Zwischen Filterblasen, ungleicher Sichtbarkeit und Transnationalität

06.12.2017

Das Internet wäre nichts ohne Hyperlinks. Sie machen das Netz erst zu einem Netz. Sie definieren die Wege, über die sich die Nutzer Inhalte erschliessen. Zudem bestimmen sie mit, welche Ergebnisse Suchmaschinen prominent anzeigen. Hyperlinks werden weder gleichmässig noch zufällig gesetzt. Was bedeutet das alles für den politischen Diskurs? Und welche Akteure erhalten eine überproportionale Sichtbarkeit? Eine Studie geht dieser Frage nach.

Ein Forscherteam von Berner Kommunikationswissenschaftlern (Silke Adam, Thomas Häussler, Ueli Reber und Hannah Schmid-Petri) wollte wissen, wie Hyperlinks politische Debatten im Netz prägen und welche Akteure in solche Debatten involviert sind. Als Anschauungsbeispiel diente die Klimawandeldebatte. Das Forscherteam untersuchte, wie dieses Thema im Internet in der Schweiz, Deutschland und Grossbritannien sowie den USA diskutiert wird. Pro Land wurden dabei die Internetaktivitäten von acht zivilgesellschaftlichen nationalen Akteuren beobachtet. Sie stammen zu gleichen Teilen aus gegnerischen Lagern, setzten sich also hälftig aus Klimawandel-Warnern und Klimawandel-Skeptikern zusammen. Anhand eines Schneeball-Verfahrens wurde die Hyperlinkstruktur ihrer Debatte sichtbar gemacht. Damit konnte analysiert werden, welche Akteure mit welchen Positionen die Netzwerke strukturieren.

Die Studie (*) zeigt: Gleich und gleich gesellt sich gern. Hyperlinks werden verstärkt auf die Akteure des eigenen Lagers gerichtet, während die Verlinkung über die eigenen Lagergrenzen hinaus bedeutend schwächer ist. Es lassen sich also auch in der Klimawandeldebatte Ansätze für sogenannte Echokammern oder Filterblasen nachweisen. Auch im grenzenlosen Internet gibt es also scharf voneinander abgegrenzte politische Lager, die weitgehend unter sich bleiben.

Allerdings lassen sich Unterschiede in den einzelnen Ländern nachweisen, was mit der jeweiligen Intensität der politischen Debatte erklärt werden kann. Je umstrittener das Thema, desto reger die Verlinkung innerhalb und zwischen den politischen Lagern. In den USA, wo das Thema am stärksten polarisiert, orientieren sich die Lager stärker aneinander als in Europa. Die Beschäftigung mit dem gegnerischen Lager dient in aller Regel aber nicht einer gegenseitigen Annäherung. Sie verfolgten vielmehr das Ziel, Argumente zu sammeln, um den Gegner zu widerlegen, sagt Thomas Häussler.

Interessanterweise weisen die Befunde der Studie auch darauf hin, dass insbesondere Klimawandel-Skeptiker stark von Online-Debatten profitieren. Sie erhalten eine überproportionale Sichtbarkeit im Netz. Der Grund dafür ist ihre eigene Hyperlink-Strategie; sie verschaffen sich durch ihr intensives Setzen von Links selber eine hohe Sichtbarkeit. In einem polarisierten Umfeld wie in den USA trägt dieser Umstand dazu bei, dass die klassischen Medien online ausgewogen auf beide Seiten der Debatte verlinken. 

Zu guter Letzt zeigt die Studie auf, dass Internetdebatten stark transnational, also über nationale Grenzen hinaus verlaufen. Dieser Befund gilt primär für die europäischen Länder. Deren Akteure orientieren sich stark am Diskurs im angelsächsischen Raum. Gerade für die Schweizer Klimadebatte ergibt sich damit ein Netzwerk, das nur zu 15 Prozent aus Schweizer Akteuren besteht. Die Befunde sind Teil des Forschungsprojektes "Politisches Agenda-Building in Zeiten eines hybriden Mediensystems".(*)

(*) Häussler, T., Adam, S., Schmid-Petri, H., & Reber, U. (2017). How political conflict shapes online spaces: A comparison of climate change hyperlink networks in the United States and Germany. International Journal of Communication, 11, 3096–3117. http://ijoc.org/index.php/ijoc/article/view/5644/2102

Häussler, T. (2017, online first). Heating up the debate? Measuring fragmentation and polarisation in a German climate change hyperlink network. Social Networks. doi.org/10.1016/j.socnet.2017.10.002

Adam, S., Häussler, T, Schmid-Petri, H., & Reber, U. (2017, under review). Coalitions and counter-coalitions in online contestation. Manuscript.

Kontakt

Thomas Häussler, Postdoktorand
Universität Bern
Institute of Communication and Media Studies
Tel.: +41 31 631 38 47
thomas.haeussler@ikmb.unibe.ch

Silke Adam, Professorin
Universität Bern
Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
Tel. +41 31 631 4848
silke.adam@ikmb.unibe.ch