NFS Nord-Süd 

Eine Welt – eine Gesundheit

Moderne Forschung im Gesundheitswesen soll möglichst ganzheitlich sein. Deshalb arbeiten Forschende vom Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) "Nord-Süd – Forschungspartnerschaften zur Linderung von Syndromen des Globalen Wandels" nach dem Prinzip "One Health", bei dem die herkömmliche Trennung zwischen Tier- und Humanmedizin radikal aufgebrochen wird.

Moderne Forschung im Gesundheitswesen sollte heute möglichst ganzheitlich angegangen werden. Einer, der diesen Ansatz konsequent umsetzt, ist Jakob Zinsstag, Tiermediziner am Schweizerischen Tropeninstitut in Basel und zugleich stellvertretender Bereichsleiter im NFS "Nord–Süd". Darin suchen die Forscher nach Strategien, um die öffentliche Gesundheit in Entwicklungsländern zu verbessern und dabei alle Beteiligten einzubeziehen. Zu den Beteiligten gehören für Jakob Zinsstag auch Nutztiere. Grundlage hierfür ist das Konzept "One Health", bei dem die herkömmliche Trennung zwischen Tier- und Humanmedizin radikal aufgebrochen wird. Die Erfolge dieses zwar einleuchtenden, aber oft vernachlässigten Vorgehens sprechen für sich.

"Das ‹One-Health›–Konzept hat derzeit eine grosse Breitenwirkung", sagt Jakob Zinsstag, der 2005 seine Strategie in einem viel beachteten Beitrag im medizinischen Fachjournal "The Lancet" umrissen hat. Anstatt Tiere und Menschen separat zu betrachten und zu behandeln, sollen deren Krankheiten interspezifisch analysiert und angegangen werden. Damit passt das Projekt perfekt in die Philosophie des NFS "Nord-Süd".

Konkret setzt Jakob Zinsstag an zwei Punkten an. Der erste Ansatzpunkt ist das öffentliche Gesundheitswesen. Die Gruppe der Forschenden um Jakob Zinsstag hatte in einer früheren Studie entdeckt, dass bei den nomadischen Viehzüchtern im Tschad der grösste Teil der Tiere zwar geimpft war, die Bevölkerung dagegen kaum. Offenbar funktionierte in diesen Gesellschaften die Tiermedizin gut; die Kindersterblichkeit war allerdings sehr hoch. Deshalb gingen die Forscher dazu über, die Impfkampagnen von Tier und Mensch zusammenzulegen. Damit konnten Ressourcen gespart und mehr Menschen erreicht werden. Ob gegen Milzbrand oder Masern, die Kühl- und Transportkette für die Impfstoffe ist in beiden Fällen dieselbe.

Die Strategie war zumindest im Tschad erfolgreich: Vor Beginn der Kampagne war so gut wie kein Kind vollständig gegen Masern, Tuberkulose, Polio, Tetanus, Diphterie und Keuchhusten geimpft. Heute sind im Studiengebiet immerhin 40 Prozent der Kinder voll- und 80 Prozent teilgeimpft.

Der zweite Ansatzpunkt im Konzept des Basler Veterinärmediziners ist die Bekämpfung von Zoonosen, das heisst, Krankheiten, die von Tier zu Mensch übertragbar sind. Das Wissen der Human- und Tiermediziner wird dabei zusammengebracht. Das beginnt bei der Diagnose und geht bis zu den Behandlungen wie den Impfungen. Das Team von Jakob Zinsstag hat solche kombinierten Strategien wissenschaftlich ausgewertet. Die Forschenden konnten zeigen, dass sich die konsequente Impfung der Tiere zum Beispiel gegen Brucellose trotz der hohen Impfkosten lohnt, wenn man nicht nur den Nutzen für das Gesundheitssystem, sondern auch den für alle betroffenen Bereiche der Gesellschaft berücksichtigt.

Diese umfassenden Projekte können erfolgreich sein, wenn sie alle Beteiligten frühzeitig einbeziehen und kulturelle Unterschiede berücksichtigen. "Die Zusammenarbeit mit den Partnern des Südens ist eine Stärke des NFS ‹Nord-Süd›", sagt Jakob Zinsstag. In 2004 erhielt er für seinen ganzheitlichen Forschungsansatz den "Swiss Transdisciplinarity Award". Und das Konzept "One Health" findet immer mehr Anhänger. Inzwischen haben sich auch die wichtigen Fachgesellschaften der amerikanischen Ärzte und Tierärzte in einem Konzeptpapier auf diese Strategie eingeschworen. Das Wissenschaftsmagazin "Science" hat erst kürzlich darüber berichtet und dabei die Basler Forschenden als einzige europäischen Vertreter dieser Strategie zu Wort kommen lassen.

Mittlerweile geht Jakob Zinsstag über das "One-Health"-Konzept hinaus; ihm schwebt ein radikal systemtheoretischer Ansatz im Bereich des Gesundheitswesens vor. "In einem solchen Ansatz müssen wir die Dynamik aller nichtlinearen Prozesse berücksichtigen – von der Ausbreitung einer Infektionskrankheit bis zu den gesellschaftlichen Reaktionen darauf." Darunter versteht Jakob Zinsstag explizit auch die emotionale Seite als Teil des Wohlbefindens, die bisher oft vernachlässigt wurde. "Eine Krankheit wie zum Beispiel die Tollwut bringt immer auch eine emotionale Last mit sich."

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