NFS Mediality 

Kreative Unruhe in der Medien-Ausstellung

Wissen aus der Forschung einem interessierten Publikum näher bringen – das war das Ziel mehrerer Ausstellungen des Nationalen Forschungsschwerpunkts (NFS) "Mediality – Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen: Historische Perspektiven", mit denen der Blick auf Medien verändert werden sollte.


Wer von Medien spricht, meint meistens Zeitungen, Fernsehen und Radio – oder neue Phänomene der Massenkommunikation über Internet wie Facebook oder Twitter. Die Forschenden des NFS "Mediality" begnügen sich nicht mit dem Blick auf ein einzelnes Medium oder die damit verbundene Technologie. Vielmehr interessieren sie sich für komplexe Mediensituationen bereits vor der Ausbreitung der modernen Massenmedien.
Sie stellen Fragen wie diese: Was kann als Medium genutzt werden und unter welchen Umständen kann ein Medium Sinn stiften oder auch Macht ausüben? "Unser Interesse gilt den Bedingungen und geschichtlichen Dimensionen von Medialität", erklärt Martina Stercken vom Historischen Seminar der Universität Zürich und Koordinatorin des NFS "Mediality". "Ein solches kulturgeschichtliches Verständnis von Medien hat bisher noch keine Sprache gefunden."

Wenn Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler ihre Erkenntnisse festhalten, dann tun sie das normalerweise in Fachzeitschriften oder Artikeln für Sammelbände. Doch im NFS "Mediality" ging der Ehrgeiz der Forscher über die wissenschaftliche Abhandlung hinaus. Sie haben das 175-Jahre-Jubiläum der Universität Zürich – der Heiminstitution des NFS – 2008 zum Anlass genommen, der breiten Öffentlichkeit die Früchte ihrer Arbeit zu präsentieren. Die Idee war, Wissen aus der Forschung zum interessierten Publikum zu bringen. "Die Besucher sollten bei der Betrachtung historischer Objekte unbekannt gewordene Bedeutungen und Funktionen von Medien entdecken – und vielleicht ein wenig irritiert werden", sagt Martina Stercken.

Das Ergebnis dieser kreativen Unruhestiftung waren vier Ausstellungen, die im vergangenen Jahr an zwei Standorten in Zürich, aber auch in der Stiftsbibliothek St. Gallen und im Museum Burg Zug gezeigt worden sind. Sie haben unterschiedliche kulturelle und zeitliche Schwerpunkte gesetzt, gemeinsam ist ihnen die Beschäftigung mit der Sinn bildenden Kraft, die von der Schrift und ihrer Gestaltung ausgeht – vom Mittelalter bis heute.

"Mit den Erscheinungsformen von Schrift in der alteuropäischen Kultur lassen sich Grundsätze medialer Verhältnisse erkennen, die in der Gegenwart wieder an Bedeutung gewinnen", schreiben die Ausstellungsmacher. Zwei Objekte aus den vier Ausstellungen zeigen, wie gut der Transfer von Wissen über die Vergangenheit in die heutige Zeit und vom Studierzimmer ins Scheinwerferlicht gelungen ist. 1480 verfasste der Einsiedler Dekan Albrecht von Bonstetten eine Beschreibung des eidgenössischen Gebiets. Sie enthält die erste Karte der Eidgenossenschaft – bestehend aus mehreren Kreisen. In der Mitte ist die zur Königin der Berge stilisierte Rigi abgebildet. Rundherum sind die Schriftzüge der damals acht zugehörigen Orte geografisch korrekt angeordnet. "Was auf den ersten Blick als naive Darstellung erscheinen mag, ist bis ins Detail durchdacht", erklärt Martina Stercken. Albrecht von Bonstetten übernimmt das Schema der mittelalterlichen Darstellung der Welt, rückt aber die Eidgenossenschaft ins Zentrum statt – wie für viele mittelalterliche Karten üblich – Jerusalem. Damit bindet er den Bund der Eidgenossen in die christliche Heilsgeschichte ein und weist ihm einen heiligen Ursprung zu. Ausserdem konstruiert Albrecht von Bonstetten geschickt ein Geschichtsbild – er stellt die Eidgenossenschaft als eine ideale Einheit dar, die schon damals so nicht existierte.

Etwas früher als Bonstettens Karte – nach 1455 – entstand das "Exemplar"  des Mystikers Heinrich Seuse: ein "Musterbuch" für die rechte Lebensführung. Darin stellt der Dominikaner in einem Kreislauf dar, wie der Mensch zuerst Gott in seine Seele aufnimmt und dann im Göttlichen aufgeht. Die Illustration versucht, diesen an sich unbeschreibbaren mystischen Vorgang figürlich zu veranschaulichen. Die Dreifaltigkeit Gottes ist allerdings nur in abstrakter Form zu sehen, nämlich als dreifache Ringfigur. Damit wird die Frage aufgeworfen, ob Gott überhaupt bildlich darstellbar ist. Letztlich könne man Heinrich Seuses Illustration über die Funktion von Bildern als frühe Form einer dialektischen Medienkritik verstehen, wie Cornelia Herberichs vom Deutschen Seminar der Universität Zürich erläutert.

Handschriften, Urkunden oder Bilder: In der Schweiz existieren viele historische Objekte, an denen exemplarisch gezeigt werden kann, wie Medien in bestimmten Kontexten und Situationen funktionieren. "Diese in einer Ausstellung zu präsentieren war eine Herausforderung für die jungen Forscherinnen und Forscher des NFS, die sich in ihren Projekten mit historischen Formen der Inszenierung befassen", sagt Martina Stercken.
Die Ausstellungen waren gut besucht und die Reaktionen sehr positiv. Und wer gelernt hat, Albrecht von Bonstettens erste Karte der Eidgenossenschaft zu entschlüsseln, der nimmt möglicherweise auch die suggestive Kraft von Illustrationen in der Zeitung oder im Internet das nächste Mal bewusster wahr.

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