Wenn digitale Technologien die Literatur neu erfinden

23.04.2019

Der Preis Optimus Agora des SNF geht an Antonio Rodriguez für ein Ausstellungsprojekt, das die Literatur der Zukunft erkundet.

​Die Ausstellung "Digital Lyric" wird 2020 im Schloss von Morges (VD) gezeigt und bietet dem Publikum eine interaktive Erkundung von Literatur mittels digitaler Technologien. Das Projekt unter der Leitung von Antonio Rodriguez, Professor für moderne französische Literatur an der Universität Lausanne, wird mit dem Optimus-Preis des SNF-Programms Agora ausgezeichnet, das originelle Formen der wissenschaftlichen Kommunikation fördert. Die Preisverleihung erfolgt anlässlich der Konferenz ScienceComm’19 im September 2019.

Weshalb vermischen Sie Informatik und Literatur?

Die Poesie ist geradezu ein Paradebeispiel für den aktuellen Trendwechsel von Papier zum Digitalen, da sie seit jeher neue Textträger vereinnahmt. In der westlichen Welt wurde Literatur Ende des 19. Jahrhunderts auf gedruckte Publikationen reduziert, die wir still lesen. Doch traditionell existierten wesentlich vielfältigere Formen: Literatur wurde vorgetragen, gesungen, getanzt. Dank digitalen Technologien können wir nun diese verschiedensten multimedialen Elemente zu neuem Leben zu erwecken und vor allem neue Möglichkeiten zum Erleben von Gedichten erfinden.

Was bietet Ihre Ausstellung konkret?

Sie wird aus acht Räumen bestehen. Die Besucherinnen und Besucher können ihre Vortragskompetenz durch eine virtuelle Masterlektion verbessern, die ihnen in Echtzeit ihre Fortschritte aufzeigt. Oder ein Gerät ausprobieren, das mit künstlicher Intelligenz automatisch Gedichte verfasst, die je nach Anweisung mehr Liebe, Melancholie oder Freude enthalten und sogar berühmten Dichtern nachempfunden sind. In einem Raum wird mit Augmented Reality die Realität einer künstlerischen Darbietung computergestützt erweitert. Und Algorithmen auf der Basis von Big Data generieren neue Anthologien (Anm.d.Red.: Textsammlungen) – ein typisches Beispiel der Digital Humanities, der neuen digitalen Disziplin der Geisteswissenschaften.

Mit dem Preis Optimus Agora können Sie für zwei Wochen nach San Francisco reisen, in die Metropole der neuen Technologien. Was erhoffen Sie sich davon?

Erstens, möchte ich die Netzwerke von Swissnex und Pro Helvetia zusammenbringen, um das herausragende poetische Erbe der Westschweiz – Byron, Hugo, Rilke, Borges haben es zelebriert – besser bekannt zu machen, aber auch unser Wissen, unsere Organisation und unsere Innovationskraft.

Wie sehen Sie die Digitalisierung?

Sie sollte nicht anonym, beängstigend oder seelenlos, sondern ganz im Gegenteil in einem Gebiet verankert sein, die Kreativität unterstützen und uns Sprache, Stimme und Körper näherbringen. Kurz: Sie sollte es uns ermöglichen, menschlicher zu werden. Mit dieser Ausstellung wollen wir gewisse Berührungsängste abbauen, sowohl vor der Digitalisierung als auch vor der Poesie als Sparte für eine kleine Elite.

Ausstellung Digital Lyric

Im Schloss Morges wird vom 14. Februar bis zum 10. Mai 2020 die Ausstellung "Digital Lyric" präsentiert, d.h. vom Valentinstag bis zum Muttertag ("zwei beliebte poetische Bräuche", wirft Antonio Rodriguez ein). Geleitet wird das Projekt von Fachpersonen aus den Bereichen Literatur, Informatik und Geografie der Universität Lausanne, der EPFL, der Hochschule für Ingenieurwissenschaften des Kantons Waadt (HEIG-VD) und der Hochschule für Kunst und Design Genf (HEAD). Das Projekt wird durch das SNF-Programm Agora finanziert.

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