachhaltige Bildungspolitik müssen wir internationale Zusammenarbeit und Auslanderfahrung, interdisziplinäre und unkonventionelle Projekte, hohe Risikobereitschaft und Innovationskraft, kritische Diskussionskultur und das Verlassen persönlicher Komfortzonen sehr hoch bewerten. Besonders gefragt sind diejenigen Leistungsträger, deren Karrieren auf genau den hier skizzierten Eckpfeilern aufbauen. Um in internationalen Vergleichen bestehen zu können, orientieren sich Forschende besser an dynamisch verlaufenden Entwicklungsprozessen, statt sich am Status quo zu erfreuen. Und Fördergremien sollten auch in Zukunft die nötigen Anreize schaffen, um besonders hungrige Macher und unbequeme Querdenker zu unterstützen.

Ulf Büntgen ist seit Januar 2017 Professor für Umweltsystemforschung am Geografischen Institut der Universität Cambridge, GB. Zudem ist er Senior Scientist an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), wo er 14 Jahre lang geforscht hat.